Utopia Image

Skandal um Vinted-Fotos: Sexuelle Belästigung auf Secondhand-Plattform

Skandal um Vinted-Fotos: Sexuelle Belästigung statt Secondhand
Foto: CC0 Public Domain - Unsplash/ appshunter.io

Vinted-Nutzerinnen erhielten offenbar wiederholt sexualisierte Nachrichten. Eine Recherche zeigt: Hinter den Belästigungen steckt ein Telegram-Kanal, der ihre Fotos und Daten ohne Einwilligung verbreitete.

Nutzerinnen der Secondhand-Plattform Vinted sind offenbar in sexualisierten Telegram-Kanälen ohne ihr Wissen und Einverständnis ins Visier genommen worden. Wie aus gemeinsamen Recherchen von NDR, WDR und der Süddeutschen Zeitung (SZ) hervorgeht, tauchten Fotos von mehr als 130 Frauen in einem Telegram-Kanal namens „Girls of Vinted“ auf. Die Bilder stammten aus Vinted-Profilen, die sogenannte Tragebilder zeigen, also Fotos, auf denen Nutzerinnen die angebotene Kleidung selbst präsentieren.

Vinted-Nutzer:innen wussten nichts von Telegramgruppe

Die SZ geht in ihrer Berichterstattung unter anderem auf den Fall von Bella ein, eine 26-jährige Studentin aus Berlin. Bella hatte Anfang Februar 2025 bemerkt, dass sie über Vinted vermehrt sexualisierte Nachrichten erhielt – unter anderem mit Anspielungen auf ihre Unterwäsche. Ihre Tragebilder waren zuvor ohne ihr Wissen im Telegram-Kanal veröffentlicht worden. Auch Sonja (32), Juristin aus Heidelberg und langjährige Vinted-Nutzerin, erhielt nach eigenen Angaben täglich anstößige Nachrichten – obwohl sie bewusst keine Bilder mit Gesicht hochlade.

Der Telegram-Kanal „Girls of Vinted“ wurde seit Juni 2024 betrieben und zählte zuletzt über 2.000 Mitglieder. Betreiberin soll laut Kanalbeschreibung eine Frau namens „Sara“ aus Mailand sein, deren Identität jedoch nicht verifiziert ist. Die Administratorin bot zudem kostenpflichtige Sex-Chats und Videos über Telegram an. Nach Kontaktversuchen durch Journalist:innen und öffentlicher Berichterstattung kündigte „Sara“ an, den Kanal zu löschen. Einen Tag später waren sowohl ihr Account als auch der Kanal nicht mehr erreichbar. Telegram teilte auf Anfrage mit, der Kanal sei wegen Verstößen gegen die Nutzungsregeln entfernt worden.

Laut der Recherche nutzen offenbar einzelne Nutzer:innen Vinted tatsächlich, um bewusst für sexuelle Dienstleistungen zu werben, etwa durch entsprechende Profilbeschreibungen und Kontaktangaben. Im Telegram-Kanal wurden solche Accounts jedoch nicht von denen unterschieden, deren Inhalte ohne deren Wissen zweckentfremdet wurden.

“Girls of Vinted”: Plattform äußert sich zu den Vorfällen

Die Plattform Vinted, mit weltweit über 65 Millionen Nutzer:innen, erklärte gegenüber den Medien hinter der Recherche, man verfolge eine Null-Toleranz-Politik gegenüber sexuell-expliziten Inhalten und ermögliche das Melden unangemessener Nachrichten. Accounts, die gemeldet werden, würden laut Nutzerinnen wie Bella und Sonja in der Regel innerhalb einer Woche gesperrt – neue Belästigungen durch andere Nutzer:innen blieben jedoch nicht aus.

Vinted stand in der Vergangenheit schon aus verschiedenen Gründen in der Kritik. Wie die Verbraucherzentrale schreibt, löschte der Anbieter Kundendaten trotz Aufforderung nicht und soll „Shadow Banning“ betrieben haben – also unbemerktes Benachteiligen unerwünschter Nutzer:innen. Nutzer:innen warfen der Plattform laut SWR auch Untätigkeit gegen Betrugsfälle vor, die sich auf der Plattform häufen sollen.  

Klarer Verstoß gegen Persönlichkeitsrechte

Jurist Max Dregelies von der Universität Trier erklärt gegenüber NDR und WDR, das unerlaubte Teilen der Bilder sei ein klarer Verstoß gegen Datenschutz- und Persönlichkeitsrechte. Eine Anzeige sei grundsätzlich möglich – allerdings sei es für Betroffene oft schwierig, den oder die Verantwortliche zu identifizieren. Telegram selbst hat keinen Sitz in der EU, was rechtliche Schritte zusätzlich erschwert.

Sonja hat sich dennoch zur Anzeige entschlossen. „Ich habe nichts falsch gemacht“, sagt sie – und wolle sich durch digitale Übergriffe nicht einschränken lassen. Die Recherchen legen nahe, dass weitere Kanäle mit ähnlicher Struktur bestehen und der Kanal „Girls of Vinted“ nur ein Teil eines größeren Problems ist.

Utopia meint:

Keine Frage: Plattformen machen es sich zu leicht, wenn sie nur darauf verweisen, Vorfälle zu melden. Denn hier handelt es sich um organisierten Missbrauch der Plattform, nicht um einzelne Fälle. Die Betroffenen, deren Daten in „Girls of Vinted“ widerrechtlich veröffentlicht wurden, erhielten teils mehrfach täglich sexualisierte Anfragen und kamen mit dem Melden nicht mehr hinterher. Vinted sollte dringend Verantwortung übernehmen und Maßnahmen ergreifen.

Wer Secondhandkleidung verkaufen möchte, geht aktuell leider ein Risiko ein, wenn man „Tragebilder“ postet. Alternativ kann man Kleidung auf Kleiderpuppen oder Kleiderbügeln fotografieren. Noch einfacher ist es, auf Plattformen wie Momox auszuweichen. Diese kaufen gebrauchte Kleidung an, Momox übernimmt das Erstellen der Bilder für den eigenen Onlineshop.

Verwendete Quellen: SZ, Tagesschau (Text von NDR und WDR), VZ, SWR

** mit ** markierte oder orange unterstrichene Links zu Bezugsquellen sind teilweise Partner-Links: Wenn ihr hier kauft, unterstützt ihr aktiv Utopia.de, denn wir erhalten dann einen kleinen Teil vom Verkaufserlös. Mehr Infos.

War dieser Artikel interessant?

Vielen Dank für deine Stimme!