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Warum das „Subway Shirt“ vom eigentlichen Problem ablenkt

Frauen versuchen sich mit einem "Subway Shirt" zu schützen
Fotos: Screenshot TikTok quesoscorpio / rae.hersey

Sie wollen sich vor belästigenden Blicken und anderen Übergriffen schützen: mit Hilfe eines „Subway Shirts“. Auf TikTok berichten derzeit junge Frauen, warum sie sich in der U-Bahn lieber bedecken. Das aber darf laut einem Sexualforscher nicht vom eigentlichen Problem ablenken.

Auf TikTok halten junge Frauen derzeit ihr sogenanntes „Subway Shirt“ in die Kamera. Die Sommer-Saison hat begonnen, sie tragen leichtere und weniger Kleidung – ein Problem, wenn es darum geht, ungestört in der New Yorker U-Bahn zu sitzen, berichten die Betroffenen. Denn: andere Menschen würden das als Einladung für sexuelle Belästigung sehen.

Die Frauen auf der Social-Media-Plattform befürchten Pfiffe, unangenehme Blicke, ungewollte Berührungen und weitere Übergriffe. Ein weites „Subway Shirt“ soll dem entgegenwirken, erzählt unter anderem die TikTok-Userin Fionaylin. Sie erklärt: „Jetzt, da es in New York endlich wärmer wird, ist hier deine Erinnerung daran, immer ein Shirt oder eine Jacke über deinem hübschen Outfit zu tragen, um dich zu schützen.“

Das „Subway Shirt“ sei „eine Möglichkeit, sicher von A nach B zu kommen“

Auch Claire Wenrick teilt die Sorge vor sexuellen Übergriffen. Dem Guardian sagt die 24 Jahre alte New Yorkerin, das „Subway Shirt“ sei „eine Möglichkeit, sicher von A nach B zu kommen“. „Ich möchte nicht zur Zielscheibe werden, so komisch das auch klingt“, so Wenrick.

Ajana Grove, die vom US-Bundesstaat Nebraska nach New York zog, erklärt gegenüber dem Guardian, warum sie sich einhülle. „Ich habe schnell gelernt, dass ich herumlaufen und tun kann, was ich will, solange ich bedeckt bin. Jedes Mal, wenn ich mein Subway-Shirt vergesse, bereue ich es sofort und denke darüber nach, umzukehren“, wird Grove zitiert.

Sexualforscher: Eigentliches Problem sind „Sexismus und Männerdominanz“

Dabei handelt es sich Expert:innen zufolge um einen weit verbreiteten Irrglaube, dass die Kleidung von Opfern von Sexualdelikten oder -straftaten ausschlaggebend für die Vergehen sind. Dem ZDF sagt der Sexualwissenschaftler Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß von der Hochschule Merseburg, dass die Schuldsuche bei den Outfits der Betroffenen reine Täter-Opfer-Umkehr sei. Voß zufolge sind die eigentlichen Probleme „Sexismus und Männerdominanz“. Eine Täter-Opfer-Umkehr fängt laut Voß da an, wo dem Opfer eine Mitschuld geben wird. Er sagt, dass jede Person – egal wie sie gekleidet ist – ein Recht darauf habe, „dass die eigenen Grenzen gewahrt bleiben“.

Doch noch immer wird in Gesellschaften den Betroffenen sexualisierter Gewalt der Vorwurf gemacht, sich vermeintlich falsch oder aufreizend gekleidet zu haben.

Viele Frauen von sexualisierter Gewalt betroffen

Wie das ZDF schreibt, zeigt die Forschung an der Hochschule Merseburg zu Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen, dass nahezu alle befragten Mädchen und Frauen angegeben hätten, bereits Belästigung erlebt zu haben. Laut Voß wurden Personen ab 18 Jahren in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen befragt. Und jede dritte Frau in Deutschland soll dem Familienministerium zufolge mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexualisierte Gewalt erfahren haben.

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