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„Furchtbar & rassistisch“: „Avatar 2“-Regisseur James Cameron unter Beschuss

Foto: © 2022 20th Century Studios. All Rights Reserved.

Ein Boykottaufruf zu „Avatar 2: The Way of Water“ findet auf Twitter fast 50.000 Unterstützer:innen. Gründe dafür sind eine zwölf Jahre alte Interviewaussage von James Cameron sowie die kontroverse Besetzung der „Avatar“-Filme. Wir erklären, was dahinter steckt.

„Avatar 2: The Way of Water“ ist ein weltweiter Hit. Allein in Deutschland wurden in den ersten fünf Tagen ab Kinostart satte 1,3 Millionen Tickets für den Sci-Fi-Blockbuster von James Cameron gelöst. Kein anderer Film ist hierzulande im Jahr 2022 besser gestartet. Doch nicht alle wollen sich dem Kino-Hype anschließen. Ein Boykottaufruf auf Twitter findet zahlreiche Unterstützer:innen.

Was steckt hinter dem „Avatar 2“-Boykott?

Stein des Anstoßes ist folgender Tweet, der mittlerweile über 47.000 Mal geliket wurde:

„Schließt euch den Natives und anderen indigenen Gruppen rund um die Welt an, indem ihr diesen furchtbaren und rassistischen Film boykottiert. Unsere Kulturen wurden in verletzender Weise angeeignet, um den Retterkomplex eines weißen Mannes zu befriedigen. Kein Blueface mehr! Lakota sind mächtig!“

Retterkomplex? Blueface? Lakota? Hier werden einige Begriffe in den Raum geworfen, die vielleicht nicht für jede:n sofort verständlich sind. Aber keine Sorge, wir erklären all das im Laufe des Artikels.

Eine zwölf Jahre alte Aussage von James Cameron hallt noch immer nach

Die Kritik indigener Gruppen an „Avatar“ und James Cameron ist nicht neu. Bereits 2010 sorgte ein Zitat des Regisseurs für Unmut, das im obigen Tweet nun erneut aufgegriffen wird. Damals war Cameron im Amazonas-Regenwald und traf sich mit einigen Mitgliedern der Xingu, um eine Dokumentation über deren Kampf gegen einen geplanten Staudamm zu drehen, der deren Lebensgrundlage gefährdete. Gegenüber The Guardian ließ er sich zu folgender Aussage über die Begegnung mit den Xingu hinreißen:

„Ich fühlte mich, als wäre ich 130 Jahre zurück in der Zeit gereist und würde beobachten, was die Lakota Sioux vielleicht gesagt haben, als sie verdrängt und getötet wurden. […] Das war eine treibende Kraft für mich, um ‚Avatar‘ zu schreiben. Ich konnte nicht anders, als zu denken, dass [die Lakota Sioux] härter gekämpft hätten, wenn sie mit einem Zeitfenster in die Zukunft hätten sehen können, sie gesehen hätten, dass ihre Kinder Selbstmord begehen und die höchste Selbstmordrate der Nation haben, weil sie hoffnungslos sind und ihre Gesellschaft am Ende ist.“

James Cameron am Set von „Avatar 2: The Way of Water“ (Foto: Mark Fellman ©2022 20th Century Studios. All Rights Reserved.)

Die Lakota Sioux sind ein indigenes nordamerikanischer Volk. Camerons Aussage suggeriert, sie würden eine Teilschuld daran tragen, dass sie von den europäischen Invasor:innen unterdrückt und getötet wurden, da sie nicht hart genug gekämpft hätten. Eine Aussage, die noch immer auf heftigen Gegenwind stößt:

„James Cameron machte Avatar offenbar, um meine toten Vorfahren dazu zu inspirieren, ‚härter zu kämpfen‘. Verzieh dich mit deinem Retterkomplex, Kumpel. Und an alle: Bitte schaut richtige Filme von Indigenen statt dieses schlecht angeeigneten blauen Mülls.“

Hier ist er erneut, der Vorwurf eines Retterkomplexes. Dies bezieht sich auf den Begriff „Weißer Retter“ (die englische Variante „White savior“ ist ebenfalls geläufig), der häufig in der Filmkritik, aber auch bei realen Menschen Verwendung findet. Er bezeichnet eine weiße Figur oder Person, die People of Color aus einer Notlage hilft und dabei suggeriert, dass die Betroffenen zu schwach oder unfähig wären, sich selbst zu helfen. Sie sind dabei nur die Opfer, während ein Weißer als strahlender Held inszeniert wird.

Der erste „Avatar“ ist ein Paradebeispiel eines „White savior“-Films, auch wenn die People of Color hier blau sind und keine real existierende Minderheit darstellen. Doch auch hier ist die Hauptfigur Jake Sully (Sam Worthington) ein weißer Mann, der das von indigenen Stämmen inspirierte Volk der Na`vi rettet.

In der Realität würde sich James Cameron nun als ein solcher weißer Retter aufspielen, so der Vorwurf. Mit seinen Filmen wolle er oberflächlich betrachtet eine anti-kolonialistische Botschaft senden. Doch tatsächlich würden die „Avatar“-Filme die realen Betroffenen diskriminieren.

„Avatar 2: The Way of Water“: Das bedeutet der Blueface-Vorwurf

Begründet wird dieser Vorwurf unter anderem damit, dass die Na’vi, die quasi eine Sci-Fi-Variante real existierender indigener Völker darstellen, zum großen Teil von weißen Darsteller:innen verkörpert werden.

In dem Tweet wird dies als Blueface bezeichnet. Nicht-weiße Kulturen würden bei „Avatar“ wahllos durcheinander gemischt und die entsprechenden blauen Figuren, die all diese Kulturen repräsentieren, würden dann von weißen Leuten gespielt oder gesprochen. Damit stehe Blueface in der Tradition anderer mittlerweile verpöhnter rassistischer Praktiken wie Blackface, Redface und Yellowface, bei denen weiße Darsteller:innen Schwarze, indigene oder asiatische Figuren verkörpern.

Die Na’vi-Teenagerin Kiri wird von der weißen Schauspielerin Sigourney Weaver (rechts) verkörpert. (Foto: © 2022 20th Century Studios. All Rights Reserved.)

Abschließend heißt es im „Avatar 2“-Boykottaufruf: „Lieber James Cameron, das ist inakzeptabel! Es gibt mehr als genug Schwarze und indigene Leute, um Aliens zu spielen, die auf uns basieren. Wir sollten diejenigen sein, deren Gesichter und Stimmen auf der Leinwand zu sehen sind. Wir sind die Expert:innen darin, unseren Schmerz, unser Leid und vor allem unsere Resilienz darzustellen. […]

Stelle unsere Expert:innen ein: als Autor:innen, Berater:innen, Talente und Anführer:innen. Höre auf damit, selbst führen zu wollen. Du bist NICHT unser Anführer. Du bist ein Außenseiter. Ein Gast unseres Landes und unserer Kultur. Verhalte dich auch so.“

Utopia meint

Die Kritikpunkte an „Avatar 2: The Way of Water“ sind durchaus gerechtfertigt. Der Kommentar von James Cameron aus dem Jahr 2010 suggeriert, dass die Lakota eine Teilschuld daran tragen, einem Völkermord zum Opfer gefallen zu sein. Vor allem aus seiner privilegierten Stellung ist eine solch abschätzige Bemerkung ein No-Go.

Vielleicht wurde Cameron missverstanden oder hat sich einfach unglücklich ausgedrückt. Doch solange der Regisseur das mögliche Missverständnis nicht aufklärt oder sich dafür entschuldigt, muss er sich die Vorwürfe gefallen lassen.

Auch das sogenannte Blueface ist problematisch. Zwar besteht die Besetzung der Na’vi in „Avatar 2: The Way of Water“ etwa zur Hälfte aus People of Color – doch die Hauptfamilie, in der es im Film geht, ist überwiegend weiß besetzt. Man stelle sich mal vor, die Na’vi wären keine blauen Aliens, sondern sollten tatsächliche Indigene darstellen. Dann wäre eine Besetzung durch Weiße undenkbar. Die blaue Haut der Na’vi täuscht darüber hinweg, dass es sich im Kern dennoch um Whitewashing handelt.

Der Weiße-Retter-Vorwurf ist in diesem Kontext ebenfalls verständlich. Zwar ist es an sich erstmal etwas Gutes, anderen helfen zu wollen. Doch wenn die vermeintliche Hilfe diskriminierende Praktiken beinhaltet (wenn auch unbeabsichtigt), dann wird es problematisch. James Cameron ist einer der wenigen aktuellen Blockbuster-Regisseure, der seine Reichweite nutzen will, um zu einer besseren, friedlicheren Welt beizutragen. Auch „Avatar 2“ soll wohl eigentlich eine antirassistische und antikolonialistische Botschaft vermitteln. Das sollte bei der berechtigten Kritik nicht unter den Teppich fallen.

Doch wenn Cameron es wirklich ernst damit meint, mit seinen Filmen den Indigenen helfen zu wollen, sollte er sich deren Vorwürfe zu Herzen nehmen, den tatsächlich Betroffenen eine Stimme geben und sie bei seinen kommenden Filmen maßgeblich mitwirken lassen.

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