Feuerwerksproduktion: Fabriken brennen, Kinder arbeiten – und wir sind taub

Feuerwerk Ausbeutung
Fotos: © phanasitti - Fotolia.com; jugendeinewelt.at

Geldverschwendung, Lärm, Smog, Müll – dass böllern nicht vernünftig ist, wissen wir alle. Über die miserablen Arbeitsbedingungen in Indien und China ist dagegen wenig bekannt.

„Wahnsinn wieviel Geld da verballert wird“– mit großer Wahrscheinlichkeit werden wir auch dieses Silvester einen solchen Satz zu hören bekommen, während es knallt und der Himmel bunt leuchtet. Vielleicht wird auch jemand auf verängstigte Tiere hinweisen. Und am Neujahrs-Morgen werden wir uns vermutlich über die unsäglichen Mengen Müll aufregen, zu denen sich Raketen und Böller dann verwandelt haben.

Anders gesagt: Wir wissen, dass der Neujahrsbrauch mit mehr Irrsinn als Sinn behaftet ist – und trotzdem halten die bekannten Argumente viele Menschen nicht vom Feuerwerkskauf ab. Vielleicht vermag das ein anderes, weniger bekanntes Problem: die Herstellung.

Silvester Muell
Feuerwerk: am Neujahrsmorgen kein schöner Anblick (Foto: "The remains of the night" von athriftymrs.com unter CC-BY-2.0)

Eigentlich müsste uns klar sein, dass der gebräuchliche Begriff „Berufsrisiko“ in der Feuerwerksindustrie ungekannte Ausmaße erreicht. Meldungen wie „Explosion in Feuerwerk-Fabrik: Elf chinesische Arbeiter sterben“, sind darum immer wieder zu lesen (zuletzt im Januar 2016). Und erst vor einigen Tagen starben über 30 Menschen bei einer Explosion auf einem Markt für Pyrotechnik in Mexiko.

Das Risiko der Arbeiter wird scheinbar hingenommen. Sind wir etwa Nachrichten von ausgebeuteten, verunglückten Menschen in der asiatischen Textil- und Elektronikindustrie schon so gewohnt, dass uns eine explodierte Feuerwerksfabrik nur noch wenig schockieren kann? Es ist an der Zeit hinzusehen, wie es Menschen in der Feuerwerksproduktion ergeht.

„Sie haben keine Fingernägel mehr“

Die Hauptproduzenten der Feuerwerkskörper sind Indien und China. Mit ihrer Produktion decken sie 97 Prozent des Weltmarktes ab. In beiden Ländern gibt es jeweils eine Region, wo der Großteil der Feuerwerksherstellung stattfindet – Liuyang in China und Sivakasi in Südindien.

Berichte über die Arbeit in diesen Städten erinnern an Beschreibungen des Höllenfeuers:

Sie haben keine Fingernägel mehr. Ihre Hände sind verätzt. Arme und Gesicht sind von Brandnarben gezeichnet. Laut des Kinderhilfsordens Don Bosco stellen Kinder in der südindischen Stadt Sivakasi Raketen, Böller und Wunderkerzen her.“
(taz)
Circa 70 000 Kinder arbeiten in Indien in der Feuerwerksindustrie. Laut dem Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi fangen die Kinder schon mit fünf Jahren an. Zehn- bis Zwölfjährige arbeiten bis zu 13 Stunden am Tag – sechs Tage die Woche. Sie verdienen nur einen Bruchteil von dem, was die erwachsenen Arbeiter bekommen, sind aber bei ihrer Arbeit einer extremen Gefahr ausgesetzt.“
(Aktiv gegen Kinderarbeit)

Jeder Neunte der Angestellten leidet unter Asthma oder Tuberkulose. Ursache hierfür ist der direkte Kontakt mit chemischen Substanzen wie Schwefel, Schwarz- und Aluminium-Pulver. Zudem finden aufgrund fehlender Sicherheitsvorkehrungen zahlreiche Unfälle statt. In den letzten zehn Jahren verloren allein in Sivakasi offiziell 75 Menschen ihr Leben und über 190 ArbeiterInnen wurden schwer verletzt.“
(Jugend eine Welt)

In der Stadt Liuyang in China ist mit 1700 Fabriken der größte Fabrikant. In Liuyang arbeitet ein Drittel der Bevölkerung in der Feuerwerksproduktion. Dieses Jahr starben im September bei einer Explosion in Südchina 12 Menschen, 33 wurden verletzt. Die chinesischen Medien berichten allerdings nur über große Unglücke, die meisten Unfälle gelangen demnach nie an die Öffentlichkeit.“
(Aktiv gegen Kinderarbeit)

Kurz gesagt: Die Feuerwerksherstellung ist lebensgefährlich, ausbeuterisch und produziert unermessliches Leid.

Geht das immer einfach so weiter? Ja und Nein. Das Hilfswerk „Jugend eine Welt“ zum Beispiel setzt sich in Indien mittels Aufklärungs- und Hilfsprogrammen für weniger Kinderarbeit und bessere Arbeitsbedingungen in der Feuerwerksproduktion ein. Laut der NGO ist die Anzahl der dort in der Feuerwerksindustrie arbeitenden Kinder in den vergangenen Jahren offiziell deutlich zurückgegangen, weil schärfer kontrolliert wird: 2014 verloren 17 Betriebe in der Region Sivakasi Nadu ihre Lizenz, nachdem bei unangekündigten Kontrollen unter 14-jährige Kinder angetroffen wurden.

feuerwerk
Ein ausführlicher Bericht über die Feuerwerksproduktion in Sivakasi von „Jugend eine Welt“ von 2010.

Doch Vorstandsmitglied Reinhard Heiserer warnt: „Unsere Projektpartner gehen davon aus, dass die Kinderarbeit zwar stark zurückgegangen ist, aber nach wie vor im Verborgenen stattfindet.“ Das Problem würde oft durch Auslagerung in ländliche Gebiete umgangen, wo seltener kontrolliert wird.

Böller Made in Germany?

Für mehr Sicherheit und bessere Löhne braucht es laut Jugend eine Welt vor allem mehr Druck von europäischen Importeuren. Wie ein solcher aussehen kann, zeigt Weco – der Hersteller mit Sitz in Köln gehört zu drei marktführenden Unternehmen in Deutschland.

Schon in den 90er Jahren hat Weco seine Geschäftsbeziehungen nach Indien aufgrund der dortigen Produktions- und Arbeitsumstände abgebrochen. Und als einziges großes Unternehmen hat man eigene Produktionsstätten in Deutschland, wo die Herstellung weitgehend automatisiert stattfindet. Dort fertigt Weco (bei Aldi verkauft das Unternehmen unter dem Namen „Helios“) um die 40 Prozent seiner Feuerwerkskörper und möchte den Anteil in den nächsten Jahren auf 50 Prozent steigern.

Utopia meint: Die Arbeitsbedingungen in der Feuerwerksproduktion sind Menschen nicht würdig. Und auch, wenn ein in Deutschland hergestellter Böller ein besserer Böller sein mag, bleibt er ein unsinniges Produkt. Bitte kauft keine Feuerwerkskörper und teilt die Botschaft mit euren Freunden:

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(8) Kommentare

  1. Dass ich mich nie an einer Sylvesterballerei beteiligt habe, hat übrigens auch noch einen anderen Grund: Ich, Jahrgang 1957, erlebte als Kind noch einen alten Mann, der von einem Hochzeitsschießen her, wohl mit Karbid, fast blind war.

  2. Es erstaunt mich doch sehr, dass das Thema Feinstaub bei der Diskussion so wenig wichtig erscheint.
    Wenn ich die Zahlen richtig lese, macht die Feinstaubbelastung zu Silvester an einzelnen Orten 15% der Jahresbelastung aus.
    Einzelne Städte denken über ein Verbot von Dieselfahrzeugen nach, weil die Feinstaubbelastung so hoch ist.
    Warum wird die Böllerei nicht aus gesundheitlichen Gründen eingeschränkt bzw. verboten?

    Wer schon mal zum Jahreswechsel auf Sylt / am Meer war, kann erleben, dass es sehr vergnüglich und festlich sein kann auf Böller zu verzichten.

  3. Da ich weiß wieviele Giftstoffe mit den Silvesterraketen in die Luft freigesetzt werden, kann ich mir vorstellen, womit die Menschen bei der Produktion in Berührung kommen. Ich denke dabei auch an die vielen Kriegsflüchtlinge, die vielleicht durch die Kracherei in Panik geraten könnten. Das alles muss nicht sein und bedeutet für und einen teuren Spass
    Lasst es sein der Frühling kommt bald mit Blumen, wir brauchen das nicht

  4. Man darf dabei auch nicht vergessen, dass hier ebenfalls sehr viele Arbeitsplätze dranhängen. Die Produktion gleich welcher Güter ist in China schlecht und es sterben Hunderte von Menschen, die Feuerwerksindustrie mag da keine Ausnahme sein, sie ist aber auch nicht gravierender als andere Güter.
    Für 50€ kann ich an einem Silvesterabend Spaß haben. Für diesen Preis kann ich genauso gut Essen gehen oder ins Kino mit der Familie oder ein Theater besuchen. Das Geld ist danach in allen 3 Fällen weg, der Spaßfaktor aber von Mensch zu Mensch abhängig.
    Die Feinstaubbelastung ist in der Tat das einzige wirklich taugliche Argument, dann können wir aber auch gleich Autos oder Kohlekraftwerke verbieten.
    Insofern lasst den Menschen ihren Spaß, es sind vielleicht 9 Stunden im Jahr. Da gibt es schlimmeres 😉

  5. Meine Güte, warum immer so radikal alles oder nichts, schwarz oder weiß?
    Ähnlich emotionale Diskussionen gibt es z.B. zum Fleischkonsum.
    Das Zauberwort für mich ist: „WENIGER“ !
    Weniger Böller, weniger Fleisch, weniger … das hilft und man muß geliebte Bräuche nicht ganz aufgeben.

    • Zu weniger Tierkonsum kann ich nur sagen:

      Ist ja nicht dein Leben, welches dir, gegen deinen Willen, genommen wurde,ne?
      Da kann man ja mal drüber hinwegsehen…warum so emotional?
      Ist ja nur ein Tier……
      Dessen Leben ist natürlich nicht wichtig, ganz im Gegensatz zu dem deiner Familie.
      Sind ja schliesslich Menschen.

      Böllern ist unnatürlicher, verquerer menschlicher Blödsinn.
      Braucht kein Mensch.
      Leider ist eine Abschaffung von Leid erzeugenden „Bräuchen“ wie z.B Kadaverkonsum, Böllern etc. nicht möglich…….dazu ist die Gesamtheit der Menschheit einfach viel zu unreflektiert/gleichgültig.

      Das bisschen Fleisch beendet Leben.
      Das bisschen Böllern verpestet unsere sowieso schon ruinierte Natur, bringt Kinder auf dumme Ideen, stresst Menschen, stresst Wildtiere….etc.etc.

  6. Schon alleine das Thema Feinstaubbelastung sollte doch zu denken geben.
    Ganz zu schweigen von den Tieren, die große Angst haben.
    Ich verbinde damit gar nichts Positives mehr und finde diese Aktion ganz toll:
    Ein Hotelier in Ramsau hat erreicht, daß der Ort dieses Jahr auf Böller verzichtet und stattdessen Geld für Norcia spendet. Das ist eine der Orte, die dieses Jahr vom Erdbeben in Italien stark betroffen war.
    http://www.br.de/mediathek/video/sendungen/abendschau/silvester-feuerwerk-ramsau-100.html
    Und wer selbst auch für Norcia spenden möchte, findet hier die Bankdaten:
    http://www.bgland24.de/bgland/region-berchtesgaden/ramsau-bei-berchtesgaden-ort478523/ramsau-nein-silvesterboellern-bergsteigerdorf-will-keiner-silvesterknaller-mehr-7176962.html

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