„Wir müssen Erfolg nach dem Nutzen für das Gemeinwohl bemessen.“

Foto: © www.friedlundpartner.at

Umweltzerstörung und Klimawandel lassen uns keine andere Chance als einen radikalen Wirtschaftswandel einzuleiten, sagt Christian Felber. Der Attac-Mitgründer und Wirtschaftsdozent aus Salzburg zeigt in seinem neuen Buch „Ethischer Welthandel“ wie das gehen kann.

Sie machen – auch bei Ihren Vorträgen – gerne mal einen Kopfstand. Wollen Sie Ihre Zuhörer mit dieser Übung zum Perspektivenwechsel bewegen?

Christian Felber: Unsere Wirtschaft steht in vielerlei Hinsicht auf dem Kopf. Die Aktivitäten, die sich in unserer Gesellschaft in ihr Gegenteil verkehrt haben, will ich wieder vom Kopf auf die Füße stellen. Wir müssen uns zum Beispiel fragen: Warum erhalten Agrarkonzerne günstigere Kredite als Biobauern? Warum gibt es Freihandel für Fleisch aus Massentierhaltung? Wieso müssen Menschen unter unerträglichen Bedingungen arbeiten? Und warum konsumieren wir mehr als uns glücklich macht? Was ist Mittel, und was ist Zweck?

Was verwechseln wir da Ihrer Meinung nach?

Wirtschaft und Handel sind Mittel, aber nicht Zweck. Sie sollen dem Gemeinwohl dienen, nicht dem Profit. Das Ziel unseres Handelns sollte es stattdessen sein, die Menschenrechte zu schützen, den Ressourcenverbrauch zu verringern, den sozialen Zusammenhalt zu festigen und ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Daran muss sich gesellschaftlicher Erfolg bemessen lassen. Das ist im übrigen nichts Neues: In der Geschichte finden sich viele Beispiele dafür, dass die Wirtschaft dem Allgemeinwohl zugute kommen soll. Und auch im Grundgesetz steht: Eigentum verpflichtet. Nur leider haben es die Verfasser und Gesetzgeber versäumt, diese Pflicht zu konkretisieren.

Studie: Bio-Anbau besser als konventioneller
In der Wirtschaft läuft vieles verkehrt, sagt Christian Felber – zum Beispiel, dass Agrarkonzerne günstigere Kredite als Biobauern erhalten. (Foto: CC0 Public Domain / Unsplash)

Erwarten Sie, dass die Politik das Steuer in diesem Sinne herumreißt?

Sie könnte das tun, formal liegt die Macht bei der Politik. Aber faktisch bestimmen weniger die Parlamente als die Kapitalinteressen transnationaler Konzerne das politische Geschehen.

Wie wollen Sie diesem globalen System nun begegnen?

Mit dem Konzept der Gemeinwohlökonomie. Die Unternehmen, die bei uns mitmachen, erstellen nicht nur eine monetäre Bilanz, sondern bewerten viele weitere Kriterien, beispielsweise wie ökologisch produziert wird, wie human die Arbeitsbedingungen sind, wie demokratisch Entscheidungen getroffen und wie sozial gerecht Erträge verteilt werden. Kurz gesagt, wie sehr das Wirtschaften dem Allgemeinwohl nützt. Für sie ist „Gemeinwohl“ wie ein Label für gelungenes Wirtschaften – und für die Kunden ein Anreiz, diese Produkte zu kaufen. Den Anfang haben vor gut sechs Jahren zwölf Unternehmen gemacht. Inzwischen ist daraus eine internationale Bewegung entstanden. Rund 400 Betriebe, Organisationen und Kommunen sind bereits gemeinwohlbilanziert. Diese Vision kommt bei der Basis quer durch alle Parteien gut an, auch Bürgermeister und erste Landesregierungen wie etwa Baden-Württemberg begrüßen die Idee. Nur der Bundestag und der EU-Gesetzgeber ignorieren uns derzeit noch.

Gemeinwohl: Interview mit Christian Felber
Christian Felber wurde im März 2017 mit dem Preis „Mut zur Nachhaltigkeit“ von „Zeit Wissen“ ausgezeichnet. (Foto: © José Luis Roca)

Dennoch glauben Sie, dass sich Ihr alternatives Wirtschaftskonzept für die ganze Welt anwenden lässt?

Grundsätzlich ja, vorausgesetzt, es wächst dezentral und demokratisch. Falls nicht alle gleichzeitig mitmachen, gibt es dann eben keinen Freihandel mehr. Unternehmen, die ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen, dürfen als Gegenleistung am Freihandel teilnehmen. Die anderen werden mit höheren Zöllen oder Steuern belegt. Auf lange Sicht überleben können dann nur ethische Betriebe.

Wie stellen Sie sich eine Welt voller „ethischer Betriebe“ vor?

Atom- und Kohlekraftwerke wären abgeschaltet, Kredite und Subventionen gäbe es nur für Erneuerbare Energien. Der mobilisierte Individualverkehr würde durch intelligente Mobilitätslösungen auf Basis einer Siedlungspolitik der kurzen Wege ersetzt. Biobauern, die ethisch arbeiten und das Tierwohl achten, bekämen faire Preise, Produkte aus tierquälerischer Massentierhaltung wären so teuer, dass sie niemand mehr kaufen würde. Außerdem plädiere ich dafür, dass wir Unternehmen in ihrer Größe beschränken und einen weltweit für alle Menschen gleichen ökologischen Fußabdruck einführen. Per Kreditkarte hätte jeder eine bestimmte Menge CO2 zur Verfügung – wenn sie leer ist, ist eben Schluss mit Golfen.

Ökostromanbieter - Erneuerbare Energien
In der Gemeinwohl-Ökonomie würden ethische Betriebe gefördert – Subventionen gäbe es nur noch für erneuerbare Energien, Atom- und Kohlekraft wäre abgeschaltet. (Foto: CC0 Public Domain / Pixabay - hpgruesen)

Klingt ein bisschen nach Ökodiktatur. Wo bleibt denn da die Freiheit?

Ganz im Gegenteil, gleiche Rechte für alle ist ein zutiefst liberaler Ansatz. Wenn wir wirklich allen Menschen – und nicht nur den Deutschen – und auch zukünftigen Generationen die gleichen Umweltverbrauchsrechte einräumen, ist die Begrenzung der Konsumfreiheit der einzelnen Person auf ein global nachhaltiges Maß genauso liberal wie die Beschränkung des Wahlrechts auf eine Stimme pro Person. Die Freiheit ist vielmehr dadurch in Gefahr, dass wir in den Industrieländern extrem über unsere Verhältnisse leben und die Lebensgrundlagen aller zerstören.

Buch "Ethischer Welthandel" von Christian Felber
„Ethischer Welthandel“ von Christian Felber, ISBN 978-3-552-06338-9, Deuticke Verlag. (Cover: © Deuticke)

Hand aufs Herz: Hat die Gemeinwohl-Ökonomie eine reale Chance?

Ohne eine grundlegende Reform der Demokratiemodelle wird es keine Veränderungen geben. Deshalb haben wir die Idee der „Souveränen Demokratie“ entwickelt: Zunächst könnten verfassungsgebende Konvente im Lokalen und dann auf Bundesebene Grundsatzfragen aller Politikfelder diskutieren, die dann von der Bevölkerung abgestimmt werden. So könnte der Souverän die Weichen für ein nachhaltiges, verantwortungsbewusstes Wirtschaften stellen, die der Bundestag dann umsetzen muss. Wir beginnen im Kleinen und werden immer größer: Anfangs haben zwölf Unternehmen Ernst gemacht, jetzt könnte die EU als größter Wirtschaftsraum der Welt vorangehen und ihr Wirtschaften nach ethischen Zielen ausrichten. Ich bin überzeugt, der Rest der Welt würde nachziehen.

 

GASTBEITRAG vom Greenpeace Magazin.
INTERVIEW: Andrea Hösch

Das Greenpeace Magazin erscheint unabhängig, 100% leserfinanziert, frei von Werbung und ist digital und gedruckt erhältlich. Es widmet sich den Inhalten, die wirklich zählen: Das Thema heißt Zukunft und gesucht wird nach neuen Lösungen, kreativen Auswegen und positiven Signalen. Utopia.de präsentiert ausgewählte Artikel aus dem Greenpeace Magazin.
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(3) Kommentare

  1. „Souveräne Demokratie“ und die Bevölkerung abstimmen lassen? Man sieht immer wieder, dass das eine ganz schlechte Idee ist. Herr Felber macht wohl den Fehler von sich und den Leuten in seinem Umfeld auf die Allgemeinheit zu schließen. Die Allgemeinheit denkt kurzfristig, behält lieber etabliertes bei und lässt sich lenken. In einer Technokratie ließe sich die Gemeinwohl-Ökonomie sicherlich umsetzen, demokratisch sehe ich dafür schwarz.

  2. Natürlich haben nicht alle Menschen das Große und Ganze im Blick.
    Das wissen wir doch schon seit Anbeginn der Menschheit.

    Aber was tut das hier zur Sache?
    Um so wichtiger ist der Einsatz einiger weniger Menschen.

    Und es gibt Untersuchungen, die zeigen, daß auch eine Minderheit von 10% erfolgreich Meinung beeinflussen können, wenn sie nur ausreichend großes Sendungsbewußtsein haben.
    Das erleben wir im Negativen, es funktioniert aber auch im Positiven.

    Also nicht verzweifeln, sondern einfach weiter machen und die unterstützen, die gute Ideen und das notwendige Sendungsbewußtsein haben.

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