„Sand ist das Palmöl der Städte“: Jan Böhmermann klärt über unterschätztes Umweltproblem auf

Foto: Screenshot ZDF-Mediathek

Plastik in den Meeren, schwindender Regenwald oder Insektensterben – über viele Umweltkatastrophen wissen wir lange Bescheid. Eine andere ist deutlich weniger bekannt: die Sandkrise. Im ZDF Magazin Royale machte Jan Böhmermann darauf aufmerksam und lieferte erschreckende Einsichten.

„Meine Damen und Herren, ich weiß, es ist ein weirdes Thema“, sagte Jan Böhmermann zu Beginn seiner Sendung am Freitag. „Aber heute reden wir im ZDF Magazin Royale über Sand.“ „Weird“ ist das Thema vor allem deswegen, weil die Problematik erst einmal nicht sehr einleuchtend klingt: Sand wird knapp. Dabei gibt es doch eigentlich so viel davon?

Tatsächlich hat die Erde zwar große Sandvorkommen – aber sie sind nicht unendlich. Außerdem ist Sand laut Böhmermann nach Luft und Wasser der meistgenutzte Rohstoff der Welt. Er wird unter anderem in Gebäuden, Glas, Mikrochips oder Flugzeugen verarbeitet. Selbst in Reibekäse stecke Sand – als Rieselmittel oder Reibekäse. „Sand ist das Palmöl der Städte“, sagt die Buchautorin und Sand-Expertin Kiran Pereira im Interview mit Böhmermann.

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Kiran Pereira, Autorin des Buches „Sand Stories“. (Foto: Screenshot ZDF-Mediathek)

Nicht jede Art von Sand ist geeignet

Die größte Nachfrage nach Sand stammt aus der Baubranche, da Beton und Zement aus dem Rohstoff hergestellt werden. Laut Böhmermann benötigt ein durchschnittliches Ein-Familien-Haus in Deutschland etwa 200 Tonnen Sand, für einen Kilometer Autobahn sogar 30.000 Tonnen. Weltweit verbrauche die Menschheit etwa 50 Milliarden Tonnen Sand im Jahr.

Das Problem: Ist Sand erst einmal verbaut, lässt er sich nur schwer recyceln. Außerdem eignet sich nicht jede Art von Sand zum Bauen, wie Pereira in der Sendung erklärt. Wüstensand sei durch den Wind rund geformt und daher für die Betonherstellung unpassend. Die Baubranche benötige Sand, dessen Körner durch Wasser geformt wurden. Diese Art von Sand findet man in Flussbetten, Seen und an Küsten.

Umweltzerstörung und Mafia-Geschäfte mit Sand

Sand zum Bauen wird deswegen in und an Gewässern verschiedener Länder abgetragen – oft illegal. Vor Indonesiens Küste seien als Folge komplette Inseln verschwunden, heißt es in Böhmermanns Sendung. In Marokko wurde die Hälfte aller Strände illegal abgebaggert. Auch in Indien floriert der Sandhandel. Böhmermann zufolge wird in 70 Ländern illegal Sand verkauft.

Im letzten Schritt wird der Sand eingefüllt.
Sand ist einer der meistgenutzten Rohstoffe überhaupt. (Foto: CC0 / Pixabay / manfredrichter)

Das hat fatale Folgen – für die Menschen vor Ort und die Umwelt: Im Meer beispielsweise saugen spezielle Bagger den Sand vom Boden auf. Dabei zerstören sie Korallenriffe und komplette Ökosysteme, wodurch Fischen die Nahrungsgrundlage verloren geht. Dadurch gibt es wiederum weniger Fisch, den die Bevölkerung essen oder verkaufen kann. Zudem sinken durch den fehlenden Sand Strände ab – im schlimmsten Fall verschwinden wie in Indonesien komplette Inseln.

Hinzu kommen die Auswirkungen durch den illegalen Handel mit Sand. „Die Sandmafia ist eine der skrupellosesten und brutalsten kriminellen Organisationen der Welt“, sagt Kiran Pereira. „Sie bestechen Behörden, stehlen Sand, sie bedrohen Landwirte und Journalisten mit Waffen – jeden, der sich ihnen in den Weg stellt.“

Was hilft gegen die Sandkrise?

Aber was kann man gegen die Sandkrise tun? Darüber spricht Jan Böhmermann mit Kiran Pereira in einem weiteren Interview, das nicht mehr in der Sendung ausgestrahlt wurde. Ihre Empfehlungen: Branchen, die Sand nutzen, müssen auf erneuerbare Alternativen umsteigen – und idealerweise „Abfallströme“ nutzen. Hierfür gebe es bereits einige Beispiele: In Großbritannien sei etwa ein Pavillon für ein Opernhaus aus Materialien wie Champagnerkorken und Austernschalen gebaut worden. Ebenfalls nutzbar sei Roherde, Stampfleh, Holz oder Strohballenbau.

Für die einzelnen Konsument:innen sei es vor allem wichtig, sich genauer über das Problem zu informieren und die Konsequenzen zu verstehen. „Wenn man ein Handy hat und sich regelmäßig ein neues leistet, sollte man sich bewusst sein, dass das Glas und auch die seltenen Erden im Handy aus Sand gewonnen werden.“

Die gesamte Sendung des ZDF Magazin Royale gibt es auf Youtube sowie in der ZDF-Mediathek. Auf beiden Plattformen ist auch das Hintergrundinterview mit Kiran Pereira verfügbar.

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(1) Kommentar

  1. Kleiner Exkurs am Rande: im südamerikanischen Regenwald wurden meter-dicke antike Betonschichten gefunden, die nach und nach und Schicht für Schicht immer dicker wurden und gesellschaftlich wohl für Wohlstand stehen sollten.
    Man geht heute davon aus, dass die Dekadenz dieser Epoche auch zum Untergang der Maya-Kultur beigetragen hat, da für die Erzeugung des Betons große Teile des Regenwald abgeholzt werden mussten und die darauf folgende Trockenheit der Landwirtschaft den Rest gegeben hat.

    Und wenn man sich jetzt fragt wofür in aller Welt werden denn heute solche Unmengen an Sand benötigt???
    -gierige Investoren stecken gerne ihr billiges Geld in Luxusobjekte aus Prestigegründen und als Geldanlage
    -die größten Gewinne locken die mächtige Bau-Mafia bekanntlich mit billigen Rohstoffen und natürlich auf Kosten der Umwelt
    -haben Gebäude älteren Baujahres noch Jahrhunderte überdauert, ist die Obsoleszenz heutiger Neubauten oft schon nach Fertigstellung erreicht
    -verstärkte Urbanisierung, um den Ansprüchen der modernen Unterhaltungs- und Konsumwelt gerecht zu werden

    Wann lernen die Menschen endlich aus ihren Fehlern?