Kostenloser Nahverkehr: Was wir von der estnischen Hauptstadt Tallinn lernen können

kostenloser Nahverkehr in Tallinn
Foto: Tram at night von Guillaume Speurt unter CC-BY-SA 2.0

Wer in Tallinn wohnt, fährt seit 2013 umsonst mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Begeistert sind nicht nur die Bewohner, sondern auch die Stadt, die dadurch sogar zwanzig Millionen Euro Gewinn im Jahr macht. Ein Vorzeigemodell?

Kleingeld suchen oder nach dem Ticket kramen beim Einsteigen; Kontrolleure, die Herzklopfen verursachen; die Entscheidung, ob es eine Tageskarte oder ein Einzelticket sein soll – all das gibt es nicht. Für die Bewohner von Tallin ist der öffentliche Nahverkehr seit 2013 gratis. Wer in der Hauptstadt des kleinen Landes im Baltikum gemeldet ist, muss sich nur eine Chipkarte für zwei Euro ausstellen lassen, und kann fortan so viel mit Bus und Bahn fahren wie er möchte.

Bei den Bewohnern kommt das natürlich gut an. Umfragen zufolge sind 90 Prozent der Städter zufrieden mit dem kostenlosen Nahverkehr. Und auch der ehemalige Bürgermeister Edgar Savissar, der das Projekt auf den Weg gebracht hat, sagte stolz: „Tallinn ist eine innovative Stadt. Wir sind die erste Hauptstadt, in der ein derartiges Konzept in einem solchen Umfang umgesetzt wird.“

Schon bei der Digitalisierung gilt Estland als das Musterland der EU. Könnte nun auch die Mobilität der Zukunft in Tallinn seinen Ursprung finden?

Ursprünglich hatte Savissar den Gratis-Nahverkehr nur vorgeschlagen, um sein Image aufzupolieren – so sagen es zumindest viele seiner Kritiker. Ein wagemutiges Unterfangen: Denn schon viele Städte waren an der Umsetzung des kostenlosen Nahverkehrs gescheitert.

So gab die belgische Stadt Hasselt das Projekt nach 16 Jahren wieder auf – die Zahl der Fahrgäste war in den Gratis-Bussen auf das 13-fache explodiert, die hohen Kosten konnten nicht mehr gedeckt werden. Auch die US-Städte Seattle und Portland stellten ihre Gratisfahrten wieder ein. Seattle hatte Finanzierungsprobleme. In Portland kamen die Busse wegen der vielen Kurzstrecken-Fahrgäste zu langsam voran.

Normale Fahrstreifen wurden über Nacht zu Busspuren

Doch Tallinns damaliger Bürgermeister Savisaar war fest entschlossen, seinen Bürgern zu geben, was er angekündigt hatte. Nachdem in einer Volksbefragung im Jahr 2012 gut 75 Prozent der Wähler für den kostenlosen Nahverkehr gestimmt hatten, setzte Savisaars Stadtverwaltung alle Hebel in Bewegung.

Buchstäblich über Nacht wurden mehrere Fahrstreifen in der Innenstadt zu Busspuren umfunktioniert. Die Ampelschaltung wurde so umprogrammiert, dass sie für Bus und Bahn besonders schnell auf Grün wechselt. Für beides hagelte es Kritik von den Autofahrern, die in der Innenstadt nun noch länger im Berufsverkehr standen als zuvor.

kostenloser Nahverkehr in Tallinn
Busspur in Tallinn (Foto: New and old trolley bus in Tallinn von Guillaume Speurt unter CC-BY-SA 2.0)

Die Finanzierung des Nahverkehrs organisierte die Stadt über die Steuer derjenigen, die zuvor in der Peripherie der Stadt lebten und nun ihren Hauptwohnsitz in Tallinn angemeldet haben. Rund 15.000 Esten ließen sich von der Aussicht auf kostenlose Bus- und Bahntickets animieren, sich in Tallinn zu melden. Sie waren bislang entweder gar nicht oder in umliegenden Kleinstädten rund um Tallinn registriert gewesen. Die Einwohnerzahl stieg von 416.000 im Jahr 2012 schlagartig auf 431.000 im Mai 2014. Derzeit wohnen gar 443.000 Esten in Tallinn.

Jeder Einzelne zahlt im Schnitt 1000 Euro jährlich. Mithilfe dieses Geldes konnte die Stadt den Ausfall der jährlich zwölf Millionen Euro kompensieren, die die Bürger zuvor für öffentliche Verkehrsmittel bezahlt hatten. Obendrein zahlen Besucher und Touristen ja weiter ganz regulär ihre Tickets für die öffentlichen Verkehrsmittel. So kommt es zustande, dass der Gratis-Nahverkehr laut Zahlen der Stadt einen Gewinn von etwa zwanzig Millionen Euro jährlich bringt. Von Finanzierungsproblemen, unter denen die Städte Hasselt und Seattle kapituliert hatten, keine Spur.

Acht Prozent der Tallinner stiegen auf Bus oder Bahn um

„Wir hoffen, dass immer mehr Bürger ihr Auto stehen lassen und auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen“, sagte Savisaar noch zum Start des Projekts im Frühjahr 2013. Zwar ist er heute nicht mehr Bürgermeister – er musste wegen Korruptionsvorwürfen zurücktreten – doch sein Herzensprojekt, der kostenlose Nahverkehr, blieb bestehen.

Immerhin acht Prozent der Tallinner stiegen vom Auto auf Bus oder Bahn um, schreibt Dr. Oded Cats, Professor für Transportwissenschaften an der Technischen Universität im niederländischen Delft, in einer Studie. Paradox: Gleichzeitig stieg die durchschnittliche Zeitspanne, die Tallinner im Auto verbringen um 31 Prozent.

Dieser Anstieg habe allerdings wenig mit dem Gratis-Nahverkehr zu tun, so Transportwissenschaftler Cats. Es sei vielmehr eine Folge veränderter „Shopping- und Freizeit-Gewohnheiten“. Um den Pkw-Verkehr noch weiter einzudämmen, empfiehlt Cats, das Autofahren teurer zu machen – zum Beispiel mit höheren Parkgebühren oder Steuern auf Pkws. Immerhin: Für Kurzstrecken von unter fünf Kilometern nutzen im Jahr 2015 etwa 52 Prozent der Tallinner die öffentlichen Verkehrsmittel. Nur 25 Prozent legten diese Strecken mit dem Auto zurück.

Tallinn will europäische Umwelthauptstadt 2018 werden

Die Stadt selbst ist mit ihrem Projekt noch lange nicht fertig. Bis zum Jahr 2020 will Tallinn zwei Tramlinien ausbauen, damit künftig auch der Flughafen und zwei beliebte Einkaufszentren erreicht werden können. Alte Busse sollen nach und nach durch neue, umweltfreundliche Modelle ersetzt werden.

Außerdem will die Stadt Anreize dafür schaffen, dass mehr Bürger Fahrrad fahren. Laut Allan Alaküla, Sprecher der Stadt in Transportfragen, bewegen sich bislang nur ein Prozent der Tallinner mit dem Fahrrad fort. Das soll sich ändern. Bis 2020 werden neue Radwege in einem Umfang von insgesamt vierzig Kilometern gebaut. Dazu sollen ein Sharing-System für Fahrräder, neue Grünanlagen und mehr autofreie Zonen kommen. Tallinn legt sich sichtlich ins Zeug: Die Stadt will sich im Jahr 2018 den Titel „Umwelthauptstadt Europas“ holen.

GASTBEITRAG vom Greenpeace Magazin.
TEXT: Julia Huber

Das Greenpeace Magazin erscheint unabhängig, 100% leserfinanziert, frei von Werbung und ist digital und gedruckt erhältlich. Es widmet sich den Inhalten, die wirklich zählen: Das Thema heißt Zukunft und gesucht wird nach neuen Lösungen, kreativen Auswegen und positiven Signalen. Utopia.de präsentiert ausgewählte Artikel aus dem Greenpeace Magazin.
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(7) Kommentare

  1. Grundsätzlich finde ich die Idee eines kostenlosen ÖPNV für Einwohner sehr interessant, in Tallinn scheint es ja auch zumindest finanziell zu funktionieren. Die anderen beiden Ergebnissen überzeugen aber nicht. Wenn gerade mal 8% der Autofahrer nun auf Bus & Bahn umgestiegen sind, dann war für die meisten der Preis wohl nicht das Argument ihr Auto zu nutzen. Gleichzeitig verbringen die restlichen Autofahrer, 92% (!), fast 1/3 mehr Zeit in ihrem Auto. Wahrscheinlich, weil sie nun in den erwähnten Staus stehen.

    Die meisten Autofahrer nehmen also sowohl Extrakosten als auch eine längere Fahrtzeit als früher in Kauf, um weiterhin mit dem Auto zu fahren.

    Aus meiner Sicht zeigt das deutlich, dass der ÖPNV in Tallinn den Autofahrern keine ausreichende Alternative bietet. Entweder passt das Streckennetz nicht, die Fahrpläne, oder der Komfort. Auch die Umwelt hat nicht wirklich gewonnen, wenn es nur etwas weniger Autos gibt, diese dafür aber länger fahren bzw. im Stau stehen.

  2. Auch die Finanzierung ist nicht ganz durchdacht meiner Meinung nach.

    „…oder in umliegenden Kleinstädten rund um Tallinn registriert“

    Das heißt im Umkehrschluss das man den umliegenden Kleinstädten die Meldesteuer „geklaut“ hat.

  3. Natürlich ist der Nahverkehr nicht kostenlos. Die Bürger bezahlen dies dadurch, dass ihnen der Staat unter Androhung von Gewalt eine Teil ihres Eigentums wegnimmt, damit diejenigen, die dies möchten, nicht selbst für ihre Fortbewegung bezahlen müssen. Gleichzeitig hat man durch Vorrangschaltungen für Busse die Abgasbelastung erhöht, da nun Autos länger im Stau stehen.

  4. Nicht in Deutschland. Da lässt Männchen private Unternehmen unter hohen Straftandrohungen und unter Umgehung des Rechtsweges unliebsame Meinungen löschen.

    Darüber hinaus ist es ureigene Aufgabe eines Staates Grundrechte zu schützen.

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