Immunologe erklärt: Warum Männer ein schwächeres Immunsystem haben als Frauen

Immunologe erklärt: Warum Männer ein schwächeres Immunsystem haben als Frauen
Foto: Christin Klose/dpa-tmn

Egal ob Durchfall oder Atemwegsinfektionen – laut dem Immunologen Marcus Altfeld haben Frauen eine stärkere Immunantwort gegen Erreger als Männer. Die starke Reaktion des weiblichen Immunsystems bringt aber auch Folgen mit sich, zum Beispiel ein erhöhtes Risiko von Autoimmunerkrankungen.

Der Immunologe Marcus Altfeld erklärt im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (SZ), warum Frauen manche Infektionskrankheiten besser wegstecken als Männer. Die Unterschiede zeigen sich sogar schon bei Neugeborenen. Obwohl die Forschung das Phänomen nicht 100-prozentig erklären kann, führt Altfeld das stärkere Immunsystem von Frauen auf zwei biologische Faktoren zurück.

Hormone und Chromosomen entscheidend für die Immunabwehr

Erstens spielen die Geschlechtshormone eine entscheidende Rolle. Laut Altfeld stärken weibliche Geschlechtshormone, vor allem Östrogen, die Funktion der Immunzellen. Rezeptoren auf den Immunzellen erkennen die Hormone. Im Gegensatz dazu könne das männliche Geschlechtshormon Testosteron die Funktion der Immunzellen unterdrücken und reduzieren. Schon in der Embryonalphase schütten Jungen und Mädchen unterschiedliche Hormone aus, weshalb bereits Neugeborene eine unterschiedliche Immunantwort je nach Geschlecht zeigen.

Zweitens wirken Chromosomen auf das Immunsystem. Wie der Mediziner erklärt, sind Wissenschaftler:innen lange davon ausgegangen, das zweite X-Chromosom bei weiblichen Organismen „sei inaktiv und habe keine wirkliche Funktion“. Mittlerweile sei klar, dass bei weiblichen Zellen auch die Gene das zweite X-Chromosom abgelesen und in Proteine umgewandelt werden – und zwar in einem höheren Maß als bei männlichen Zellen. Unter den Genen befinden sich demnach auch jene, die die Immunantwort regulieren.

Laut dem Wissenschaftler kann somit die Kindersterblichkeit erklärt werden, die bei Jungen höher ist als bei Mädchen. Vor allem die beiden häufigsten Todesursachen in der frühen Kindheit – bakterielle und virale Durchfallerkrankungen sowie Infektionen der Atemwege – seien laut Altfeld auf das unterschiedliche Immunsystem zurückzuführen.

Autoimmunerkrankungen bei Frauen häufiger

Die starke Immunantwort bei Frauen hat dennoch – wie Altfeld es nennt – eine „Kehrseite“. Autoimmunerkrankungen, bei denen sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet, kämen stärker gehäuft vor. Dazu gehören Krankheiten wie Multiple Sklerose, Schilddrüsenerkrankungen, Rheuma oder Lupus erythematodes. Zum Teil seien über 80 Prozent der Betroffenen weiblich.

Den für sich plausibelsten Grund für die Unterschiede im Immunsystem sieht der Immunologe in der evolutionären Entwicklung. Da ungeborene und neugeborene Kinder eng mit der Mutter zusammenleben, sind diese gut vor Krankheiten geschützt, wenn Mütter ihre Infektionen schnell kontrollieren. Somit reagiert das Immunsystem von Frauen schneller als das von Männern. „Das höhere Risiko von Autoimmunerkrankungen ist der Preis, den die Evolution für den Nutzen der Infektionsabwehr bei der Reproduktion zu zahlen bereit war“, vermutet der Mediziner.

Es gibt wenig Forschung mit weiteren Personengruppen

Bei den meisten Forschungen werden nur Frauen und Männer betrachtet. Bisher finden laut Altfeld „leider viel zu wenig“ Studien mit intergeschlechtlichen, non-binären und trans Menschen statt. „Das ist eine Lücke, die jetzt nach und nach gefüllt werden sollte“, sagt er dazu.

Seine Arbeitsgruppe führe derzeit jedoch eine Studie mit trans Menschen durch, bei der die Immunantwort vor und während der Hormoneinnahme beobachtet wird. „Vor allem bei trans Männern, die Testosteron nehmen, zeigen erste Ergebnisse, dass sich Teile der Immunantwort verändern“, erklärt der Wissenschaftler. Dennoch gebe es sehr wenige detaillierte immunologische Untersuchungen zu Menschen mit anderen Chromosom-Konstellationen und intersexuellen Personen.

Anmerkung der Redaktion: In diesem Artikel wird von Müttern, Frauen und Männern gesprochen. Dabei beziehen wir uns auf das biologische Geschlecht (Hormone und Chromosomen), da auch die Forschung hierbei die Einordnung in diese beiden Geschlechter vornimmt.

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