Islands Groß-Experiment zur Vier-Tage-Woche: ein „überwältigender Erfolg“

4-Tage-Woche
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Zwei Feldstudien aus Island zeigen: Eine verkürzte Arbeitswoche mit nur vier Tagen kann zu mehr Produktivität und einem höheren Wohlbefinden der Angestellten führen. Was es genau mit der Studie auf sich hat und was die Ergebnisse bedeuten, erfährst du hier.

Die 5-Tage-Woche gilt in der Arbeitswelt immer noch als scheinbar unüberwindbarer Maßstab. Dass eine 4-Tage-Woche und eine steigende Produktivität sich nicht ausschließen müssen, zeigt nun eine Studie aus Island. Die Resultate von zwei Feldversuchen sind jetzt der Öffentlichkeit zugänglich und könnten eine neue Debatte über die grundlegende Gestaltung von Arbeitsplätzen entfachen.

Die Vier-Tage-Woche in zwei Feldversuchen

Dass sich gerade Island verstärkt mit der Vier-Tage-Woche auseinandersetzt, scheint überraschend. So gehört das Land weltweit zu den Ländern mit der höchsten Wochenarbeitszeit. Im Durchschnitt beträgt diese 45 Stunden. Auch die Spanne des Arbeitslebens in Island ist deutlich größer, als dies in anderen EU-Staaten der Fall ist.

Im Rahmen von zwei Feldversuchen wollten Forscher:innen nun herausfinden, wie sich eine verringerte Arbeitszeit auf die Leistungsfähigkeit von Angestellten und die Produktivität der jeweiligen Arbeitsstelle auswirkt. Der erste Versuch startete 2015. Etwa 2500 Angestellte nahmen teil. Der zweite Versuch folgte 2017 und umfasste mehr als 400 Teilnehmer:innen.

Die Teilnehmenden kamen dabei aus ganz unterschiedlichen Branchen: So waren unter anderem Beschäftigte aus Krankenhäusern, Schulen, Unternehmen und Büros, Kindergärten oder Polizeidienststellen beteiligt. Die meisten von ihnen reduzierten ihre wöchentliche Arbeitszeit von 40 auf 35 oder 36 Stunden. Das Gehalt blieb dabei gleich.

Weniger Arbeitszeit: Mehr Produktivität und Zufriedenheit

Die isländische Studie zeigt: Eine 4-Tage-Woche kann die Produktivität sogar steigern.
Die isländische Studie zeigt: Eine 4-Tage-Woche kann die Produktivität sogar steigern.
(Foto: CC0 / Pixabay / Free-Photos)

Die Resultate der Studie zeigen zwei grundlegende Dinge:

  • Zum einen waren die Beschäftigten weniger gestresst und konnten nach eigenen Aussagen ihre Work-Life-Balance verbessern. Sie fühlten sich fitter und gesünder, verbrachten mehr Zeit mit ihren Familien und Hobbys und hatten mehr Zeit für den Haushalt.
  • Was noch überraschender scheint: Die Produktivität und die Leistung der Angestellten blieben mindestens gleich, verbesserten sich aber sogar bei den meisten Arbeitsstellen.

Der Grund für Letzteres liegt vermutlich in einer verbesserten Arbeitsroutine. So überarbeiteten die Teilnehmer:innen ihren Arbeitsalltag, indem sie Meetings kürzer hielten oder durch Telefonate und E-Mails ersetzten und strichen unnötige Aufgaben von ihrer To-Do-Liste.

Eine Hauptursache für ein gesteigertes Wohlbefinden der Beschäftigten liegt laut dem Politikwissenschaftler Jack Kellam in der Selbstbestimmung: Haben Menschen mehr freie Zeit, über die sie frei verfügen können, gehen sie selbstbestimmter durchs Leben. Das erhöhe automatisch die Zufriedenheit.

Der Forscher Will Stronge, der an der Auswertung der Daten beteiligt war, meint dazu: „Diese Studie zeigt, dass der weltweit größte Versuch einer kürzeren Wochenarbeitszeit im öffentlichen Sektor in jeder Hinsicht ein überwältigender Erfolg war“.

Wie geht es weiter?

Das Konzept der 4-Tage-Woche könnte auch in größeren Ländern, wie Deutschland funktionieren.
Das Konzept der 4-Tage-Woche könnte auch in größeren Ländern, wie Deutschland funktionieren.
(Foto: CC0 / Pixabay / Free-Photos)

Viele isländische Gewerkschaften haben nach den Veröffentlichungen der Ergebnisse die Arbeitszeiten neu verhandelt. 86 Prozent aller Arbeiter:innen haben nun eine verkürzte Arbeitswoche oder zumindest die Möglichkeit, dies einzufordern. Ob die Resultate der Studie tatsächlich repräsentativ sind oder auf andere Länder angewandt werden können, ist noch unklar.

Laut Kellam kann eine Vier-Tage-Woche genauso gut in größeren Ländern wie Deutschland funktionieren. So müssten sich mehr Länder an Island als Vorbild orientieren. Der Spiegel kritisiert, dass an der Studie kein:e Ökonom:in beteiligt war und so fraglich bleibt, ob sich das Konzept auf komplexere Wirtschaftssysteme übertragen lässt.

In anderen Ländern gibt es bereits ähnliche Projekte: Spanien hat ein Pilotprojekt für eine Vier-Tage-Woche angesichts der Coronakrise gestartet. In Neuseeland gibt es für Beschäftigte bei Unilever die Möglichkeit, die Arbeitszeit um 20 Prozent bei gleichbleibendem Lohn zu senken.

Es bleibt abzuwarten, wie sich diese Versuche entwickeln und ob weitere Länder bereit sind, die Fünf-Tage-Woche zu hinterfragen. Fakt ist jedoch schon jetzt: Island hat gezeigt, dass mehr Arbeitszeit nicht zwingend mehr Produktivität bedeutet. Was die menschliche Leistungsfähigkeit tatsächlich verbessert, sind Zeit für sich selbst, weniger Stress und mehr Zufriedenheit.

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