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“Steinwüste” zeigt Berlins Scheitern – warum Bäume politisch sind

Gendarmenmarkt in Berlin
Foto: CC0 Public Domain / Pixaxba - noxoss

Bäume sind politisch wie nie. Zu Recht! Ahorn, Eiche, Kastanie & Co. sind nicht nur schön anzusehen, sondern wahre Wundermittel gegen drängende lokale und globale Probleme. Ob Lärm, Luftverschmutzung, Starkregen oder Hitzewellen, ob Mikro- oder Weltklima – stets sind mehr Bäume eine passende Antwort. Auch wenn sich so manche Kommune noch schwer tut, ist der Trend eindeutig: Das Grün kommt gerade zurück in unsere Städte. Eine Kolumne von Ingwar Perowanowitsch.

Kaum machten Bilder des neu sanierten Berliner Gendarmenmarkts im Netz die Runde, hagelte es Kritik. Zwei Jahre lang war der bekannte Platz im Herzen Berlins für 21 Millionen Euro renoviert worden. Das Resultat: 14.000 Quadratmeter Stein, fast alles versiegelt, nur am Rand stehen einsam ein paar Bäume. „Einfallslose Steinwüste“ oder „Stadtglatze“ gehörten noch zu den netteren Kommentaren. Übers politische Spektrum hinweg war man sich einig: Irgendwas ging bei dieser Planung gehörig schief.

Sanierung des Berliner Gendarmenmarkts ging gehörig schief

Dass die städtische Steinwüste mittlerweile derart in Erklärungsnot gerät, ist ein gutes Zeichen. Es zeugt vom wachsenden Bewusstsein für mehr Grün in unseren Städten.

Der Gendarmenmarkt ist leider kein Einzelfall. Überall in Deutschland gibt es diese Plätze, die irgendwie aus der Zeit gefallen sind. Fragt man bei den Kommunen nach, ob Bäume bei der Planung verboten waren, hört man immer wieder kreative Antworten. Mal liegt es am Verkehr, am Wohnungsbau oder am Denkmalschutz. Mal an Leitungen, Rohren, U-Bahnen, Bunkern oder Weltkriegsbomben. Im Fall des Gendarmenmarkts lautete die Erklärung unter anderem, dass man sich halt entscheiden müsse zwischen mehr Platz für Bäume oder Veranstaltungen.

Das Konzerthaus auf dem Berliner Gendarmenmarkt
Das Konzerthaus auf dem Berliner Gendarmenmarkt steht nach der Sanierung des Platzes vor einer “Steinwüste”. (Foto: CC0 Public Domain / Unsplash - Samuel Svec)

Manchmal sind versiegelte Plätze auch einfach ein Abbild knapper kommunaler Kassen: Stein und Beton müssen weder gegossen, geschnitten noch vor Hitze und Schädlingen geschützt werden. Grau ist somit in Anschaffung und Unterhalt günstiger als Grün. In der Tat haben Bäume und Sträucher ihren Preis. Die Gesamtkosten für einen neuen Baum belaufen sich in Berlin auf bis zu 3.000 Euro.

Sondervermögen des Bundes muss auch in Stadtgrün fließen

Aber: Wie bei jedem Thema ist alles eine Frage des gesellschaftlichen und politischen Willens. Geeignete Flächen findet man durch eine konsequente Umverteilung des öffentlichen Raums. Leitungen und U-Bahnen kann man mit Hochbeeten begegnen – und der Denkmalschutz gehört unabhängig von Bäumen und Sträuchern gründlich reformiert. Fehlendes Geld darf spätestens mit dem neuen Sondervermögen keine Ausrede mehr sein. Für 100 Milliarden Euro soll unser Land klimafit gemacht werden, da sollte doch Geld für Bäume und Pflanzen dabei sein.

Glücklicherweise wird die Bedeutung von (Stadt-)Bäumen auf lokaler, nationaler und sogar europäischer Ebene erkannt. Ein Meilenstein ist das Nature Restoration Law von 2024, das alle EU-Mitgliedstaaten verpflichtet, die städtischen Grünflächen bis 2030 konstant zu halten und im Idealfall zu steigern. Nach 2030 soll der Grünanteil weiter wachsen.

Paris kann nicht nur Fahrrad, sondern auch Begrünung

Der Obelisk auf dem Place de la Condorde in Paris
Der Obelisk auf dem Place de la Condorde in Paris ist noch von viel Beton umgeben. (Foto: CC0 Public Domain / Pexels - Mathias Reding)

Auf städtischer Ebene ist Paris Vorreiter. Unter Bürgermeisterin Anne Hidalgo startete die Stadt eine wahre Begrünungsoffensive. Hintergrund hierfür: 2023 hatte Frankreichs Regierung angekündigt, man bereite sich auf das Szenario einer vier Grad heißeren Welt vor. Die Kommunen waren und sind nun in der Pflicht, Strategien zu entwickeln, um die Bürger:innen zu schützen.

So kündigte Paris an, in den nächsten Jahren 170.000 neue Bäume pflanzen zu wollen. In der gesamten Stadt werden deshalb Parkplätze abgeschafft, Straßen für den Autoverkehr gesperrt und Fahrspuren umgewidmet, um Platz für Wiesen, Sträucher und Bäume zu gewinnen. Ganze Mini-Stadtwälder entstehen, wie kürzlich auf dem Kreisverkehr Place de la Catalogne, aktuell vor dem Rathausvorplatz und bald auch auf dem Place de la Concorde. Am 23. März stimmten zudem 66 Prozent der Wähler:innen bei einem Referendum dem Vorschlag zu, 500 weitere begrünte Fußgängerzonen zu schaffen.

Wien will raus aus dem Asphalt, die Niederlande macht Tegelwippen

Auch in Wien geht die Stadtregierung voran. Unter dem Motto „Raus aus dem Asphalt sollen zahlreiche Straßen und Plätze in der österreichischen Hauptstadt begrünt werden. Das Ziel: Bei jeder Neu- oder Umgestaltung sollen mehr Bäume, mehr Wasserstellen und hellere Bodenbeläge eingesetzt werden, um so zur Abkühlung der Stadt beizutragen.

Eine spannende Initiative gibt es auch in den Niederlanden. Seit 2020 finden jährlich zwischen März und Oktober die Tegelwippen-Meisterschaften statt: ein Wettbewerb zwischen den Kommunen mit dem Ziel, versiegelte Flächen – insbesondere Gehwege, Einfahrten und Höfe – zu entsiegeln und zu begrünen. Die Kommune, die am Ende des Jahres die meisten Steine entfernt hat, bekommt den „Goldenen Pflasterstein“ verliehen. Seit Beginn wurden bereits über 14,4 Millionen Steine entfernt und eine Fläche so groß wie 81 Fußballfelder begrünt.

Und was tut Deutschland für mehr Stadtgrün?

Doch auch in Deutschland gibt es Erfolge. Das Konzept der Schwammstadt hat es aus der wissenschaftlichen Nische ins Zentrum der Politik geschafft und ist in Berlin offizielles Leitbild.

In Hannover entsteht gerade der erste kleine Stadtwald nach dem Miyawaki-Prinzip. Die Stadt Göttingen arbeitet derzeit an einem Entsiegelungskataster, in dem alle Orte erfasst werden, die sich potenziell entsiegeln und begrünen lassen und in Hamburg ist mit der Begrünung des Bunkers in St. Pauli ein wunderbares Prestige-Objekt moderner Stadtentwicklung gelungen.

Der Bunker im Hamburger Stadtteil St. Pauli wurde umgestaltet.
Der Bunker im Hamburger Stadtteil St. Pauli wurde von Grund auf umgestaltet und begrünt. (Foto: CC0 Public Domain / Pexels -Wolfgang Weiser)

Treiber des Wandels sind immer wieder die Bürger:innen selbst. In München sammelte eine Bürgerinitiative vor zwei Jahren 60.000 Unterschriften gegen die Bebauung weiterer Grünflächen. Die Forderungen wurden kurz darauf vom Stadtrat übernommen. Ebenfalls 2023 erlangte der Protest von Berliner Anwohner:innen gegen die geplante Abholzung einer 200 Jahre alten Eiche für Tiefgaragen-Parkplätze bundesweite Aufmerksamkeit. Der Protest wirkte, die Eiche steht bis heute. Und seit kurzem formiert sich, ebenfalls in Berlin, die Initiative BaumEntscheid, die den Schwarz-Roten Senat per Volksentscheid zu mehr Stadtgrün verpflichten will.

Der Wille, die Natur zurück in den urbanen Raum zu holen, ist da. Angetrieben von Bürger:innen, gepaart mit zarter politischer Unterstützung. Und auch wenn es in Deutschland auf nationaler Ebene noch an verbindlichen Maßnahmen zur Begrünung von Städten fehlt, können sich Kommunen dafür zumindest die Kosten bis zu 90 Prozent von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bezuschussen lassen. Am Geld kann es also nicht scheitern. Und auch an öffentlichen Flächen mangelt es uns in Deutschland nicht – höchstens vielleicht ein wenig an der Vorstellungskraft, diese zu verändern.

Alle Beiträge der Kolumne kannst du hier lesen: Eine Kolumne von Ingwar Perowanowitsch

Quellen: Website Stadt Wien, Website Tegelwippen in den Niederlanden, Berliner Initiative BaumEntscheid

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