Kritik von Umweltschützern: Ist Amazon für den Müll im Meer verantwortlich?

Screenshot: Oceana

Mit dem Plastikmüll, den Amazon 2019 generiert hat, könnte man 500 mal die Erde umrunden – das geht aus einem Report der Umweltschutzorganisation Oceana hervor. Und bis zu alle 70 Minuten verschmutzt in etwa die Menge einer LKW-Ladung davon Meere und andere Gewässer. Nun hat sich Amazon dazu geäußert.

Dass durch den Online-Handel viel Müll entsteht, ist nichts neues. Doch die neuen Zahlen der Organisation Oceana klingen trotzdem erschreckend: Allein 2019 soll Amazon Oceana zufolge circa 211.000 Tonnen Plastikverpackungsmüll produziert haben. Dazu zählt der Report zum Beispiel Luftpolsterfolie, Versandtaschen aus Kunststoff und Papierumschläge, die mit Plastik ausgekleidet sind. Würde man diese Menge in Luftpolster umrechnen, könnte man damit die Erde circa 500 mal umwickeln.

Oceana ist eine Organisation, die sich für den Schutz der Meere einsetzt. Ihre Analyse kommt zu dem Schluss, dass 2019 rund 10.000 Tonnen Plastikverpackungen des Versandhändlers Amazon maritime und Süßwasser-Ökosysteme verschmutzt haben. Diese Menge entspräche circa eine LKW-Ladung Plastikmüll pro 70 Minuten.

So reagiert Amazon auf den Report

Oceana zufolge hat Amazon einen großen und schnell wachsenden Fußabdruck, was die Umweltverschmutzung durch Plastik angeht. Die NGO geht davon aus, dass die Menge an Plastikmüll, die die Meere erreicht, schneller wachsen wird, als die Verkäufe des Unternehmens. Viele der Plastikverpackungen würden nicht recycelt, unter anderem weil viele kommunale Recycling-Programme die verwendete Plastikfolie nicht akzeptieren – zum Beispiel in den USA, Kanada und dem UK.

Nun hat Amazon sich zu den Ergebnissen des Reports geäußert. Gegenüber Utopia gab ein Amazon-Sprecher an, Oceana habe den Plastikverbrauch „drastisch falsch berechnet und um mehr als 350 Prozent zu hoch angegeben“. Amazon verwende etwa ein Viertel der im Bericht geschätzten Menge an Plastikverpackungen. Was immer noch viel ist.

Oceana-Report basiert auf Annahmen

Wie groß ist Amazon’s Plastikfußabdruck tatsächlich? Das ist nach wie vor nicht ganz klar. Fakt ist: Die Zahlen, die Oceana nennt, basieren auf einer Reihe von Schätzungen und Annahmen.

Um den Plastikmüll-Fußabdruck abzuschätzen, haben die Autor:innen des Reports zum Beispiel unter anderem Werte zum Plastikmüllaufkommen durch E-Commerce in einem Land mit dem Marktanteil des Unternehmens abgeglichen. Leider waren auch nicht alle aufgeführten Quellen frei zugänglich. Die Utopia-Redaktion konnte deshalb nicht alle Zahlen nachvollziehen.

Eine gewisse Unschärfe ist bei solchen Studien nicht ungewöhnlich: Lars Gutow vom Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven schätzte die Zahlen gegenüber der Tagesschau als nachvollziehbar ein. Sie würden einen Eindruck der Größenordnung vermitteln.

Versandhandel: Viel Müll, weite Wege, viele Retouren.
Nicht nur Amazon: Der ganze Versandhandel hat ein Plastikproblem. (Foto: CC0 / Pixabay / delphinmedia)

Utopia meint: Amazon ist nur ein Faktor eines großen Problems

Die Erde kann man wahrscheinlich nicht genau 500-mal in Amazon-Luftpolster wickeln – vielleicht sind es nur 200-mal oder 600-mal. Das ist auch gar nicht der Punkt.

Amazon ist Marktführer im Online-Handel, deshalb entsteht über den Anbieter zwangsläufig auch ein großer Teil des Plastikmülls in der Branche. Doch die Plastik-Krise lässt sich nicht einem Einzelhändler zuschieben. Es sind die Verpackungen der Produkte selbst, mit denen das Problem beginnt, sowie ein Überkonsum von Produkten, deren Notwendigkeit man häufig in Frage stellen darf.

Eine enorm wichtige Rolle spielen aber auch unsere Erwartungen an den Onlinehandel und die daraus sich ergebenden Anforderungen an den Versand: Als Kund:innen wollen wir, dass die bequem bestellten Produkte unbeschädigt bei uns ankommen, egal, wie sorglos sie auf dem Transportweg behandelt werden – und gleichzeitig wollen wir für den Versand wenig bezahlen.

Dennoch sind Versandriesen wie Amazon nicht unschuldig: Sie heizen mit Events wie Black Friday, Prime Day oder der Cyber Week den Konsum so richtig an. Sie verführen Kund:innen mit scheinbar kostenfreiem Versand und speziell Amazon produziert noch dazu Produkte, die noch nicht mal einen Aus-Schalter haben, also Standby-Stromschlucker sind. Gerade als Marktführer hätte Amazon größten Einfluss auf die Branche und könnte Veränderungen anstoßen, so wie das bei Produkten in „Frustfreier Verpackung“ vereinzelt schon zu finden ist.

Am Ende führt nämlich kein Weg dran vorbei ist: Wer die größte Marktmacht hat, und das hat Amazon eben, der hat auch die größte Verantwortung. Daher muß Amazon auch für weniger Plastikverpackung im Versand sorgen. In Indien habe der Online-Riese das schon umgesetzt, so Oceana. Warum nicht überall?

Utopia-Tipp: Wer beim Shoppen auf Kunststoff verzichten möchte, kann bei grünen Online-Shops teilweise auch plastikfrei einkaufen – oder einfach den lokalen Einzelhandel unterstützen.

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