„Apple kann kein faires Phone bauen“

Foto: Frank Bauer by CC BY-SA 2.0

Kann man für den Preis eines neuen iPhone X ein faires Smartphone herstellen? Bas van Abel, Geschäftsführer von Fairphone, über die Lieferketten im Elektronikbereich, Apple und seine Bemühungen mit Fairphone das System zu verändern.

Bas van Abel – das iPhone X kostet in der Top-Variante 1319 Euro. Kann man für den Preis auch ein faires Smartphone bauen?

Das ist eine einfache Frage, die man jedoch nicht so einfach beantworten kann. Zuvor möchte ich jedoch eine Gegenfrage stellen: Was denken Sie denn?

Ich denke, dass ein so mächtiger Konzern mit all seinen Möglichkeiten für den Verkaufspreis ein faires Smartphone bauen könnte.

Zunächst ist doch die Frage „Was ist fair?“. Sind es die Rohstoffe, beispielsweise ihre Quellen und die Auswahl an Metallen, die Arbeitsbedingungen, das Design der technischen Komponenten, die Langlebigkeit eines Produktes?

Kann Apple ein faires Smartphone bauen?

Der Kunde versteht darunter vor allem faire Arbeitsbedingungen für die Arbeiter bei der Herstellung.

Nachhaltigkeit ist meiner Ansicht nach keine Sache von Schwarz und Weiß. Schaut man sich beispielsweise die Gewinnung von Edelmetallen an, die für ein Smartphone gebraucht werden, wird man schnell mit Kinderarbeit im Kongo konfrontiert. Man könnte jetzt sagen, wir beziehen kein Gold mehr aus dem Kongo und kaufen stattdessen in Australien ein. Doch wird das Leben für die Menschen im Kongo davon besser? Wir bei Fairphone haben uns deshalb dafür entschieden, Minen im Kongo bei der Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu helfen. Die Frage ist doch: Wie positioniert sich ein Konzern wie Apple zu diesem Dilemma?

Konzerne argumentieren meist mit den höheren Produktionskosten, um beispielsweise ihre unfairen Einkauf zu rechtfertigen.

Hersteller wie Apple oder Samsung agieren in einem Wirtschaftssystem, das aktuell nicht der Fairness verpflichtet ist. Ein Grund dafür ist beispielsweise, dass der Faktor Mensch für den Kunden, der später das Smartphone in den Händen hält, komplett ausgeblendet wird. Wir müssen den Mensch wieder ins System zurückbringen und ihn bei den Entscheidungen berücksichtigen. Entscheidet man sich dann für Metalle aus fairen Quellen, lassen sich die Mehrkosten ziemlich genau berechnen und die sind nicht viel höher. Es kostet viel mehr, die Nachhaltigkeitsprogramme in den Unternehmen zu implementieren und dann auch zu überwachen.

Wie kompliziert ist es, bei einem Produkt wie einem Smartphone die Lieferkette zu durchdringen?

Das Fairphone besteht aus rund 1200 Einzelteilen, die jedoch beispielsweise beim Bildschirm wieder aus hunderten Teilen bestehen. Wir haben keine eigene Fabrik, sondern lassen das Fairphone von unseren Partnern nach unseren Vorgaben fertigen. Dabei können wir jedoch nicht bis ins kleinste Detail vordringen. Wir haben uns deshalb entschieden, uns vor allem auf die Mineralien und Metalle zu fokussieren und diese fairer zu machen. Doch ich denke, es ist unmöglich, jedes einzelne Teil eines Smartphones zu kontrollieren – nicht in dem aktuellen System.

Und das gilt auch für Global Player wie Apple?

Ein einzelnes Unternehmen kann in dem aktuellen System kein faires Smartphone bauen – das gilt für Fairphone, aber auch für Apple. Wenn man also das Ziel hat, sein Produkt fairer als bisher zu machen, muss man auch daran arbeiten, dass sich das System ändert, in dem Smartphones hergestellt, verkauft und genutzt werden. Denn ansonsten muss man jedes einzelne Teil in seiner eigenen Fabrik herstellen und zusammenbauen.

Betreibt Apple kein Greenwashing?

Im letzten CSR-Bericht hat Apple bekannt gegeben, zukünftig vor allem auf recycelte Rohstoffe als Quelle zu setzen. Ist so etwas überhaupt realistisch oder pures Greenwashing?

Wenn man sich die gesamte technische Entwicklung unserer Gesellschaft anschaut, dann muss man festhalten: Wir haben nicht ausreichend Mineralien oder Metalle in unseren Recycling-Systemen oder unseren Städten, die man beispielsweise mit Urban Mining gewinnen könnte. Ich bin aber dennoch nicht der Ansicht, dass Apple Greenwashing mit seiner Ankündigung betreibt. Denn gerade das Recycling hat einen wirtschaftlichen Vorteil für Unternehmen. Doch es gibt gerade beim Recycling noch große Herausforderungen, denn viele Smartphones haben ein zweites oder drittes Leben in Afrika oder fristen ihr Dasein in unseren Schubladen. Aber in Afrika gibt es keine flächendeckende Infrastruktur, um die Smartphones professionell zu recyceln.

Wie aktiv ist Fairphone im Bereich Recycling?

Wir nehmen Smartphones jeglicher Hersteller zurück, doch viel wichtiger als Recycling ist eine längere Nutzungsdauer. Der größte ökologische Fußabdruck eines Smartphones entsteht bei der Produktion. Das Fairphone ist darauf ausgelegt, möglichst lange genutzt zu werden. Doch hier kommen wir für viele Hersteller zu einem schwierigen Punkt. Wer Geräte baut, die länger halten, verkauft weniger neue. Davon sind die Aktionäre nicht begeistert. Die Unternehmen und auch unsere Gesellschaft sind gefangen in der Wachstumsfalle.

Wie kommt man da raus?

Auch wenn man nur alle fünf Jahre ein neues Smartphone kauft, können Unternehmen profitabel sein. Allein schon dadurch, dass die Bevölkerung immer weiter wächst. Aber man muss auch sagen, dass die Hersteller nicht allein dafür verantwortlich sind.

Sie meinen den Verbraucher?

Viele kaufen sich ein neues Gerät, obwohl das alte noch funktioniert. Deshalb wollen wir den Verbraucher für den menschlichen Faktor sensibilisieren. Wir sind zuversichtlich, dass diejenigen, die diesen Faktor in ihren Konsumentscheidungen berücksichtigen, Smartphones länger nutzen werden. Unser Ziel mit Fairphone ist es deshalb eine Marke zu entwickeln, die über die Technologie hinausgeht und die berücksichtigt, dass Menschen hinter der Produktion stehen. Faire Schokoladenhersteller sind gut darin. Wir müssen dazu kommen, dass sich die Nutzung des Fairphones besser anfühlt, als die von vergleichbaren Smartphones. Transparenz ist ein Schlüssel dazu.

Das System muss verändert werden

Aber kann man damit ein ganzes System ändern?

Wir sind auch Teil des Systems, denn wir teilen uns zahlreiche Teile der Lieferkette mit Unternehmen wie Apple und Samsung. Wir möchten jedoch mit unserer Herangehensweise Menschen inspirieren, anders zu denken und anders zu handeln. Das gilt nicht nur für die Menschen, die in den großen Konzernen arbeiten, sondern auch für Aktionäre, Zulieferer und Verbraucher. Wir haben mit Fairphone bewiesen, dass es für fairere Elektronikgeräte einen Markt gibt. Und wenn dieser Markt größer wird, dann werden die Unternehmen diesen Markt wahrnehmen, da mit ihm Geld zu verdienen ist. Ich bin überzeugt, dass Konzerne, die keinen gesellschaftlichen Beitrag leisten, keine Zukunft haben. Immer mehr institutionelle Anleger achten in ihrer Strategie darauf. Ebenfalls die Millenials – wer ihre Wünsche nicht berücksichtigt, hat bald keine guten Mitarbeiter mehr.

Also bleibt der Verbraucher der Schlüssel zum Erfolg?

Auch die Politik kann dazu beitragen. Nehmen wir beispielsweise Schweden. Dort wurde der Steuersatz für Reparaturen gesenkt. Damit wird ein Anreiz für einen komplett neuen Wirtschaftszweig gegeben, da es für Unternehmen und Verbraucher auf einmal attraktiver ist, Dinge wieder zu reparieren.

GASTBEITRAG aus enorm
Text: Phillip Bittner

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