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„Crash-Test-Dummys gendern“? Wie die Bild eine wichtige Debatte verzerrt

Unsichtbare Frauen, Crashtest Dummy
Foto: phonlamaiphoto / stock.adobe.com

Hamburgs zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Bündnis 90 / Die Grünen) spricht sich beim Verkehrskongress ITS für geschlechterinklusive Unfallforschung aus – und zieht damit den Ärger der Bild auf sich.

Mit der Schlagzeile „Vize-Bürgermeisterin will Crash-Test-Dummys gendern“ kommentiert und berichtet die Bild über Katharina Fegebanks Äußerung beim Verkehrskongress ITS. Allerdings verzerrt diese Headline die wahre Aussage von Hamburgs zweiter Bürgermeisterin. Fegebank sprach sich nicht in etwa, wie die Bild-Headline zu verstehen gibt, für das Gendern mit Gendersternchen oder Doppelpunkt für Dummies aus, sondern macht auf ein wichtiges Thema aufmerksam.

Männlicher Körper lange Zeit als Standard bei Crash-Tests

In der Automobilindustrie, insbesondere der Unfallforschung, wurden lange Zeit ausschließlich auf den männlichen Körper angepasste Crash-Test-Dummies verwendet. Für Frauen, kleinere Menschen und Menschen mit Behinderung ergab sich damit ein Nachteil bei der Fahrzeugsicherheit. Denn: Wenn nur „männliche“ Dummies verwendet werden, um Gefahrensituationen zu testen, wird die Fahrzeugsicherheit dementsprechend nur an den „Standard“-männlichen Körper angepasst. Dass darunter die Sicherheit für andere Verkehrsteilnehmer:innen litt, ist nicht nur eine Vermutung, sondern wurde durch Studien belegt. Inzwischen gibt es auch Dummies mit anderen Körperformen. Dummies, die dem Körper von Schwangeren entsprechen gibt es aber beispielsweise noch immer nicht.

Kommentar weicht vom eigentlichen Thema ab

Die Berichterstattung rundet die Bild mit einem Kommentar von Markus Arndt ab. Dort wird darauf verwiesen, dass Frauen doch die vorsichtigeren und sichereren Autofahrer:innen seien, außerdem müsse Mobilität „nicht „gendergerecht“ gemacht werden, weil sie es längst ist.“ Im Kommentar lässt sich auch dieser Satz finden: „Wenn es nach Gleichstellungssenatorin Katharina Fegebank […] geht, sind Frauen offenbar zu dumm und ungeschickt, um einen Autositz einzustellen, oder den Gurt.“.
Arndts Kommentar zur sicheren Fahrweise von Frauen mag zwar stimmen, ist aber irrelevant. Denn auch die sicherste, angegurtete Autofahrerin kann einmal einen Unfall bauen. In diesem Fall sollte sie sich darauf verlassen können, dass das Auto sie ähnlich gut schützt wie einen Mann. Dies wird in Arndts Kommentar nicht erwähnt.

Utopia meint: Katharina Fegebanks Aussage, dass Crash-Test-Dummies geschlechterinklusiv gemacht werden sollen, ist durch Studien belegt und sollte deswegen auch von der Automobilindustrie mehr Beachtung geschenkt bekommen. Dass die Bild daraus eine reißerische Zeile macht, um das Thema in Richtung Genderdebatte zu lotsen, ist am eigentlichen, wichtigen, Thema vorbei und liest sich als reine Aufreger-Nachricht.

Frauen sind nicht nur in der Automobil-Industrie benachteiligt, sondern in vielen Bereichen. Mehr dazu in unserem Artikel: 5 Beispiele, die zeigen, dass unsere Welt nicht für Frauen gemacht ist

Zwei Lese-/Geschenktipps

Die beiden zurzeit wichtigsten Bücher zum Thema sind „Unsichtbare Frauen“ von Caroline Criado-Perez (btb, 2020, kaufen bei** Thalia oder Buch7) sowie „Das Patriarchat der Dinge“ von Rebekka Endler (Dumont, 2021, kaufen bei** Thalia oder Buch7). Beide eignen sich auch als Weihnachtsgeschenk für aufmerksame Leser:innen!

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