Heuschreckenplage am Wühltisch: So war meine erste Kleidertauschbörse

Kleidertauschbörse
Foto: Utopia/Brigitte Rohm

Klamotten tauschen statt wegwerfen – eine tolle Idee, um nachhaltiger mit Mode umzugehen. Doch bei ihrem ersten Kleidertausch-Event stellte unsere Autorin fest: Man braucht dafür auf jeden Fall ein dickes Fell!

„499 sind interessiert“ – das kann ja heiter werden. Die Facebook-Veranstaltung für eine Kleidertauschbörse in München erfreut sich regen Zulaufs. Ob sie in der Realität auch so gut besucht sein wird? Und geht es den Menschen dort wirklich um Nachhaltigkeit – oder doch mehr um den Fun-Faktor, um Kaufrausch? Obwohl auf einer Tauschbörse ja streng genommen gar nichts gekauft wird? Ich weiß es nicht, schließlich habe ich noch nie an einem solchen Event teilgenommen. Und beschließe, diese Bildungslücke zu füllen.

Dabei ist mein Kleiderschrank schon gut mit Second-Hand-Klamotten gefüllt, denn ich decke mich gern auf Flohmärkten oder – seltener – auch in Vintage-Shops damit ein. Der Vorteil einer Kleidertauschbörse liegt da auf der Hand: Hier muss ich keinen noch so geringen Betrag bezahlen, sondern überhaupt nichts. Und mache anderen mit meinen aussortierten Teilen noch eine Freude.

Das System: Man erhält Punkte für jedes Kleidungsstück

Außerdem kann mein Schrank dringend eine Schlankheitskur vertragen. Das liegt weniger an massenhaftem Konsum, sondern an meiner Nostalgie: Ich trenne mich ungern von geliebten Kleidungsstücken. Schweren Herzens bestimme ich zehn Teile, die am Kleidertausch teilnehmen dürfen. Mehr sind bei dieser Veranstaltung nicht zugelassen (nur Schuhe und Accessoires darf man unbegrenzt mitbringen).

Klamotten für die Kleidertauchschbörse
Die Tauschware: ein Stapel Kleider, Blusen und Pullover. (Foto: Utopia/Brigitte Rohm)

Das System ist ausgeklügelt: Zwischen 11 Uhr und 12:30 Uhr entrichtet man einen Obolus von drei Euro und kann dann seine Klamotten abgeben. Dabei erhält man je nach Kleidungsstück verschieden viele Punkte: Eine Hose bringt zum Beispiel drei Punkte, ein T-Shirt nur einen. Auch der Zustand wird bewertet: Aktuelle Mode wird mit vier Punkten honoriert, stark abgenutzte oder kaputte Sachen werden gar nicht erst angenommen.

Manche sind bewusst hier, weil sie nachhaltiger konsumieren wollen

Als ich gegen 11:30 Uhr ankomme, ist die Schlange in dem kleinen Raum noch überschaubar. Mehrere Helferinnen sortieren Klamottenstapel und erklären geduldig die Regeln. Eine von ihnen mustert jedes meiner Teile, bevor es in einem Haufen auf dem Boden verschwindet. Ob ich meine Sachen später noch mal wiedersehe, wenn der Run beginnt? Noch lieber würde ich allerdings die Schätze einer Dame, die nach mir dran ist, im Gewühl aufspüren: einen schönen, weinroten Strickpulli und ein Paar Stiefel, die mir passen könnten. Dafür gäbe ich gern einige von meinen Punkten her.

Um halb eins ist es gerammelt voll, die Wartemöglichkeiten im Warmen gehen zur Neige. Ich weiche auf die Treppe aus, genau wie Amelie und Lisa. Die beiden Auszubildenden erzählen, dass sie schon oft auf Kleidertauschbörsen waren – Amelie hat sogar selbst schon eine organisiert, für Amnesty International. Für die beiden steht der Nachhaltigkeitsgedanke im Vordergrund. „Ich bemühe mich, keine Fast Fashion von H&M und anderen Ketten zu kaufen“, sagt Amelie. „Hier sind ja auch immer super Sachen dabei – und dafür muss nichts neu produziert werden!“

Kleidertauschbörse
Am Anfang geht es bei der Kleidertauschbörse noch gesittet zu. (Foto: Utopia/Brigitte Rohm)

Männerkleidung: Bei Kleidertauschbörsen oft Mangelware

Amelie hat auf jeder Börse den Auftrag, einen Pulli für ihren Freund zu finden – das habe aber erst ein einziges Mal geklappt. Denn Männersachen sind bei Kleidertauschbörsen häufig Mangelware. Auch heute scheint die Mehrheit der Tauschwütigen weiblich zu sein. Das Spektrum der Besucherinnen und Besucher reicht von Hipstern bis zu älteren Schülerinnen, von Menschen, die sich keine neue Kleidung leisten können, bis hin zur Dame im mittleren Alter, die gern stöbert: Gabriele ist 56 und gerne bei Tauschevents dabei. Stolze 27 Punkte hat sie heute zur Verfügung. „Es gibt Basartypen, so jemand bin ich“, stellt sie fest und erzählt, dass sie zum Einkaufen inzwischen überhaupt nicht mehr in der Stadt ginge: Das Gewimmel sei ihr zu viel.

Ob diese Kleidertauschbörse besser für die Nerven ist, wage ich zu bezweifeln, als um 13 Uhr der Startschuss fällt. Ich lasse mich von der Masse in die engen Räume schieben, in denen die Tauschkleidung wartet – der kleinere ist für Männer- und Kinderkleidung reserviert, der größere für Frauenkleidung und Accessoires. Ich kann gerade noch zur Kenntnis nehmen, wie liebevoll die Ware von den Helfern an Treppengeländern drapiert und auf Stapel verteilt wurde, bevor alles zwischen Leibern verschwindet.

Nach einer Stunde: eine magere Ausbeute

Völlige Reizüberflutung. Ich höre, wie jemand sagt: „Krass, das erste Teil, das ich in die Hand nehme, ist eins von mir.“ Auf dem Weg zu den Pullovern verheddere ich mich in den langen Haaren eines Mädchens vor mir. Eine Frau fragt: „Nimmst du den nicht?“, und greift über meine Schulter nach einem Pulli, den ich zurücklegen wollte. Beim Gedanken, gezielt nach den Teilen zu suchen, die mir vorhin gefallen haben, muss ich lachen. Die Lounge-Musik macht es kaum entspannter, das gedimmte Licht sorgt dafür, dass man die Farben nicht richtig erkennt: Ich schnappe mir ein pinkfarbenes Sweatshirt, weil ich denke, dass es rot sei. Lisa, die mir wieder über den Weg läuft, zischt Amelie zu: „Was für ein Abfuck!“

Meine Ausbeute nach einer Stunde: mager. Und bei genauer Betrachtung: noch magerer. Zu klein, zu groß, zu rosa.

Kleidertauschbörse
Die erste Welle der Plünderung ist vorbei. (Foto: Utopia/Brigitte Rohm)

Immerhin lichtet sich das Schlachtfeld allmählich. Die Tische sehen aus, als seien Heuschrecken darüber hergefallen, die sich von Second-Hand-Klamotten ernähren. Langsam beginnen einige Besucherinnen, Kleidungsstücke zurückzulegen. „Die abgelegten Sachen sind immer die besten“, erklärt mir eine junge Mutter, die im Nebenraum Röcke anprobiert und gleichzeitig aufpasst, dass ihr Kleinkind nicht ausbüxt. Auch sie ist Kleidertauschprofi und hat noch Punkte vom letzten Mal übrig. „Man muss alles anprobieren, sonst ärgert man sich später“, rät sie. Ich ärgere mich jetzt schon, weil ich so wenig Glück hatte: Am Ende bleiben mir nur ein silberner Armreif und ein schwarzes T-Shirt mit einem aufgestickten Kaktus.

Was übrig bleibt, wird an einen Sozialbetrieb gespendet

Bei dieser Tauschbörse werden die Kleidungsstücke, die keiner mitnimmt, an den Sozialbetrieb Diakonia oder an Flüchtlingsprojekte gespendet. Obwohl nicht alle Klamotten neue Besitzerinnen finden, sind es dank des Punktesystems, mit dem jedes einzelne Kleidungsstück geprüft wird, möglicherweise weniger als anderswo: „Oft bringen die Leute ganze Packen mit Sachen, die wirklich keiner mehr will, und normalerweise karrt man dann noch tonnenweise zur Kleiderspende“, haben Amelie und Lisa vorhin erzählt.

Mein weiß-goldener Strickpulli und der türkisfarbene Pullover mit dem extravaganten Rückenausschnitt gehören noch lange zu den ungeliebten Überbleibseln. Traurig beobachte ich, wie sie immer wieder beäugt und dann fallengelassen werden. Doch irgendwann sind auch sie verschwunden. Ganz im Gegensatz zu meinen Punkten, von denen ich 18 mit nach Hause nehme.

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Suchbild mit weiß-goldenem Strickpulli: Keiner will ihn haben. (Foto: Utopia/Brigitte Rohm)

Fazit: Man braucht starke Nerven und eine gute Strategie

Mein Fazit: Kleidertauschbörsen sind sinnvoll als Statement gegen Verschwendung und, um ausrangierten Schätzen ein neues Heim zu geben. Wer allerdings selbst etwas finden will, braucht starke Nerven und eine gute Strategie: sofort alles einsammeln, was auch nur ansatzweise zusagt. Dann erst in einer ruhigen Ecke alles durchsehen und gegebenenfalls wieder ablegen. Zwischendurch das Atmen nicht vergessen. Ich bleibe wohl eher der Flohmarkt-Typ.

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