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Betroffener erzählt: So ist es, an Affenpocken zu erkranken

Ein Betroffener schildert, wie es ist, sich mit den Affenpocken anzustecken.
Foto: Unsplash / Gift Habeshaw / Symbolbild

Seit einigen Wochen werden Affenpocken in etlichen Ländern nachgewiesen, auch in Deutschland gibt es Fälle. Ein Betroffener schildert in einem Erfahrungsbericht eindrücklich, welche Folgen die Erkrankung für ihn hatte.

Weil sich die Affenpocken weltweit ausbreiten, hat die Weltgesundheitsorganisation bereits einen Notfallausschuss einberufen. Auch der Name der Krankheit soll aus Gründen der Diskriminierung geändert werden. Oftmals sind Debatten rund um Infektionskrankheiten abstrakt, auch weil Politik und Wissenschaft möglichst effizient nach Lösungswegen suchen. Was aber erleben Betroffene? Ein Mann, der an den Affenpocken erkrankt ist, schildert in einem Erfahrungsbericht für Zett, welche Auswirkungen die Infektion für ihn hatte – vor allem die Stigmatisierung als homosexueller Mann sei heftig gewesen.

Der Autor ist einer von rund 520 vom Robert Koch-Institut (RKI) erfassten Fälle in Deutschland. Laut Expert:innen infizieren sich vorwiegend Männer, die mit anderen Männern schlafen. Entsprechend übergriffig und beleidigend seien die Reaktionen gewesen, mit denen sich der Betroffene konfrontiert sah.

„‘Promiskuitiv, hedonistisch, verantwortungslos – typisch Schwule‘, ‚Affenpocken-Alarm in der Cruising-Zone‘, ‚Behalt mal deine Schwulenseuche für dich‘ sind noch die nettesten drei der vielen Kommentare und Nachrichten, die mich erreichten, nachdem ich über meinen Krankheitsverlauf öffentlich auf Twitter gesprochen hatte“, schreibt der Mann in seinem Bericht. Ihm sei es wichtig gewesen, offen über Ansteckung, Verlauf und Symptome zu sprechen. Nur so könnten sich Menschen gegenseitig schützen.

„Als schwuler Mann in einer nicht monogamen Ehe passe ich in die Statistik“

Sein eigener Krankheitsverlauf habe „harmlos“ angefangen. Ein leichter Husten, Niedergeschlagenheit. Zunächst dachte der Mann, er hätte sich mit dem Coronavirus angesteckt – oder der Grippe, nachdem die Tests negativ ausgefallen waren. „Am vierten Tag wachte ich morgens auf, als wäre ich von einem Zug überrollt worden; ich fühlte mich schlapp, hatte Nackenschmerzen, leichtes Kopfweh. Gegen Mittag bemerkte ich plötzlich ein Jucken im Intimbereich“, schreibt er weiter. Wenig später entdeckte er auf seinem Penis eine kleine Wunde, die sich als Pocke herausstellen sollte. Doch zu diesem Zeitpunkt hegte der Betroffene noch keinen Verdacht.

Es folgten Fieber und Schüttelfrost. „Außerdem tat mir der Nacken weh, die kleinste Bewegung schmerzte, jede Berührung war zu viel. An Schlaf war nicht zu denken.“ Eine Wunde im Intimbereich wurde größer. „Es sah fast so aus, als hätte mir jemand mit einer kleinen Schrotkugel in den Penis geschossen. Ich war schockiert.“ Das Problem: Die Pocken ähnelten nicht den Abbildungen, die im Internet kursierten. Sieben Tage nach den ersten Symptomen nahm schließlich sein Arzt Abstriche. Als die Affenpocken diagnostiziert wurden, schickte ihn das zuständige Gesundheitsamt in Isolation, so der Autor. Medikamente habe er keine bekommen, eine Impfung für seinen Ehemann gab es auch nicht.

„Als schwuler Mann in einer nicht monogamen Ehe passe ich prima zur Mehrheit der Fälle und somit in die derzeitige Statistik“, erklärt der Betroffene. Die Stigmatisierung, die er erlebte, tabuisiere Sex unter homosexuellen Männern als schmutzig und setze „die Affenpocken fälschlicherweise mit einer Geschlechtskrankheit gleich“. Sie greife „auf alteingesessene Stereotype zurück und macht homosexuelle Männer schließlich zu Verursachern der Krankheit, die ihre Erkrankung sogar verdient haben.“ Allerdings könne der Mann seine Infektion durch sexuelle Kontakte nahezu ausschließen. „Die zwei Männer, mit denen ich zu der Zeit Sex hatte – von denen einer mein Ehemann ist –, sind beide nicht an Affenpocken erkrankt. Ich weiß also nicht, wo und bei wem ich mich angesteckt habe.“

„Viele hartnäckige homofeindliche Vorurteile“

Tatsächlich ist der genaue Übertragungsweg noch nicht geklärt. Dem RKI zufolge infizieren sich Menschen allgemein häufig durch Kontakt mit infizierten Tieren oder tierischem Blut und Sekreten, über das Essen infizierten Affenfleischs sowie Tröpfcheninfektion. Der Epidemiologe Paul Hunter von der Universität of East Anglia sagte nach Bekanntwerden der ersten Fälle der BBC, das Virus infiziere Kontaktpersonen, indem es von den Pusteln Erkrankter in Wunden oder die Augen von Kontaktpersonen gelange. Auch das Einatmen von Tröpfchen mit den Partikeln sei ein Weg. Intimkontakt ist demnach nur eine Möglichkeit der Übertragung. 

„Dass ich an Affenpocken erkrankt bin, ist weder meine Schuld, noch habe ich es aufgrund meiner Sexualität herausgefordert“, erklärt der Betroffene weiter. Er appelliert an einen besonnenen, diskriminierungsfreien Umgang mit der Krankheit. Homosexuelle Männer als „promiskuitiv“, „hedonistisch“ und „verantwortungslos“ zu stigmatisieren zähle „zu den vielen hartnäckigen homofeindlichen Vorurteilen der Mehrheitsgesellschaft, die spätestens seit Ausbruch der HIV-Pandemie immer wieder neu bedient werden“.

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