Kontroverse um ZDF-Post: Ist „Wer hat die Kokosnuss geklaut“ rassistisch?

In einem Instagrampost weißt ein Kanal des ZDF auf rassistische Stereotype in Kinderliedern hin.
Screenshot: YouTube/ Sing mit mir - Kinderlieder

Beliebte Kinderlieder sind teils sehr alt – und stecken oft voller rassistischer Klischees. Auf dieses Problem hat das ZDF auf Instagram aufmerksam gemacht. Der gut gemeinte Post stieß jedoch auf scharfe Kritik.

Ein recht harmlos klingender Post des ZDF hat recht unterschiedliche Reaktionen in den Medien hervorgerufen. Die Bildzeitung spricht von einem „Woke-Angriff des ZDF auf unsere Kinderlieder“, auch die Zeitung TAZ äußerte sich kritisch. In dem besagten Instagrampost weist der dem ZDF-zugehörige Kanal aroundtheworld auf Stereotype und Klischees in gängigen Kinderliedern hin. Einige von ihnen enthalten umstrittene Bezeichnungen:

  • Alle Kinder lernen lesen“ verwendet zum Beispiel diskriminierende Begriffe für „Inuit“ und „native American“, bemängelt der Sender. Die Hauptaussage, dass „sogar“ diese Kinder lesen lernen, bezeichnet das ZDF als „postkolonialen Stereotyp“.
  • In „c-a-f-f-e-e“ kommen unter anderem beleidigende Begriffe wie „Türkentrank“ und „Muselmann“ vor.

Bei anderen Liedern ist die Kritik vielschichtiger, zum Beispiel bei „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“. Eine frühe Version des Liedes handelte eigentlich von drei „Japanesen“, die ohne Pass von der Polizei aufgegriffen werden – die „Chinesen“ wurden erst während des Zweiten Weltkriegs eingefügt, da Japan mit Deutschland alliiert war. Das ZDF kritisiert: „Der Liedtext steht heute in der Kritik, antiasiatische Ressentiments zu reproduzieren.“ Die anlasslose Kontrolle durch die Polizei wird als „Racial Profiling“ und Polizeiwillkür kritisiert.

Ein weiteres bekanntes Kinderlied, „Aramsamsam“, stammt wohl ursprünglich aus Marokko und basiert auf arabischen Begriffen. Deshalb werde es als „Verballhornung“ [= bewussten Entstellung] der arabischen Sprache gedeutet.

Reaktionen auf Post: Das ZDF sollte sich entschuldigen

Der Post wurde in verschiedenen Medien diskutiert. Besonders laut titelte zum Beispiel die Bildzeitung: „Woke-Angriff des ZDF auf unsere Kinderlieder“. Das Boulevardblatt störte sich unter anderem an ungenauer Kritik: „Was genau das Problem an der Verballhornung einer Fremdsprache sei, erklärt der Kanal nicht.“

Die Tageszeitung TAZ hat mit einem eigenen Artikel auf die Darstellung der Bild reagiert und schreibt: „Man fragt sich, wen genau Bild im Kopf hat, wenn sie von ‚unseren Kindern‘ spricht.“ Denn mit rund 40 Prozent Erstklässler:innen mit Migrationshintergrund werde es höchste Zeit, darüber zu diskutieren, welche Lieder und Gesellschaftsbilder heute noch angemessen sind. Die Zeitung ist der Ansicht, dass sich Kinder mit einem chinesischen Elternteil bei „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ unwohl fühlen.

Trotzdem fordert auch die TAZ vom ZDF eine Entschuldigung für den Post: Denn der Sender bemängelt darin, dass bei „Wer hat die Kokosnuss geklaut“ rassistische Stereotype von kriminellen, triebgesteuerten Affen reproduziert werden. Das sieht die TAZ anders: „Nicht das Lied setzt Affen mit Schwarzen gleich, sondern das ZDF“. Falls du das Lied nicht kennst, kannst du es dir unter anderem von „Sing mit mir – Kinderlieder“ auf YouTube anhören.

Utopia meint: Wir müssen bei uns selbst anfangen

Dass die Bildzeitung nicht nachvollziehen kann, wieso sich Menschen unwohl fühlen, wenn ihre Muttersprache bewusst entstellt wird, ist bezeichnend. Und natürlich hat die TAZ recht, wenn sie sagt, kein Kind sollte sich in der Schule oder Kita unwohl fühlen müssen. Doch der Fall zeigt auch ein Problem auf, das unsere aktuelle gesellschaftliche Debatte mit sich bringt:

Wir alle sind bis zu einem gewissen Grad in rassistischem Denken verhaftet. Das liegt daran, dass das Problem allgegenwärtig ist: Es fängt bei Kinderliedern an und zieht sich durch Musik, Medien, Job– und Wohnungssuche. Um uns von diesen Klischees zu befreien, müssen wir sie erst selbst reflektieren – oder darauf aufmerksam gemacht werden. Dabei steht der Diskurs, leider, immer noch am Anfang. Und deshalb läuft er auch manchmal schief, trotz gut gemeintem Ansatz. Um dem vorzubeugen, müssen wir weiter das Gespräch suchen – respektvoll und offen.

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