Alltagsrassismus: Wenn es gar nicht böse gemeint war

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Schwarze Menschen diskriminieren – das machen doch nur Rassisten oder Rechtsextreme? Nicht ganz: Viele Schwarze in Deutschland erleben tagtäglich Rassismus, oft hinter Komplimenten versteckt. 

Es ist kurz vor 19 Uhr, Tina Monkonjay Garway hat einen langen Arbeitstag hinter sich und will nur noch nach Hause. Die U-Bahn ist voll, aber sie findet noch einen Sitzplatz neben einer älteren Frau. Es dauert nicht lange und die Dame fängt ein Gespräch an. Sie erzählt von ihrem letzten Afrika-Urlaub – in Kenia war sie. So schön ist es da. Und die Natur! Garway nickt, lächelt und antwortet höflich, eigentlich will sie ihre Ruhe.

Plötzlich greift die Dame mit ihrer linken Hand in Garways Haare. „Zack“ sagt Garway und ahmt die Handbewegung nach, als sie davon erzählt. Sie hat es nicht kommen sehen. „Oh das fühlt sich aber schön an, so weich!“ sagt die Fremde. „Wie ein Schaf!“. Sie ist ganz entzückt. Garway lächelt wieder, versucht sich nicht ansehen zu lassen, was in diesem Moment in ihr vorgeht.

In ihrem Inneren rasen die Gedanken: „Was hat diese Frau davor alles angefasst? Hat sie sich die Hände gewaschen, nachdem sie auf dem Klo war? Hat sie sich nicht vorhin erst die Nase geputzt?“ Garway ekelt sich – sagt aber nichts.

Eigentlich kennt sie diese Situation ja auch schon zur Genüge. Immer wieder greifen ihr fremde Menschen ins Haar. Denn Tina Garway ist schwarz, ihre naturkrausen Haare trägt sie zurzeit in dünnen Zöpfen in einem Pferdeschwanz. Schwarze Frauen in Deutschland teilen diese unangenehme Erfahrung. Es passiert in der U-Bahn, am Arbeitsplatz, in der Disko oder im Freundeskreis. Der aufdringliche Griff in die Haare ist nur eine von vielen Formen von Alltagsrassismus, dem viele Schwarze regelmäßig ausgesetzt sind.

Wann kann man von Rassismus sprechen?

Aber wieso ist das Rassismus? Die Frau hat Garway doch ein Kompliment gemacht?

„Weil jemand in deine Privatsphäre und irgendwie auch in dich als Person hineingreift, ohne um Erlaubnis zu bitten“, erklärt Garway. „Das ist meine Privatsphäre, das ist mein Körper. Ich darf entscheiden, wer mich anfasst und wer nicht. Das ist das Problem: Sie denken, dass sie aus ihrer Neugierde heraus alles machen dürfen, mit dem, was fremd aussieht.“  Einer weißen Frau passiert das nicht – oder zumindest nicht so regelmäßig, wie Garway und anderen Schwarzen Frauen.

Rassismus, Alltagsrassismus, Diskriminierung
Den Griff in die Haare erleben Schwarze Frauen regelmäßig. (© Paolese - Fotolia.com)

Was Rassismus genau ist, darüber streitet die Wissenschaft. Es gibt eine Vielzahl an Definitionen – der Duden definiert den Begriff als eine „Theorie, nach der Menschen bzw. Bevölkerungsgruppen mit bestimmten biologischen Merkmalen hinsichtlich ihrer kulturellen Leistungsfähigkeit anderen von Natur aus über- bzw. unterlegen sein sollen.“

Das bedeutet: Rassismus ist eine Form der Fremdenfeindlichkeit, bei der Menschen etwa aufgrund ihrer Hautfarbe anders behandelt werden. Wenn man fremden weißen Frauen auf keinen Fall einfach so in die Haare greifen würde, bei Schwarzen Frauen aber keine Hemmungen hat, kann man also von Rassismus sprechen – selbst wenn gar keine böse Absicht dahintersteckt.

Nett gemeinte Komplimente

Viele Rassismen, die Schwarze in ihrem Alltag erleben, sind in Komplimente verpackt. Für Yolanda Bisrat (Name geändert) war das vor allem in der Schulzeit schwierig. Die 23-jährige Studentin ist in München geboren und aufgewachsen, ihre Eltern kommen aus Eritrea. Als sie als Teenager mit einer Freundin shoppen war, sagte diese: „Ich weiß gar nicht was du hast. Du bist so hübsch, trotz deiner Hautfarbe.“

Oder einmal, als eine neue Bekanntschaft meinte: „Du bist die erste Schwarze die ich kenne, die nicht stinkt.“ In solchen Momenten ist Bisrat einfach nur perplex. Sie weiß nicht wie sie reagieren soll, in der Regel ignoriert sie die Kommentare oder lacht darüber. Aber es fühlt sich nicht gut an. „Man hat schon eine dicke Haut, aber es belastet trotzdem.“ Ihre Mutter sagt, sie solle solche Sprüche nicht so ernst nehmen.

Manchmal wird der Ton aber auch härter: „Nicht arbeiten gehen, aber ein Handy haben“, hat ein älterer Mann der Studentin einmal am Münchner Hauptbahnhof zugerufen. Vor allem abends geht Bisrat ungern allein aus dem Haus. Auch Garway vermeidet es, spätnachts ohne Begleitung unterwegs zu sein: „Wenn ich nach draußen gehe verliere ich meinen akademischen Grad. Weil da bin ich dann die Schwarze, die ein Flüchtling sein könnte oder arm. Ich kann nicht befreit laufen, weil oft Fragen oder Kommentare kommen, auf die ich einfach nicht antworten möchte.“

Gewalt und fremdenfeindlich motivierte Straftaten

Höchststand bei „fremdenfeindlich politisch motivierten Straftaten“ (Foto: CC0 Public Domain Pixabay)

Nicht immer bleibt es nur bei unangebrachten Kommentaren. Im Jahr 2016 verzeichnete das Bayerische Innenministerium 962 „fremdenfeindlich politisch motivierte Straftaten“. Bundesweit waren es laut Kriminalstatistik 8983 fremdenfeindlich motivierte Delikte – ein neuer Höchststand. Die Dunkelziffer liegt noch höher.

Wie viele der Opfer in den offiziellen Statistiken Schwarze waren, ist unbekannt. Die Behörden erheben lediglich die Nationalitäten, nicht aber die Hautfarbe der Opfer, erklärt eine Sprecherin des Bundeskriminalamts. Dabei wäre es wichtig, konkrete Zahlen zu haben, findet Tahir Della. Er ist im Vorstand der Initiative „Schwarze Menschen in Deutschland“ (ISD) aus Berlin. „Wir müssen wissen, wann eine Straftat rassistisch motiviert ist. Nur so wird der Rassismus auch nachweisbar.“ Bislang gibt es nur wenig Daten über die Lage Schwarzer Menschen in Deutschland, sie bleiben als Minderheit unsichtbar.

Rassismus und Diskrimination in vielen Bereichen

Aber wie könnte eine statistische Erfassung Schwarzer Menschen und Opfer von Straftaten aussehen? Wann gilt jemand überhaupt als „schwarz“ – und wann als „weiß“? Della und die ISD plädieren für ein System mit Eigenpositionierung. Denn schwarz sei, wer sich als schwarz identifiziere. Die Behörden könnten also verschiedene Kategorien anbieten, anhand derer Menschen sich selbst einordnen – so der Vorschlag der Initiative.

Prinzipiell kritisiert Della, dass Rassismus nicht ernst genug genommen wird: Das Problem sei nicht bloß der Alltagsrassismus und die vermeintlich unbedachten oder „harmlosen“ Kommentare, sondern auch der institutionelle Rassismus: Ob bei der Wohnungs- oder Jobsuche, in der Schule oder Universität, im Gesundheitswesen, vor Gericht oder bei Polizeikontrollen – in all diesen Bereichen werden Schwarze Menschen benachteiligt und diskriminiert.

Dass Rassismus dabei oft unbewusst oder unbeabsichtigt geschieht, befreie nicht von der Verantwortung, meint Della. „Es ist, wie wenn du jemandem auf den Fuß steigst. Es war keine Absicht, aber es tut trotzdem weh. Du sagst nicht: Das war unbewusst, also ist es nicht so schlimm. Sondern du entschuldigst dich und schaust, dass du ihm nicht nochmal auf den Fuß trittst.“

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(11) Kommentare

  1. Also bei deinem Textverständnis, welches du hier zum Ausdruck bringst, deiner Wortwahl und der kruden „Logik“, mit der du wieder mal etwas zu konstruieren versuchst, könnte einem regelrecht schlecht werden. Ist dir gar nichts peinlich? Tut das nicht weh? Zum Fremdschämen…

  2. Dann leg deine Gedankengänge doch einfach schlüssig und logisch dar, aber bitte unterlegt mit den Zitaten, aus welchen du jeweils deine Schlüsse ziehst. Dürfte für dich doch ein Leichtes sein.
    Bisher steht lediglich der Verdacht im Raum, dass du den Text nicht mal verstanden hast.

  3. Was in diesem Artikel komplett fehlt, ist ein fundamentaler Punkt, der Rassismus ausmacht und der in der diffusen duden-Definition nicht explizit vorkommt:
    Das der Diskriminierung inhärente Machtgefälle. Rassismus ist nicht einfach eine Beleidigung wegen einer bestimmten Hautfarbe, sondern Rassismus gibt es nur gegen nicht-weiße Personen. Das liegt daran, dass Weiße, obwohl global betrachtet eine Minderheit, gesamtgesellschaftlich und global mit wesentlich mehr Macht ausgestattet sind als BIPoC (Black/Indigenous/People of Colour). Die Ursachen dafür liegen natürlich im Kolonialismus und den von Weißen erfundenen Rassentheorien. Und bevor jemand fragt: ja, das bedeutet, dass es keinen Rassismus gegen Weiße gibt, nicht geben kann.

  4. Die Behauptung “Rassismus gibt es nur gegen nicht-weiße“ mag zutreffen, wenn man die von Ihnen beschriebene Definition zugrunde legt. Wie in dem Artikel aber bereits angedeutet wird, gibt es zu dem Begriff verschiedene Definitionen und Interpretationen. Wer sagt, dass diese Ihrige die einzig wahre und richtige ist? wer legt das fest? 🙂
    Mag auch sein, dass der Begriff im Ursprung auf den Kolonialismus und von weißen erfundene Rassentheorien zurück geht (kann ich nicht sagen). Aber ich denke, es ist keine Seltenheit, dass die Bedeutung eines Begriffs sich im alltäglichen Sprachgebrauch wandelt und der Begriff eine von der ursprünglichen abweichende Bedutung erhält, oder besser gesagt, seine Palette an Bedeutungen erweitert. So zum Beispiel auch der Begriff “Nazi“, gegen den sich vor einigen Jahren ein NPD-Mitglied gerichtlich verwahren wollte, weil er seiner Gesinnung nach kein Nazionalsozialist im ursprünglichen Sinne ist. Da hatte das Gericht seine Entscheidung, die Klage abzuweisen, ähnlich begründet (Dass der Begriff über die Jahrzehnte eine Veränderung hinsichtlich seiner Bedeutung erlebt habe, kurz gesagt).
    Ich würde es also nicht als falsch bezeichnen, wenn es jemand rassistisch nennt, dass ein/e weiße/r aufgrund seiner weißen Ethnie schlechter behandelt wird oder man ihm/ihr gegenüber aufgrund dieser voreingenommen ist. Genausowenig würde ich es falsch nennen, wenn jemand einen Vietnamesen, der thailändische oder arabisch aussehende Menschen (völlig unabhängig ob sie selbst Vietnamesen sind) verachtet und nicht in seiner Familie dulden will, als rassistisch bezeichnet (ja, das gibt’s, diese Denke ist in ländlichen Regionen Südvietnams sogar ziemlich verbreitet, wenn ich dem Urteil meiner vietnamesischen Schwägerin glauben darf), auch wenn es nichts mit Machtgefälle oder weißem Kolonialismus zu tun hat. Dem liegt halt nur eine andere – für mich völlig legitime – Interpretation des Begriffs “Rassismus“ zugrunde.
    Liebe Grüße

  5. Und: Die Unterscheidung zwischen „Fremden“feindlichkeit und Rassismus kommt mir nicht ganz klar vor. Darin liegt ja auch die Kritik von Tahir Della begründet:
    „Fremden“feindlichkeit richtet sich gegen Menschen nicht-deutscher Herkunft, Nationalität. Rassismus aber erleben auch Deutsche, denn auch wenn das in der Welt mancher noch nicht angekommen ist, gibt es natürlich Schwarze Deutsche. Und Angriffe / rassistisch motivierte Straftaten gegen diese werden in der Fremdenfeindlichkeits-Statistik offenbar nicht erfasst, wenn ich den Artikel richtig verstanden habe, obwohl sie rein rassistisch sind. Das ist tatsächlich ein riesiges Problem, weil eben dieser Rassismus dadurch von der Bildfläche verschwindet und unsichtbar gemacht wird, obwohl er für Betroffene harter Alltag ist.
    Wie der Artikel herausgearbeitet hat: nicht nur Gewalttaten von Neo-Nazis sind das Problem, auch (vielleicht sogar noch mehr?) die Unreflektiertheit der weißen Mehrheit, die sich eigentlich täglich rassistisch verhält, ohne es zu merken und dann fleißig zu Demos gegen Rechts oder ähnlichem geht.
    Vieles davon wäre übrigens zu verhindern, wenn wir Weißen unsere Hausaufgaben machen und uns mit unseren eigenen Rassismen auseinandersetzen würden. Hilfreich dabei sind Bücher wie „Deutschland Schwarz weiß“ von Noah Sow und „Exit Racism“ von Tupoka Ogette. Sehr gut verständlich und sehr zu empfehlen 🙂

  6. Jetzt mal unabhängig davon, dass es generell (und nicht nur gegenüber farbigen, fremden oder andersartigen Menschen) nicht in Ordnung und unhöflich ist, ungefragt in die Privatsphäre anderer Menschen einzugreifen: Bin ich der einzige, der es psychisch bedenklich findet, wenn sich jemand ekelt, nur weil ihm/ihr jemand anderer ins Haar fasst?

    Wiederum mal abgesehen von offensichtlichen Fällen, wo der äußere Zustand des Anfassenden Anlass zu Gedanken nach eventuell übertragenen „Stoffen“ und Schädlingen geben könnte, ist doch die Berührung eines fremden Menschen für ein soziales Wesen wie uns völlig normal, … im Normalfall. Klar könnte es gerade, wie erwähnt, störend sein. Aber Ekel?

  7. Eins vorneweg Rassismus, auch Alltagsrassismus, geht gar nicht.

    #
    Einer weißen Frau passiert das nicht – oder zumindest nicht so regelmäßig, wie Garway und anderen Schwarzen Frauen.
    #

    Diesem Satz jedoch widerspreche ich: Es kommt darauf an, wo die weiße Frau (oder der weiße Mann) gerade ist.

    In Ghana habe ich als alter weißer Mann erlebt, dass die Menschen einem auf der Straße überall ‚Obroni‘ (das Twi-Wort für Fremder oder Weißer) nachgerufen wird.

    In die Haare hat mir zwar niemand ungefragt gefasst, aber dafür meine weiße Haut ungefragt berührt

    Kinder hatten so gut wie keine Berührungsängste, aber auch von Erwachsenen bin ich ungefragt angefasst worden: nur weil ich anders war.

    Ich habe das als Neugier, nicht als Rassismus interpretiert, auch wenn es manchmal nervig war.

  8. “Rassismus ist eine Form der Fremdenfeindlichkeit, bei der Menschen etwa aufgrund ihrer Hautfarbe anders behandelt werden“

    Hm, also ich meine mich zu erinnern, dass wir in der Mittelschule, als wir im Unterricht den Begriff Rassismus diskutiert haben (angestoßen durch einen Artikel in der Jugendzeitung “Spiesser“, die in unserer Schule damals kostenlos auslag, in dem die Frage aufgeworfen wurde, ob Sätze wie “oooch, schwarze Kinder sind so süß!“ nicht im Grunde auch rassistisch sind) einen ähnlichen Konsens hatten, allerdings mit einem winzigen Unterschied, nämlich: “Rassismus ist, wenn Menschen etwa aufgrund ihrer Hautfarbe “abgewertet“ (statt einfach nur anders behandelt) werden.“ Zumindest dieser Interpretation nach wäre es nicht unbedingt rassistisch, einer völlig fremden Frau aus Neugier in die Haare zu greifen, weil die halt so ungewohnt aussehen. Aber wie im Artikel bereits völlig richtig festgestellt, ist der Begriff ja nicht ganz eindeutig und einheitlich definiert, ich möchte mit diesem Beitrag also keinesfalls Anspruch auf “Wahrheit“ erheben.
    Recht distanzlos und nicht besonders höflich ist so ein Verhalten aber allemal.
    Mir hat auch schon eine Frau ungefragt in meinen Bart gefasst, weil der halt so feuerrot ist und sie so was noch nie in live gesehen hatte, fand ich auch irgendwie etwas nervig.
    Aber dass einer schwarzen Frau in die Haare gegriffen wird und weißen nicht, würde ich somit auch eher nicht damit begründen, dass sie als irgendwie “weniger wert“ betrachtet wird, nach dem Motto: mit der schwarzen kann man’s ja machen, o.ä.. Sondern damit, dass ihre Haare eben in dem Fall eine Art Alleinstellungsmerkmal darstellen, was “besonderes“ sind, was nicht alltäglich ist. Damit will ich nicht sagen, dass der Griff in’s Haar deswegen in Ordnung ist. Nur, dass ich den Ausdruck “Rassismus“ in dem konkreten Fall irgendwie nicht so richtig unterschreiben kann.

    Liebe Grüße

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