Stille Stunde im Supermarkt – auch für nicht-autistische Menschen eine gute Idee

Spar führt "Stille Stunde" ein.
Foto: CC0 Public Domain / Pexels - Szabolcs Toth

Ununterbrochenes Gedudel, unverständliche Lautsprecherdurchsagen und grelle Neonlichter können einem im Supermarkt auf die Nerven gehen. Doch für viele Menschen aus dem Autismus-Spektrum machen diese Reize einen Einkauf fast unmöglich. Deshalb führt eine Supermarktkette nun die „Stille Stunde“ ein.

Die Supermarktkette Spar hat in einigen ihrer Schweizer Filialen die sogenannte „Stille Stunde“ eingeführt. Ab sofort schafft der Supermarkt an zwei Terminen die Woche eine angenehme Atmosphäre für Menschen mit Autismus. In dieser Zeit läuft keine Musik, werden keine Lautsprecherdurchsagen getätigt, sind die Lichter gedimmt, dürfen Hilfshunde mitgenommen werden und Angestellte tragen Warnwesten. Auf Anfrage kann ein Plan ausgehändigt werden, der die Temperaturunterschiede im Geschäft anzeigt.

Die „Stille Stunde“ findet Dienstagnachmittag von 15 bis 17 Uhr und Donnerstagabend von 18:20 bis 20 Uhr statt. Das Einkaufen in der Zeit ist aber nicht nur Menschen mit Autismus vorbehalten – nach wie vor darf jede:r zu den Zeiten in den Supermärkten einkaufen. Auch älteren Menschen kann die Reduktion von Reizen den Einkauf erleichtern.

„Stille Stunde“ das erste Mal in Neuseeland

Zwölf Supermarktfilialen machen bei dem Pilotprojekt mit, das vom Verein „Autismus deutsche Schweiz“ (ads) ins Leben gerufen wurde. Das Konzept der „Stillen Stunde“ führte das erste Mal eine Supermarktkette in Neuseeland ein. Die Idee dazu kam einer Angestellten der „Countdown“-Läden, als ihr autistischer Sohn beim Einkaufen immer wieder schrie. In ihren 180 Filialen dimmte die Kette fortan jeden Mittwoch für eine Stunde das Licht und schaltete die Musik ab.

Die Reize im Supermarkt können das Einkaufen für autistische Menschen deutlich erschweren.
Die Reize im Supermarkt können das Einkaufen für autistische Menschen deutlich erschweren. (Foto: CC0 Public Domain / Pexels - Mehrad Vosoughi )

Der Verein ads sieht in der „Stillen Stunde“ nicht nur eine Erleichterung für betroffene Menschen, sondern auch eine Chance, auf die Bedürfnisse von Menschen aus dem Autismus-Spektrum hinzuweisen.

Ein mögliches Symptom bei Autismus ist eine Überempflindlichkeit auf äußere Reize wie Licht, Gerüche, Geräusche oder Berührungen. Vielen Menschen mit Autismus fällt es deshalb schwer, störende Geräusche im Supermarkt auszublenden. In der „Stillen Stunde“ aber können sie sich möglichst ohne Ablenkung auf ihren Einkauf konzentrieren.

Die „Stille Stunde“ kommt gut an

Die Resonanz auf die „Stille Stunde“ in den sozialen Medien ist durchaus positiv. Ein Twitter-User bedankt sich beim Sparmarkt in Esslingen (Schweiz) für die Aktion.

Andere Twitter-User:innen wünschen sich sogar eine flächendeckende Ausweitung der „Stillen Stunde“. Auf den Tweet einer Mutter eines autistischen Kindes antwortete jemand: „Ich habe vor kurzem gesehen, dass ein Supermarkt eine ‚Stille Stunde‘ eingerichtet hat. Einmal die Woche für einen Nachmittag, wo man die Musik abstellt, keine Durchsagen, das Licht etwas runterfährt. Ich finde, das sollten wir flächendeckend einführen.“

Supermärkte in Deutschland reagieren zurückhaltend

Supermarktketten in Deutschland führen bisher keine „Stille Stunde“ in ihren Geschäften ein. Das Nachrichtenportal „echo24“ fragte bei den Supermärkten nach. Obwohl Lidl eine „Stille Stunde“ in Irland bereits anbietet, antwortete die Pressestelle des Discounters: „Aktuell plant Lidl in Deutschland keine Einkaufszeiten einzuführen, in denen die Filialgestaltung speziell auf die Anforderungen von Menschen mit Autismus angepasst ist“.

Edeka gab als Antwort: „Unsere Kaufleute sind immer darauf bedacht, ihren Kunden ein individuelles Einkaufserlebnis in einem angenehmen Ambiente zu bieten“. Auch Rewe zeigt sich eher zurückhaltend: „Wir haben großes Verständnis für Kunden und Mitarbeiter, die es gern etwas leiser haben. Daher kann in jedem Markt die Lautstärke der Musik individuell geregelt werden“.

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