Introversion: 4 Mythen entkräftet

Um Introversion ranken sich einige Mythen
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Introvertierte Menschen gelten als schüchtern, wenig gesellig und bekommen oft den Stempel „Einzelgänger:in“ aufgedrückt. Aber stimmt das auch wirklich?

Introversion ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das beschreibt, wie eine Person mit ihrer sozialen Umwelt interagiert. Introversion stellt dabei das Gegenteil von Extraversion dar. Wer als extrovertiert gilt, zieht seine Energie aus dem Zusammensein mit anderen Menschen. Der Austausch mit anderen stimuliert sie.

Wohingegen Introvertierte ihre Batterien eher aufladen können, wenn sie alleine sind. Sie richten ihren Blick stärker nach innen und halten sich gerne im Hintergrund. Personen, die Eigenschaften beider Persönlichkeitsmerkmale aufweisen, werden als ambivertiert beschrieben. Diese Definitionen beschrieb Psychiater Carl Gustav Jung in seiner Typologie der Persönlichkeiten

Gesellschaftlich assoziieren viele Introversion mit etwas Negativem. Es mag oft komisch erscheinen, wenn jemand gerne alleine ist oder sich in sozialen Situationen zurückhält. Außerdem ist unsere Gesellschaft eher von extrovertierten Normen geprägt. Gehen Personen aktiv auf andere zu, kommunizieren viel und können sich selbstsicher im sozialen Umfeld bewegen, bringt es ihnen beispielsweise Vorteile in der Schule und im Beruf.

Extrovertierte Personen, die oft ein aktives, enthusiastisches und dominantes Verhalten an den Tag legen, sind in sozialen und beruflichen Situationen meist angesehener als zurückhaltenden Typen. Kein Wunder also, dass sich um die Introversion viele negative Mythen ranken und es unter introvertierten Personen daher oft zu Selbstzweifel kommen kann. Dabei kann die Introversion oft auch ein Vorteil sein. 

1. Mythos: Introversion bedeutet Schüchternheit

Introversion mit Schüchternheit gleichzusetzen ist falsch.
Introversion mit Schüchternheit gleichzusetzen ist falsch.
(Foto: CC0 / Pixabay / LuidmilaKot)

Der wohl bekannteste Mythos ist, dass alle introvertierten Menschen schüchtern sind. Dabei sind Introversion und Schüchternheit entgegen viel verbreiteter Annahmen nicht gleichzusetzen. 

Schüchterne Personen wirken oft unsicher und meiden den Kontakt zu ihnen unbekannten Menschen. Häufig steckt die Angst, negativ bewertet zu werden oder zu stören, dahinter. Allerdings ist Schüchternheit ein erlerntes Verhalten und kein Persönlichkeitsmerkmal, wie es die Introversion ist. Schüchternheit kann sich durch schlechte Erfahrungen entwickeln, zum Beispiel durch Abweisung. Introvertierte sind dahingegen natürlicherweise gerne allein und tendieren dazu, zunächst zu beobachten, bevor sie sich zum Beispiel aktiv an einem Gespräch beteiligen.

Außerdem kommen introvertierte Personen besser zurecht, wenn sie nur in kleinen „Dosen“ mit Menschen zu tun haben. Psychologin Jule Specht beschreibt das so: „Introvertierte Menschen sind Personen, die sich gerne zurückziehen, während schüchterne Personen vielleicht doch ganz gerne geselliger wären, sich aber nicht trauen.“

Auch telefonieren Introvertierte nicht so gerne, wie auch viele Schüchternen. Das hat aber mehr damit zu tun, dass sich Introvertierte besser schriftlich ausdrücken können. Natürlich gibt es auch schüchterne Introvertierte – genau wie es schüchterne Extrovertierte gibt, die sich anfangs in der Gegenwart von fremden Menschen unwohl und unsicher fühlen. 

2. Introvertierte sind nicht gesellig

Introversion bedeutet nicht, dass jemand nicht gerne auf Partys geht.
Introversion bedeutet nicht, dass jemand nicht gerne auf Partys geht.
(Foto: CC0 / Pixabay / ktphotography)

Wer das Persönlichkeitsmerkmal Introversion aufweist, sitzt am liebsten nur zu Hause rum und meidet Partys und Konzerte – auch das gibt es häufig über Introvertierte zu hören. Natürlich gehen auch Personen, die als introvertiert gelten, gerne in eine Bar oder zum Tanzen. Allerdings zu ihren Bedingungen. Beispielsweise reicht es ihnen in diesen Situationen schon aus, nur mit den eigenen Freund:innen zu sprechen oder nur kurz zu bleiben. Oft brauchen sich danach auch einen Ausgleich und verbringen zum Beispiel den nächsten Tag lieber allein zu Hause und genießen diese Zeit nur für sich. „Introversion ist kein Fähigkeitsmakel, sondern eine Präferenz, wie ich eine Situation gestalte“, erklärt Persönlichkeitspsychologin Jule Specht.

Bist du also introvertiert, bedeutet das nicht, dass du zu ungesellig oder unsozial bist. Du brauchst nur häufiger Pausen. Sind die sozialen Batterien introvertierter Menschen durch das Alleinsein wieder aufgeladen, treffen sie sich auch gerne wieder mit Freund:innen oder freuen sich auf die nächste Party.

Und: Nicht alle Personen, die der Introversion zuzuschreiben sind, sind gleich. Manche haben einen größeren Freund:innenkreis als andere und gehen häufiger unter Menschen – das hat etwas mit Individualität und persönlichen Vorlieben zu tun. 

3. Introvertierte sind alle gleich

Introversion hat verschiedene Ausprägungen.
Introversion hat verschiedene Ausprägungen.
(Foto: CC0 / Pixabay / Pexels)

Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären: Introversion ist nicht gleich Introversion, auch wenn man introvertierte Menschen gerne in dieselbe Schublade des Einzelgängers oder der Einzelgängerin steckt. Introversion kann vielmehr verschiedene Ausprägungen haben. In einer Studie spalteten Wissenschaftler:innen Introversion in vier Typen auf: 

  • Soziale Introversion liegt vor, wenn Personen mehr als die meisten anderen Menschen das Alleinsein vorziehen oder sich lieber mit nur wenigen Leuten treffen. Der Grund ist, dass sie sich vom Zusammensein mit vielen Menschen schneller ausgelaugt fühlen.
  • Nachdenkliche Introversion beschreibt, wenn Personen aus ihrem Alleinsein sehr viele Ideen und Kreativität schöpfen können. Bei ihnen geht es weniger um das Aufladen von sozialen Akkus, sondern darum, aus der Zuwendung zum eigenen Inneren zu profitieren. Personen dieser Gruppen scheinen oft zu grübeln und gedanklich abzuschalten. Dabei beschäftigen sie sich jedoch stark mit ihrer eigenen Gefühlswelt. 
  • Menschen, bei denen eine ängstliche Introversion vorliegt, erwecken einen zurückhaltenden und manchmal auch verschreckten Eindruck. Sie gehen Situationen aus dem Weg, die sie nervös machen können. Dieses Verhalten dient ihnen als Schutzmechanismus und nicht etwa, weil sie sich in Gesellschaft anderer nicht wohl fühlen.
  • Personen mit zurückhaltender Introversion gelten als vorsichtig und pragmatisch. Bevor sie einer Unternehmung zu sagen, wägen sie erst einmal Vor- und Nachteile ab. Spontane Aktionen kommen bei ihnen eher selten vor.  

4. Introvertierte sind unglücklich

Introversion bedeutet nicht, traurig durchs Leben zu gehen.
Introversion bedeutet nicht, traurig durchs Leben zu gehen.
(Foto: CC0 / Pixabay / sasint)

Wer so viel Zeit allein verbringt, muss doch einsam und unglücklich sein, oder? Auch mit diesem Klischee werden viele Introvertierte konfrontiert. Dabei muss auch dieses nicht stimmen. Denn beim Alleinsein muss es sich nicht zwangsläufig auch um Einsamkeit handeln. Während Alleinsein ein Zustand ist, ist Einsamkeit ein Gefühl.

Ob das Alleinsein etwas Positives oder Negatives ist, hängt von der Person ab, die sich in diesem Zustand befindet. Da viele Introvertierte allerdings gerne allein sind und aus Ruhe Kraft und Kreativität schöpfen, macht sie das nicht automatisch unglücklich. Eine Studie kam zu dem Ergebnis, dass für Introvertierte der Beginn der Corona-Pandemie weniger stressig war als für Extrovertierte. Da Introvertierte daran gewöhnt sind, mehr Zeit allein zu verbringen, belastete sie der Lockdown nicht so sehr. 

Introversion kann auch eine Stärke sein. So können Introvertierte nicht nur gut mit sich allein sein, sie zeichnet häufig auch ihre gute Beobachtungsgabe und Verlässlichkeit aus. Auch wenn extrovertierte Personen besser aus sich herausgehen können, sind introvertierte genauso unverzichtbar für unsere Gesellschaft. Wichtig ist dabei auch immer, dass du selbstbestimmt lebst: Egal was andere sagen, du musst dich wohl fühlen. 

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