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„Hirnverbrannt“: Supermarkt verkauft Spiegeleier in Plastikverpackung – die harten Reaktionen sind gerechtfertigt

Foto: Elena Casado Pineda

Es gibt Aspekte des Lebens, in denen Umweltschäden nur schwer zu vermeiden sind. Und dann gibt es Spiegeleier in Plastikverpackung. Ein Verbrechen, nicht nur an der Umwelt, sondern auch am gesunden Menschenverstand, findet unser Redakteur.

Die Supermarkt-Kette Mercadona auf der beliebten spanischen Urlaubsinsel Mallorca verkauft seit einigen Wochen in Plastik verpackte, vorgebratene Spiegeleier. Einerseits überraschen oder schockieren mich solche absurden Auswüchse unserer Konsumkultur schon lange nicht mehr. Andererseits stellt sich mir angesichts der unnötigen Plastikschleuder erneut eine unangenehme Frage: Ist die Menschheit überhaupt bereit dafür, komplexe Herausforderungen wie die Klimakrise zu bewältigen, wenn sie sogar die naturgegebenen Schale von Lebensmitteln aus Bequemlichkeit durch Plastik ersetzt?

Plastik-Spiegelei erntet Spott – zurecht!

Laut Mallorca Zeitung, die sich wiederum auf die spanischsprachige Schwesterzeitung El Periódico de España beruft, beschreibt der Supermarkt das Ei als „innovatives Produkt für den Einzelhandel“. Dem kann ich schwer widersprechen. Schließlich bedeutet Innovation erstmal nur, etwas Neues zu schaffen. Doch wenn das die Art von Innovation ist, die es im Jahr 2022 in die Supermärkte schafft, dann kann ich folgender Twitter-Nutzerin nur zustimmen, wenn sie zu den Plastik-Eiern schreibt: „Wir fahren zur Hölle.“

Sie ist nicht die einzige Konsumentin, die in den Sozialen Medien über das unnötige Produkt spottet. Besonders unter spanischen Nutzer:innen schlagen die Spiegeleier im Plastikmantel hohe Wellen. So heißt es unter anderem „Sind wir zu faul, ein Ei zu öffnen?“ und ein deutscher User schreibt fassungslos: „Wie hirnverbrannt ist das denn?“ Alles verständliche Kommentare. Doch lass uns mal kurz einen Schritt zurücktreten, die erste emotionale Reaktion verarbeiten und überlegen, ob es nicht doch gute Gründe für das Plastik-Ei geben könnte.

Wem hilft ein Spiegelei in Plastikverpackung?

Tatsächlich äußern einige Nutzer:innen ein Argument für das seltsame Produkt: Menschen mit bestimmten Behinderungen hätten es leichter, die Fertig-Spiegeleier aus der Plastikverpackung zu reißen und in die Mikrowelle zu geben, als ein Ei aufzuschlagen und es in der Pfanne anzubraten. So können sie eigenständiger kochen.

Natürlich ist es gut, Menschen mit Behinderung selbständigen Zugang zu Dingen zu ermöglichen, die für die Mehrheit problemlos erreichbar sind. Doch selbst wenn die Betroffenen von den Plastik-Fertiggerichten profitieren, so wird das Produkt ganz sicher nicht nur in deren Händen landen. Schließlich machen sie nur einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung aus. Viel wahrscheinlicher ist es, dass die Eier auch in den Einkaufskörben vieler Leute geraten, die schlichtweg zu faul sind, sich selbst ein Ei in die Pfanne zu hauen.

Auch der Erfinder Javier Yzuel gibt zu, für wen er das Produkt entwickelt hat: „Für Menschen mit Behinderung? Nein. Ich könnte Ja sagen, aber das wäre eine Lüge.“

Negativfolgen überwiegen

Dem Argument der Barrierefreiheit stehen die offensichtlichen Nachteile des Plastikwahns entgegen. Unsere Weltmeere sind schon jetzt vollkommen mit Kunststoffen verseucht, der Great Pacific Garbage Patch, die größte Müllansammlung im offenen Meer, ist laut der Umweltschutzorganisation The Ocean Cleanup dreimal so groß wie Frankreich. Allein dort befänden sich 80.000 Tonnen Plastik. Insgesamt seien es in den Weltmeeren schätzungsweise 107 bis 209 Millionen Tonnen, Tendenz steigend.

Das letzte, was die Welt jetzt noch braucht, ist mehr Plastikmüll. (Foto: CC0 / Pixabay - sergeitokmakov)

Nicht nur Tiere und ganze Ökosysteme leiden unter den Kunststoffen. Auch Kinder sind teilweise schon vor ihrer Geburt mit Mikroplastik belastet. So das Ergebnis einer Studie von 2021. Zwar ist die Forschung bezüglich der gesundheitlichen Folgen von Mikroplastik noch am Anfang. Doch einige schädliche Wirkungen sind schon jetzt bekannt.

Zum Beispiel hat der Stoff Bisphenol A, der Plastik oft zugesetzt wird, negativen Einfluss auf unser Hormonsystem, weshalb er EU-weit nicht mehr zur Herstellung von Säuglingsflaschen verwendet werden darf. Schön blöd, wenn die Kinder den Schadstoff stattdessen über die Mutterbrust aufnehmen, weil mittlerweile sogar Muttermilch Plastikpartikel enthält, wie erst dieses Jahr bei einer weiteren Studie herauskam.

Zugang zu Spiegeleiern ist kein Grundrecht

Unser exorbitanter Plastikkonsum gefährdet unsere Umwelt und unsere Gesundheit und ist deshalb eines der derzeit größten Menschheitsprobleme überhaupt.

Ein Spiegelei ist hingegen einfach nur ein Spiegelei. Eine sehr spezielle Speise, die vielleicht dem ein oder anderen ganz gut schmeckt, aber ganz gewiss kein essenzielles Grundnahrungsmittel. Noch dazu ist es ein Tierprodukt, für das Hühner oft unter grausamen Bedingungen gehalten und für das in Spanien immer noch männliche Küken geschreddert werden dürfen.

Natürlich begrüße ich es, wenn Menschen mit Behinderung leichteren Zugang zu Lebensmitteln bekommen. Doch auch sie sind der zunehmenden Plastikverschmutzung ausgesetzt, weshalb zu bezweifeln ist, dass die Spiegeleier in Plastikverpackung tatsächlich einen „Nettogewinn“ an Lebensqualität für diese Personen bringen.

Ich selbst habe seit mindestens acht Jahren kein Spiegelei mehr gegessen und kann guten Gewissens sagen: Es geht auch ohne. Und Millionen andere Veganer:innen und Ei-Allergiker:innen auf der Welt kriegen es ja auch irgendwie hin.

Zeit zum Umdenken!

Das Spiegelei in Plastikverpackung ist nur ein weiterer Auswuchs einer Gesellschaft, die im Irrglauben lebt, alles müsse immer und zu jederzeit in perfekt steriler, ästhetisch makelloser Form allen zur Verfügung stehen, ohne die negativen Folgen zu berücksichtigen.

Bevor wir also die Produktion umweltschädlicher Tierprodukte damit rechtfertigen, dass sie Menschen mit Behinderung helfen, sollten wir lieber allen Menschen den Zugang zu umweltfreundlichen pflanzlichen Alternativen erleichtern, die ohne Plastik funktionieren. Es muss ein grundsätzliches, ganzheitliches Umdenken stattfinden, um die vielen globalen Umweltkrisen des 21. Jahrhunderts zu überwinden. Dass Spiegeleier in Plastikverpackung allerdings im Jahr 2022 noch als Innovation angepriesen werden, macht mir Sorgen.

Leider ist das noch lange nicht das erste Produkt, das völlig unnötigerweise in Plastik verpackt ist und meinen Glauben an die Menschheit erschüttert:

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