- Anzeige -

„Mehr Mut zu wilden Ecken“

© NABU / Eric Neuling

Till-David Schade, Experte für Biodiversität beim NABU, erläutert, wie Hobbygärtner Lebensräume für Insekten schaffen können: einfache Unterkünfte oder auch Hotels mit All-you-can-eat-Angebot.

Immer mehr Menschen begreifen, dass Bienen nicht nur summen und für Honig sorgen, sondern als Bestäuber helfen, die Vielfalt unseres Nahrungsmittelangebots zu erhalten. Was können Verbraucher tun, um den immer stärker bedrohten Wildbienen das Leben zu erleichtern?

Das beginnt beim Lebensmitteleinkauf. Wer etwas für Insekten tun möchte, kauft bevorzugt Bio-Produkte, am besten von Bio-Anbauverbänden wie z.B. Naturland. Bio-Landwirte verzichten auf chemisch-synthetische Pestizide wie Glyphosat und Neonikotinoide, die mitverantwortlich für den Rückgang der Insekten sind. Für Bio-Produkte spricht außerdem, dass beim Anbau eine weite Fruchtfolge mit Zwischenfrüchten wie Weißklee oder Kornrade zur Anwendung kommt. Diese Pflanzen bieten oft zusätzliches Futter für Insekten.

Und wer Säfte mag, greift zu Getränken, deren Früchte von Streuobstwiesen stammen…..?

…ja, das wäre gut. Denn Streuobstwiesen bestehen aus verschieden alten hochstämmigen Bäumen oft unterschiedlicher Obstarten. Sie bieten Insekten, Vögeln und Kleinsäugern Lebensraum und verfügen über großen Blütenreichtum. Obendrein stehen sie häufig auf einer Wiese, die ebenfalls ein reichhaltiges Blütenangebot für Insekten bietet.

Till-David Schade ist seit fünf Jahren beim NABU Naturschutzbund Deutschland tätig. (© REWE Group)

Wie können Hobbygärtner helfen, Lebensräume für Insekten zu schaffen und deren Nahrungsangebot zu verbessern?

Wichtig ist, keine Chemie im Garten einzusetzen und bevorzugt heimische Blumen und Sträucher zu pflanzen. Denn die sind gegenüber Schädlingen und Krankheiten meistens robuster als fremdländische Pflanzenarten. Damit ist die Anwendung von Pestiziden von vorneherein nicht erforderlich. Hinzu kommt, dass exotische Pflanzen oft keinen Nektar bieten. Oder der Nektar befindet sich in gefüllten Blüten und ist für die Insekten nicht zugänglich. Wichtig ist auch, dass die Pflanzen bienenfreundlich sind.

Welche Pflanzen mögen Insekten besonders gerne?

Da gibt es sehr viele. Sicherlich Pflanzen mit Blüten wie Wiesensalbei, Akelei, Malven, Flockenblumen oder Kornblumen. Oder auch Küchenkräuter wie Oregano, Salbei, Thymian. Bei Gehölzen sollten Hobbygärtner ebenfalls heimische Sträucher bevorzugen, wie zum Beispiel Kornelkirsche und Weißdorn, die in regionalen Baumschulen erhältlich sind. Auch Gehölze können der Insektenwelt ein reichliches Angebot an Nektar und Pollen bieten.

In einem naturnahen Garten wachsen bevorzugt heimische Blumen und Sträucher. (© NABU / Eric Neuling)

Was können Garten- oder Balkonbesitzer noch tun, um Bienen „unter die Flügel zu greifen“?

Sie können Insektennisthilfen anbieten. Die gibt es entweder im Fachhandel oder man baut sie selber: Dafür bohrt man kleine, etwa zehn Zentimeter lange Löcher ins Holz oder bündelt hohle Stängel aus Schilf, Bambus oder Holunder zusammen. Hier finden Wildbienen eine Gelegenheit zum Nisten und Überwintern. Auch durch das Anlegen von Totholzhäufen kann vielen Wildbienenarten ein Lebensraum geboten werden.

Garten- oder Balkonbesitzer können Bienen Insektennisthilfen anbieten. (© NABU / Willi Mayer)

Welche Fehler sollten Hobbygärtner, denen das Schicksal von Insekten am Herzen liegt, unbedingt vermeiden?  

Sie sollten ihren Garten nicht überpflegen! Der Rasen muss nicht immer raspelkurz geschnitten werden. Eine Grünfläche mit Gänseblumen, Löwenzahn und Butterblumen sieht doch auch wunderschön aus und bietet den Insekten über einen langen Zeitraum Nahrung. Warum nicht in einem Teil des Gartens die Natur wuchern lassen, mit Brennnesseln, Gräsern und Stauden? Und: Muss tatsächlich so viel Kies und Rindenmulch verteilt werden, aus Sorge, es könne so genanntes Unkraut hochkommen? Noch ein Tipp zu Hecken: Thuja und Zypressen bieten zwar einen guten Sichtschutz, haben aber keinen Nutzen für die heimische Tierwelt. Ich finde, der Begriff von Schönheit sollte in Gärten dringend überdacht werden. Erst wenn man der Natur freien Lauf lässt, entfaltet sie doch ihre wahre Schönheit!

Vielen Gartenfreunden ist es wichtig, dass ihr Garten gepflegt aussieht…

…und bedenken dabei nicht, was das für die Tierwelt bedeutet. Wer der Natur zumindest in einem Teil des Gartens freien Lauf lässt – wenige Quadratmeter reichen hier schon aus -, mit wohlduftenden, bunten Wildblumen, die nicht ständig gemäht und auch einmal über den Winter stehen gelassen werden, bietet Insekten einen tollen Lebensraum: eine Art Hotel, inklusive „All-you-can-eat“-Angebot. Und auch eine „wilde“ Wiese ist ein schöner Anblick.

Wildblumen duften nicht nur gut, sie bieten Insekten auch einen tollen Lebensraum. (© NABU / Melanie Konrad)

Zählen, was zählt

Um mehr über Wildbienen und andere Insekten in Deutschland zu erfahren, ruft der NABU in diesem Jahr erstmals zu einer bundesweiten Zählung auf. Bei der Aktion „Insektensommer“ sind alle Bürger eingeladen, Insekten zu zählen und die Daten an den NABU zu melden. „Dadurch erhoffen wir uns ein genaueres Bild von der Insektenwelt in unseren Städten und ländlichen Regionen. Denn bisher gibt es dazu nur wenige bundesweite und artenübergreifende Informationen“, erläutert Artenvielfalt-Experte Till-David Schade. Die erste Zählperiode ist bereits beendet; die zweite findet in der Zeit vom 3. bis 12. August statt. Wer mitmacht, kann seine Beobachtungen online übermitteln. Eine neu entwickelte kostenlose NABU-App „Insektenwelt“ bietet eine Funktion, die vor allem junge Insektenfreunde begeistern wird: Sie hilft bei der Identifikation der Tiere. Fotografieren, abfragen – und schon liefert die App Hinweise, um welches Insekt es sich handeln könnte. In der App sind die bekanntesten 120 Arten hinterlegt.

Eine starke Partnerschaft

Aber nicht nur in heimischen Gärten gibt es viel, was wir für die Insekten tun können. Das ist auch der Fall in der heimischen Landwirtschaft. Die Maßnahmen sind hier gar nicht so unterschiedlich. Der NABU, REWE und PENNY arbeiten seit langem zusammen, um biologische Vielfalt zu sichern. Los ging es 2010 mit einem Gemeinschaftsprojekt von REWE Group, regionalen Imkern, der Obst vom Bodensee Vertriebsgesellschaft mbH sowie der Bodenseestiftung. Im Rahmen des PRO PLANET-Apfelprojekts wurden Nisthilfen aufgestellt, für blühende Hecken gesorgt und so innerhalb und rund um die Anbauflächen der Apfelbauern zusätzliche Nahrungs- und Nistangebote für blütensuchende Insekten geschaffen. Der unabhängige PRO PLANET-Beirat der REWE Group belohnt den Einsatz der Bodensee-Obstbauern für den Erhalt der biologischen Vielfalt mit dem PRO PLANET-Label. Das PRO PLANET-Label dient als Orientierungshilfe für einen nachhaltigeren Einkauf bei der REWE Group. Damit wird das Engagement auch für die Verbraucher sichtbar. Mit Unterstützung des NABU wurde das Projekt inzwischen auf ganz Deutschland ausgeweitet. Aktuell helfen bundesweit mehr als 250 Betriebe in 13 Anbaugebieten, die biologische Vielfalt im Rahmen des PRO PLANET-Apfelprojekts zu stärken. Insgesamt wurden bereits fast 300 Hektar Blühflächen angelegt – das entspricht einer Fläche von 420 Fußballfeldern – und mehr als 5500 blühende Büsche, Hecken, Sträucher und Bäume gepflanzt. Zudem stellten die „Überlebenshelfer“ mehr als 2000 Nisthilfen für Insekten sowie über 6000 Nistkästen für Vögel und Fledermäuse auf.

Till-David Schade hat an der TU Dresden Forstwissenschaft studiert und ist seit fünf Jahren beim NABU Naturschutzbund Deutschland tätig. Ihn beschäftigt vor allem, wie wir die Artenvielfalt erhalten können.

Gefällt dir dieser Beitrag?

Vielen Dank für deine Stimme!

Schlagwörter:

** Links zu Bezugsquellen sind teilweise Affiliate-Links: Wenn ihr hier kauft, unterstützt ihr aktiv Utopia.de, denn wir erhalten dann einen kleinen Teil vom Verkaufserlös.