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„Mehr Mut zu wilden Ecken“

© NABU / Eric Neuling

Kristian Klöckner, Experte für Biodiversität beim NABU, erläutert, wie Hobbygärtner Lebensräume für Insekten schaffen können: einfache Unterkünfte oder auch Hotels mit All-you-can-eat-Angebot.

Immer mehr Menschen begreifen, dass Bienen nicht nur summen und für Honig sorgen, sondern als Bestäuber helfen, die Vielfalt unseres Nahrungsmittelangebots zu erhalten. Was können Verbraucher tun, um den immer stärker bedrohten Wildbienen das Leben zu erleichtern?

Das beginnt beim Lebensmitteleinkauf. Wer etwas für Insekten tun möchte, kauft bevorzugt Bio-Produkte, am besten von Bio-Anbauverbänden wie z.B. Naturland. Bio-Landwirte verzichten auf chemisch-synthetische Pestizide wie Glyphosat und Neonikotinoide, die mitverantwortlich für den Rückgang der Insekten sind. Für Bio-Produkte spricht außerdem, dass beim Anbau eine weite Fruchtfolge mit Zwischenfrüchten wie Weißklee oder Kornrade zur Anwendung kommt. Diese Pflanzen bieten oft zusätzliches Futter für Insekten.

Und wer Säfte mag, greift zu Getränken, deren Früchte von Streuobstwiesen stammen…..?

…ja, das wäre gut. Denn Streuobstwiesen bestehen aus verschieden alten hochstämmigen Bäumen oft unterschiedlicher Obstarten. Sie bieten Insekten, Vögeln und Kleinsäugern Lebensraum und verfügen über großen Blütenreichtum. Obendrein stehen sie auf einer Wiese, die häufig ebenfalls ein reichhaltiges Blütenangebot für Insekten bietet.

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Kristian Klöckner ist seit neun Jahren beim NABU Naturschutzbund Deutschland tätig. (© NABU)

Wie können Hobbygärtner helfen, Lebensräume für Insekten zu schaffen und deren Nahrungsangebot zu verbessern?

Wichtig ist, keine Chemie im Garten oder auf dem Balkon einzusetzen und bevorzugt heimische Blumen und Sträucher zu pflanzen. Denn die sind gegenüber Schädlingen und Krankheiten meistens robuster als nicht heimische Pflanzenarten. Damit ist die Anwendung von Pestiziden von vorneherein nicht erforderlich. Hinzu kommt, dass exotische Pflanzen oft keinen Nektar bieten. Oder der Nektar befindet sich in gefüllten Blüten und ist für die Insekten nicht zugänglich. Wichtig ist auch, dass die Pflanzen bienenfreundlich sind.

Welche Pflanzen mögen Insekten besonders gerne?

Da gibt es sehr viele. Sicherlich Pflanzen mit Blüten wie Wiesensalbei, Akelei, Malven, Flockenblumen oder Kornblumen. Oder auch Küchenkräuter wie Oregano, Salbei, Thymian. Solche Stauden, einjährige Blumenmischungen und Kräuter machen sich auch in Töpfen auf dem Balkon sehr gut. Bei Gehölzen sollten Hobbygärtner ebenfalls heimische Sträucher bevorzugen, wie zum Beispiel Kornelkirsche und Weißdorn, die in regionalen Baumschulen erhältlich sind. Auch Gehölze können der Insektenwelt ein reichliches Angebot an Nektar und Pollen bieten.

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In einem naturnahen Garten wachsen bevorzugt heimische Blumen und Sträucher. (© NABU / Eric Neuling)

Was können Garten- oder Balkonbesitzer noch tun, um Bienen „unter die Flügel zu greifen“?

Sie können Insektennisthilfen anbieten. Die gibt es entweder im Fachhandel oder man baut sie selber: Dafür bohrt man kleine, etwa zehn Zentimeter lange Löcher ins Holz oder bündelt hohle Stängel aus Schilf, Bambus oder Holunder zusammen. Hier finden Wildbienen im Garten und auf dem Balkon eine Gelegenheit zum Nisten und Überwintern. Im Garten kann auch durch das Anlegen von Totholzhäufen vielen Wildbienenarten ein Lebensraum geboten werden.

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Garten- oder Balkonbesitzer können Bienen Insektennisthilfen anbieten. (© NABU / Willi Mayer)

Welche Fehler sollten Hobbygärtner, denen das Schicksal von Insekten am Herzen liegt, unbedingt vermeiden?

Sie sollten ihren Garten nicht überpflegen! Der Rasen muss nicht immer raspelkurz geschnitten werden. Eine Grünfläche mit Gänseblümchen, Löwenzahn und Klee sieht doch auch wunderschön aus und bietet den Insekten über einen langen Zeitraum Nahrung. Warum nicht in einem Teil des Gartens die Natur wuchern lassen, mit Brennnesseln, Gräsern und Stauden? Und: Muss tatsächlich so viel Kies und Rindenmulch verteilt werden, aus Sorge, es könne so genanntes Unkraut hochkommen? Noch ein Tipp zu Hecken: Thuja und Zypressen bieten zwar einen guten Sichtschutz, haben aber keinen Nutzen für die heimische Tierwelt. Ich finde, der Begriff von Schönheit sollte in Gärten dringend überdacht werden. Erst wenn man der Natur freien Lauf lässt, entfaltet sie doch ihre wahre Schönheit!

Vielen Gartenfreunden ist es wichtig, dass ihr Garten gepflegt aussieht…

…und bedenken dabei nicht, was das für die Tierwelt bedeutet. Wer der Natur zumindest in einem Teil des Gartens freien Lauf lässt – wenige Quadratmeter reichen hier schon aus -, mit wohlduftenden, bunten Wildblumen, die nicht ständig gemäht und auch einmal über den Winter stehen gelassen werden, bietet Insekten einen tollen Lebensraum: eine Art Hotel, inklusive „All-you-can-eat“-Angebot. Und auch eine „wilde“ Wiese ist ein schöner Anblick.

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Wildblumen duften nicht nur gut, sie bieten Insekten auch einen tollen Lebensraum. (© NABU / Melanie Konrad)

Eine starke Partnerschaft

Aber nicht nur in heimischen Gärten gibt es viel, was wir für die Insekten tun können. Das ist auch der Fall in der heimischen Landwirtschaft. Die Maßnahmen sind hier gar nicht so unterschiedlich. Der NABU, REWE und PENNY arbeiten seit langem zusammen, um biologische Vielfalt zu sichern. Los ging es 2010 mit einem Gemeinschaftsprojekt von REWE Group, regionalen Imkern, der Obst vom Bodensee Vertriebsgesellschaft mbH sowie der Bodenseestiftung. Im Rahmen des PRO PLANET-Apfelprojekts wurden Nisthilfen aufgestellt, für blühende Hecken gesorgt und so innerhalb und rund um die Anbauflächen der Apfelbauern zusätzliche Nahrungs- und Nistangebote für blütensuchende Insekten geschaffen. Der unabhängige Fachbeirat Nachhaltigkeit der REWE Group belohnt den Einsatz der Bodensee-Obstbauern für den Erhalt der biologischen Vielfalt mit dem PRO PLANET-Label. Das PRO PLANET-Label dient als Orientierungshilfe für einen nachhaltigeren Einkauf bei der REWE Group. Damit wird das Engagement auch für die Verbraucher sichtbar. Mit Unterstützung des NABU wurde das Projekt inzwischen auf ganz Deutschland, weitere Obst- sowie Gemüsekulturen ausgeweitet. Aktuell helfen bundesweit mehr als 300 Betriebe in 27 Anbaugebieten, die biologische Vielfalt im Rahmen des PRO PLANET-Projektes zu stärken. Insgesamt wurden bereits 437 Hektar Blühflächen angelegt – das entspricht einer Fläche von 612 Fußballfeldern – und mehr als 10.000 blühende Büsche, Hecken, Sträucher und Bäume gepflanzt. Zudem stellten die „Überlebenshelfer“ mehr als 2.900 Nisthilfen für Insekten sowie über 8.500 Nistkästen für Vögel und Fledermäuse auf.

Erfahre mehr über das Projekt

Kristian Klöckner hat an der Universität Potsdam Geoökologie studiert und ist seit neun Jahren beim NABU (Naturschutzbund Deutschland) tätig. Ihn beschäftigt vor allem, wie wir durch einen nachhaltigen Konsum die biologischen Vielfalt erhalten und fördern können.

 

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