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Dauerhafte Sommerzeit: Experte warnt vor schwerwiegenden Folgen für Gesundheit und Psyche

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Foto: CC0 Public Domain / Pixabay.de

Soll die Zeitumstellung abgeschafft und die Sommerzeit beibehalten werden? Darüber wird in ganz Europa heiß diskutiert. Ein Experte warnt nun vor den Folgen einer ewigen Sommerzeit: Sie würde uns beim Lernen behindern und anfällig für Schlafprobleme und Depressionen machen.

Bis zum 16. August konnten EU-Bürger abstimmen, ob sie die Zeitumstellung abschaffen wollen – wenn ja, sollten sie zwischen Sommer- und Winterzeit wählen. Das Ergebnis: 84 Prozent der Wähler stimmten für eine Abschaffung, die Mehrheit entschied sich für die Sommerzeit.

Die Umfrage gilt allerdings nicht als repräsentativ, weil weniger als 1 Prozent der EU-Bürger teilgenommen haben – die meisten Stimmen kamen aus Deutschland. Trotzdem scheint die Abstimmung einiges bewirkt zu haben: Nach dem Bekanntwerden der Ergebnisse sprach sich auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker für die Abschaffung aus und will sich für eine schnelle Entscheidung einsetzen. Doch es gibt auch Gegenstimmen, die vor den Folgen einer andauernden Sommerzeit warnen.

Diabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme

Till Roenneberg vom Institut für Medizinische Psychologie der Universität München warnte laut der Welt vor „riesigen Problemen“, die der sogenannte „Cloxit“ mit sich brächte. „Man erhöht die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme – das heißt, wir Europäer werden dicker, dümmer und grantiger“, so der Chronobiologe und Experte für die „Innere Uhr“ des Menschen.

Schlafprobleme: Schüler wären besonders betroffen

Wenn es Abends länger hell, dafür aber morgens länger dunkel ist, setze die Produktion des Schlafbotenstoffs Melatonin erst später ein – das könne laut Roenneberg zu Schlafproblemen führen. Besonders Schüler wären von diesem Wechsel stark betroffen: Sie bräuchten genug Schlaf, um den Stoff des Tages zu verarbeiten und behalten zu können.

Das selbe gilt für Studenten – im Alter von etwa 20 sei das Schlafbedürfnis außerdem am größten. Deshalb spricht sich der Experte gegen die Einführung der Sommerzeit im Winter aus: „Jedes Land, das das nicht macht, wird uns akademisch überholen.“

Die Sommerzeit verschlechtert die Stimmung

Wenn im Winter die Uhren nicht auf Winterzeit zurückgestellt werden, müssen viele Deutsche öfter vor Sonnenaufgang aufstehen und sich auf den Arbeitsweg machen. Vor allem für Schüler bedeutet das laut Roenneberg „je nach Wohnort (…) sechs Wochen mehr dunkle Schulwege morgens“. So wenig Tageslicht könnte die bekannte Winterdepression noch verschlimmern.

Aber auch die bereits erwähnten Schlafprobleme würden die Stimmung der EU-Bürger verschlechtern: „Wenn Sie viel Stress haben, brauchen sie guten Schlaf, um diesen zu bewältigen. Wenn sie den nicht kriegen, wird der Stress noch größer.“

So würde sich die Sommerzeit im Winter auf die Umwelt auswirken

Seit 1996 werden die Uhren in allen EU-Ländern am letzten Sonntag im März auf Sommerzeit umgestellt. Das soll Energie sparen: Indem die Stunden eine Stunde zurückgestellt werden, gewinnt man eine Stunde Tageslicht. So sollen Haushalte weniger künstliches Licht benötigen.

Analysen zufolge ist dieser Effekt allerdings nicht eingetreten. Das Bundesumweltamt erklärt: „Zwar wird durch die Zeitumstellung im Sommer tatsächlich abends weniger häufig das Licht angeknipst – im Frühjahr und Herbst jedoch wird in den Morgenstunden auch mehr geheizt. Das hebt sich gegenseitig auf. Die Zeitumstellung spart im Saldo daher keine Energie.“

Eine dauerhafte Umstellung auf Sommerzeit würde laut der Tagesschau den Energieverbrauch sogar noch steigern – morgens wären mehr EU-Bürger nämlich deutlich länger auf künstliches Licht angewiesen.

Kritik an EU-Votum: Die Menschen waren sich der Folgen nicht bewusst

Wie viele andere kritisiert auch Ronneberg, dass der Bevölkerung vor der EU-weiten Abstimmung zu wenig informiert wurde. „Wenn EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker gesagt hätte, dass wir künftig alle ganzjährig eine Stunde früher arbeiten müssen, wären die Leute auf der Straße gewesen. Es ist aber nichts anderes.“

Dieselben Bedenken äußerte auch Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums der Charieté Berlin. „Da denkt im Moment keiner dran, weil es Sommer ist und so hell draußen. Wenn die Umfrage im Winter gewesen wäre, hätten wahrscheinlich viele für die Winterzeit plädiert.“

Zeitumstellungs-Gegner: Erhöhtes Risiko für Herzinfarkte oder Schlaganfälle

Nicht nur Ronneberg und Fietze zweifeln an den Vorteilen einer dauerhaften Sommerzeit. Trotzdem sind zahlreiche Experten für eine Abschaffung der Zeitumstellung:

Der DGSM-Vorsitzende Alfred Wiater weist beispielsweise darauf hin, dass die Umgewöhnung an eine neue Uhrzeit jedes Mal unseren Organismus stresse. Vor allem während der ersten drei Tage seien wir anfälliger für Herzinfarkte oder Schlaganfälle.

Er und die Forscher der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) wollen lieber die Winterzeit auch im Sommer beibehalten. Sie „entspricht den Verhältnissen, die unter Berücksichtigung der natürlichen Lichteinflüsse für unseren Schlaf-Wach-Rhythmus am günstigsten sind“, so Wiater.

Auch europaweit ist man uneins, welche Zeit man denn nun beibehalten wolle. In Deutschland, Österreich und Belgien stimmten die Bürger für eine dauerhafte Sommerzeit. Doch für andere europäische Länder wäre dies ein Nachteil: In Madrid würde die Sonne im Winter erst um halb 10 aufgehen, in Nordeuropa sogar noch später.

Die Zeitumstellung bleibt also ein umstrittenes Thema – und vorerst erhalten. Am 28. Oktober werden die Uhren um eine Stunde auf Winterzeit zurückgestellt.

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