FJØRT: Die Band, die dich nicht weghören lässt

Fjort
Foto © Andreas Hornoff

Sie wollen etwas Lautes gründen, haben sie gesagt. Aber nicht nur das gelingt FJØRT mit Post-Hardcore der feinsten Art. Ihre Musik vermittelt das Gefühl, dass du es mit der Welt aufnehmen kannst – und das können wir in Deutschland gut gebrauchen.

Zum ersten Mal seit 70 Jahren werden wieder Nazis im Deutschen Bundestag sprechen –  so ähnlich hat Bundesaußenminister Gabriel kurz vor der Wahl die drohende Situation beschrieben. Ob dies sachlich richtig ist, darüber wurde anschließend gestritten. Denn schließlich gab es einige ehemalige NSDAP-Mitglieder, die nach 1945 politische Karriere machten.

Rhetorisch gesehen, ist das dennoch der vielleicht beste Satz, den ein Politiker über Deutschland im Jahr 2017 gesagt hat. Er hat komplexe Ereignisse örtlich und zeitlich verdichtet und damit greifbar gemacht, was viele Leute bis dahin als ein unbehagliches Gefühl verspürt haben.

Das gelingt Politikern leider selten – es sei denn, es handelt sich um Populisten. Diese wissen bekanntlich, wie sie Menschen mit Worten mobilisieren: sie vereinfachen die Welt, nehmen es mit der Wahrheit nicht so genau und spielen so mit den Emotionen ihrer Zuhörer.

Vielleicht muss darum das Gefühl für den Widerstand – gemeint ist selbstverständlich jener, der die vermeintlich ersten Nazis im Bundestag seit 1945 nicht akzeptieren will – woanders herkommen, nicht aus der Politik. Und was würde sich besser eignen als Musik?

Keine Angst: Dieser Text geht nach seiner schweren Einleitung nun nicht als Erörterung über musikalische Protestkultur weiter, etwa von den Beatles zu Rage against the Machine. Das wäre gewiss reizvoll, aber jetzt ist Zeit für FJØRT!

Mit Haltung gegen den Schatten

Das Aachener Trio musiziert seit 2012 gemeinsam und wird dem Post-Hardcore zugeordnet. Leute, denen dieses Genre fremd ist, sollten sich insbesondere darauf einstellen, dass der Gesang meist nicht so klingt, wie man es für gewöhnlich kennt. In einem Interview haben FJØRT gesagt, dass sie etwas „Lautes“ machen wollen – und das ist ihnen gelungen.

Laut beschreibt dabei nicht nur die Form des Gesangs, sondern auch dessen Inhalt. FJØRTs Texte sind voller Haltung, dabei aber keine platten Parolen, sondern von lyrischer Finesse. Man könnte ohne weiteres einen gesamten Song-Text posten, ohne zu langweilen – und das machen wir jetzt auch (fast):

Die sind jetzt soweit, sich zu wiederholen
Das eig’ne Leben hochzumeißeln
Mit Blut unter den Sohlen
Die Renaissance von Nächstenhass
Von Zensur
Und das wollen die wirklich alles
Dafür brüllen die hier rum

Ich sehe Menschen, die fragen
Ob das wirklich auch so stimmt
Weil die Bilder da von damals Schwarz-weiß und verpixelt sind
Und lausche weiter, dass nur dann alles funktioniert
Wenn im Gleichschritt existiert
Was gleich ist und von hier

Ich bin so müde vom Zählen
Ich habe 1933 Gründe schwarz zu sehen
Doch egal, wieviel da kommt
Ich hab alles, was ich brauch‘
Denn die 1933 Gründe, ihr habt sie auch

Dieser Text gehört zum Lied „Raison“ von FJØRTs aktueller Platte „Coleur“. Wer einige Songs davon samt Bild und Ton erleben will, dem sei wärmstens das Video zu FJØRTs „Hotelsession“ empfohlen. Dieses ist (wie viele Videos der Band) ein kleines Kunstwerk – ein Spiel mit Geräusch und Stille, Raum und Leere, Licht und Schatten. Dem Schatten, der in Deutschland aufzieht, begegnen FJØRT mit Unverständnis, Empörung und dem Appell aufzustehen – denn die 1933 Gründe, die haben wir auch.

Komm ins Licht jetzt!

Das Lied „Paroli“ vom Vorgänger-Album „Kontakt“ ist ein weiteres Beispiel dafür, wie FJØRT ein Gefühl für den Widerstand intonieren. „Haltet stand“ schallt es zu Beginn, „Wir sind uns einig, dass ich euch hier keinen Meter weichen werde“, etwas später. Hierzu gibt es ebenfalls ein großartiges Live-Video. Auch darin spürt man, wie Haltung bei FJØRT alles durchzieht: Text, Ton, Gestik – alles ist eins.

Und so gelingt es FJØRT das zu sein, was Nathan Gray von Boysetsfire neulich eine „revolutionäre Band“ genannt hat. Eine Band, „die dir diese Intensität, diese Liebe für Musik, das Gefühl vermitteln, dass du es mit der Welt aufnehmen kannst“. Wir brauchen Musiker, die aufstehen und junge Leute dazu inspirieren, „ein besserer Mensch zu sein und aus der Welt um sie herum einen besseren Ort zu machen“. In den Worten von FJØRT: „Komm ins Licht jetzt!“.

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