Gemeinsam Handeln statt konsumieren – warum dieses Video von 1964 so beliebt ist

Interview "Zur Person": Hannah Ahrendt mit Günter Gaus
Foto: Screenshot AhrendtKanal

Kein Szenenwechsel, kein Schnitt, keine Farbe – ein eineinhalbstündiges Interview aus dem Jahr 1964 wird auf YouTube fast eine Million Mal angeschaut. Warum? Weil seine Botschaft heute wichtiger ist denn je. 

Unsere Aufmerksamkeitsspanne reicht offenbar gerade so für einen 280 Zeichen langen Tweet, eine 30 Sekunden dauernde Instagram-Story oder ein einminütiges Video auf Facebook. (Was Anderes trauen uns zumindest die sozialen Medien nicht zu).

Angesichts dessen stellt man sich die Frage, wie es sein kann, dass ein Interview mit einer Länge von fast eineinhalb Stunden fast eine Millionen Aufrufe bei YouTube hat (es wurden verschiedene Versionen hochgeladen). Noch erstaunlicher ist das angesichts der Tatsache, dass die Aufnahme von 1964 stammt, kaum einen Kamerawechsel aufweist, in schwarz-weiß ausgestrahlt wird und ohne einen einzigen Schnitt auskommt.

Fast eine Million Menschen haben dieses Interview auf YouTube gesehen

Seit 2013 haben sich fast eine Million Menschen dieses Video auf YouTube angesehen. Es handelt sich um ein Interview, das der Journalist Günter Gaus mit der berühmten Philosophin und Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt geführt hat. Die Sendung wurde und damals im ZDF-Abendprogramm ausgestrahlt.

In einem karg eingerichteten Studio sitzen sich Arendt und Gaus gegenüber. Sie im Fokus der Kamera, eine Zigarette nach der anderen rauchend. Er mit dem Rücken zum Zuschauer. Der Hintergrund ist dunkel, das Video in schwarz-weiß.

Zuerst aufgefallen ist der Youtube-Hit übrigens Sebastian Dalkowski von RP-Online, der einen sehr lesenswerten Text über das Interview verfasst hat.

Was uns an diesem Video so fasziniert

  • Die Ausstattung: Nicht nur das Interview an sich, sondern auch die Einrichtung des Studios beschränkt sich aufs Wesentliche: Hannah Arendt, die Fragen beantwortet. Und zwar durchdacht, verständlich und anschaulich, mit Beispielen aus ihrem eigenen Leben.
  • Aussagen, die heute noch gültig sind: Arendt kritisiert, dass der Mensch nur noch arbeite und konsumiere (und das schon im Jahr 1964) und stellt fest: Der Mensch sei nur Mensch, wenn er mit anderen agiere. Wenn er sich einmische.
  • Die Person: Im dritten Reich ist sie vor den Nazis geflohen, schrieb mit 22 Jahren bereits ihre Dissertation und wurde 1951 berühmt mit ihrem politischen Hauptwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, das zum Klassiker der politischen Theorie wurde.
  • Der Interviewer: Das Gespräch mit Arendt erschien in der Interviewreihe Zur Person. In dem Format wollte Gaus mit seinen Gästen nicht diskutieren, sondern ihnen Gelegenheit geben, sich selbst darzustellen. Dabei wollte er wissen: Wie tickt dieser Mensch und warum. Er stellte deshalb Fragen mit Inhalt und Substanz statt zu plaudern. Und verzichtete darauf, sich selbst darzustellen.

Welche wichtige Botschaft dieses Video für uns hat

Hannah Arendt schafft in diesem Interview, was man von Geisteswissenschaftlern normalerweise nicht gewohnt ist – sie drückt sich auch für Laien verständlich aus. Ihre Botschaft ist dabei zeitlos: Sie kritisiert zwar, dass der Mensch mit seinem Konsum sein öffentliches Handeln ersetze und sich dadurch von der Welt entfremde. Sieht hier aber auch eine Chance: Statt sich in private Hobbys, Arbeit und Konsum zu flüchten fordert sie, dass wir politisch aktiv werden und gemeinsam Handeln. Offenbar sind viele Menschen dieser Meinung – sonst wäre das Video sicher nicht so häufig angesehen worden.

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(2) Kommentare

  1. Kompliment, ein guter Beitrag von Stefanie Jakob. … schon 1964, in der Tat; nun, schon in den 1940ern schrieben Horkheimer und Adorno – von Marx‘ Frühschriften (Stichwort „Entfremdung“ …) ebenso wie von Charlie Chaplin („modern times“) und anderen Quellen inspiriert – ihre Kritik an „Kulturindustrie“ etc, damit auch an dem, was wir heute etwa „unkritischen Konskum“ oder dergl. nennen; und Hannah Arendts „Vita Activa“ erschien (im engl.amerikan. Original) in den 1950ern 😉

  2. Ich merke, dass ich älter werde, weil ich sage: Damals gabs noch sowas wie Journalismus.

    Vielen Dank fürs Aufmerksam machen, von mir aus hätte ich das nicht gefunden, weil ich das Meiste im Netz, z.B. YT hauptsächlich meide. =)

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