Long-Covid-Doku: Hirschhausen macht auf das Leid Betroffener aufmerksam

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Bild: WDR/Bilderfest

Laut einer WDR-Reportage ist jede:r zehnte Infizierte von Long-Covid betroffen. Moderator Dr. Eckart von Hirschhausen klärt über die verzweifelte Lage von Menschen mit chronischen Symptomen auf – wegen dem Anpreisen eines bestimmten Therapieansatzes erntete die Doku aber Kritik.

Moderator Dr. Eckart von Hirschhausen hat schon drei Reportagen über das Coronavirus gedreht. In der vierten richtet er den Fokus auf Menschen, die an Long-Covid leiden. „Hirschhausen und Long-Covid – die Pandemie der Unbehandelten“ hätte eigentlich am 19.09. im Ersten ausgestrahlt werden sollen. Wegen der Berichterstattung um den Tod Elisabeths II. wurde die Sendung verschoben. Der nächste Sendetermin ist heute, am Montag, um 20:15 Uhr angesetzt. In der ARD-Mediathek ist die Doku bereits verfügbar.

Jede:r zehnte Infizierte leidet an Long-Covid

Die Corona-Berichterstattung konzentrierte sich lange Zeit vor allem auf die Infektionszahlen und die Situation auf Intensivstationen. Weniger bekannt sind die Schicksale von Menschen, die wegen Corona nicht in akuter Lebensgefahr schweben, aber deren Alltag über Monate hinweg oder sogar dauerhaft eingeschränkt ist. Dabei sind es nicht wenige.

Jede:r zehnte Infizierte leidet an Long-Covid und ist mindestens drei Monate lang stärker beeinträchtigt, erklärt von Hirschhausen in der WDR-Reportage. Nicht alle Verläufe sind extrem, aber eine Long-Covid-Erkrankung kann auch zu massiven gesundheitlichen Einschränkungen führen, das zeigen zahlreiche Schicksale im Film.

Das sind hunderttausende Menschen, die ohne Behandlung kaum Aussicht auf Besserung haben und deren Zustand oft chronisch wird“, so Eckart von Hirschhausen. „Es fehlen systematische Studien, aus denen Behandlungsmethoden und Medikamente resultieren, die den Betroffenen helfen. Und es gibt nur wenige Ärztinnen und Ärzte, die bereit sind, in der aktuellen Situation individuelle Heilversuche zu wagen.“

In extremen Fällen kann Long-Covid zu ME/CFS führen, einem postviralen Erschöpfungssyndrom. Betroffene sind oft bettlägerig und leiden unter krankhafter Erschöpfung, kognitiven Störungen und Schmerzen – kleinste körperliche oder geistige Anstrengungen führen oft zu einer Verschlimmerung der Symptome. Laut der Dokumentation leiden mindestens 250.000 Menschen deutschlandweit an ME/CFS.

Hirschhausen-Doku zeigt: Long-Covid-Patient:innen sind oft auf sich gestellt

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Eckart von Hirschhausen trifft Gesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach (l), er gesteht ein: „Wir haben längst eine Pandemie der unbehandelten Long Covid Patienten (Bild: WDR/Bilderfest)

Obwohl wir uns im dritten Jahr der Corona-Pandemie befinden, gibt es für Long-Covid-Patient:innen noch keine evidenzbasierten Therapien. Mediziner:innen haben zwar Behandlungsansätze entwickelt, aber diese werden von den Krankenkassen meist nicht finanziert, weil Studien fehlen, um deren Wirksamkeit zu belegen. Und für die Studien fehlt die entsprechende Finanzierung.

„Herr Lauterbach, es ist nicht genug, es reicht nicht“, erklärt ein chronisch Kranker gegenüber dem Moderator. Er konfrontiert auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) mit dem Problem. Lauterbach räumt ein: „Wir haben längst eine Pandemie der unbehandelten Long-Covid-Patienten.“

Der Bundesgesundheitsminister verweist auf einen Hinweis des Expertenrats, demzufolge es sogar eine neue Volkskrankheit werden könnte. Er erklärt, die nun anrollende Forschung für Long-Covid biete eine gute Voraussetzung, um bei ME/CFS weiterzukommen. Diese Beschwichtigung ist Eckart von Hirschhausen zu wenig. Er findet: „Unser Gesundheitssystem lässt die Betroffenen bislang komplett im Stich.“

Reportage zeigt Schicksale – und vielversprechende Behandlungen

Eckart von Hirschhausen ist im Frühjahr selbst an Corona erkrankt. Er ließ daraufhin sein Blut untersuchen – und fand darin kleine Gerinnsel. Diese könnten laut aktuellem Kenntnisstand mitverantwortlich für Long-Covid sein. Bei ihm führt eine experimentelle Behandlung, die Blutwäsche, bald zu Besserung. Auch Menschen, die an Long-Covid leiden, berichten, dass die Therapie bei Ihnen zu Besserung geführt hat.

Doch an dem Verfahren gibt es auch Kritik. So betonen die Süddeutsche Zeitung und der NDR, dass die Wirksamkeit von Blutwäsche zum einen nicht belegt ist. Zum anderen warnen Mediziner:innen sogar teils davor. Die SZ zitiert zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie, welche im August darauf hinweist, dass bei unsachgemäßer Anwendung der Therapie „zu schweren Komplikationen kommen kann“. Die Leitline für Ärzt:innen zur Behandlung von Long-Covid und Post-Covid rät von einer generellen Anwendung ebenfalls „dringend“ ab. Die SZ kritisiert auch, dass im Film nur Patienten zu Wort kommen, bei denen die Blutwäsche-Therapie angeschlagen hat. Hirschhausen selbst erklärte auf Anfrage der SZ: „Ziel des Films war und ist es, zu zeigen, wie miserabel die Diagnosekriterien, die Versorgung und der Wissensstand ist“.

Viele verlieren den Willen zu leben

Der Film zeigt viele Beispiele für Menschen, die schwer unter ihrer Erkrankung leiden. Gleich zu Anfang sehen wir zum Beispiel ein junges Mädchen, das sich nach einer Coronaerkrankung nicht mehr aufrichten kann. Vor ihrer Infektion war die Betroffene völlig gesund. Viele verlieren den Willen zu leben, auch davon erzählen mehrere Long-Covid-Patient:innen gegenüber Hirschhausen.

„Während der Dreharbeiten hat mich die Hausärztin Anna Brock besonders beeindruckt, die selbst an Long Covid erkrankt ist“, erklärt Dr. Eckart von Hirschhausen. Die Medizinerin war zeitweise an ihr Bett gefesselt, hat aber durch verschiedene Eigentherapie-Ansätze ihre Selbstständigkeit wiedererlangt – darunter Medikamente, Blutwäsche und eine Sauerstoffüberdrucktherapie.

Manche Mediziner:innen tun Long-Covid als psychisches Problem ab

Manche Mediziner:innen sehen Long-Covid immer noch als psychisches Problem – den Neurologen Christoph Kleinschnitz, der diese Meinung vertritt, konfrontiert von Hirschhausen auch im Laufe der Reportage. Kleinschnitz stellt die Hypothese auf, dass Patient:innen die Symptome durch eine psychosomatische Mitentstehung entwickeln. Behandlungserfolge durch nicht-psychologische Therapien erklärt er zu einem hohen Anteil durch einen Placeboeffekt.

Der Moderator sieht das anders. „Mich schockiert die Ignoranz von manchen Medizinern, die das Ganze immer noch als ‚Psychoproblem‘ abtun“, kritisiert er im Laufe der Sendung. „Das ist wissenschaftlich falsch, verhindert den Zugang zu wichtigen Therapien und ist eine Ohrfeige für jeden, der darunter leidet. Jeden Tag kommen neue Betroffene mit Long Covid dazu. Wir müssen sofort relevante Budgets für die Forschung und Behandlung investieren.“ 

Post-Vakzin-Syndrom: Wenn chronische Symptome nach Impfung auftreten

Nicht immer ist eine Infektion der Auslöser für chronische Symptome. Im Rahmen der Reportage trifft Eckart von Hirschhausen auch Menschen, die unter dem sogenannten „Post-Vakzin-Syndrom“ leidet. Sie entwickelten nach einer Impfung Long-Covid-ähnliche Symptome. Auch über die Schicksale dieser Menschen muss dem Moderator zufolge mehr gesprochen werden – und es braucht entsprechende Forschung. Diese Gruppe brauche Anlaufstellen, Anerkennung und Unterstützung, sonst würden zukünftige Impfkampagnen es noch schwerer haben als bisher.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat vor kurzem ihre Empfehlung zu Omikron-Boostern ausgesprochen. Sie empfiehlt Auffrischungsimpfungen für alle ab zwölf Jahren, sowohl mit für die Omikron-Variante BA.1 angepassten Booster also auch mit auf die Subvarianten BA.4/BA.5 abgestimmte Impfstoffe.

Die Sendung „Hirschhausen und Long-Covid – die Pandemie der Unbehandelten“ ist unter anderem hier in der ARD-Mediathek verfügbar. Außerdem wird sie voraussichtlich am 17.10.2022 um 20:15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.

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