Kommentar: Vollrausch zum Vatertag hat keine „Tradition“ – und Aldi keine Ahnung

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Screenshot: Facebook

Aldi Süd wirbt in seinem Prospekt mit veralteten Klischees, erntet Kritik und versucht sich mit blödsinnigen Argumenten rauszureden. Dabei wird klar: Von modernen Vätern hat der Discounter keine Ahnung – und sie sind ihm auch egal. Ein Kommentar.

Dosenbier, Wodka, Ouzo – bei Aldi Süd finden Väter alles für den billigen Vollrausch. Das suggeriert zumindest eine Anzeige im Prospekt des Discounters, welcher passend zum Vatertag erschien. Darauf zu sehen: Ein Bollerwagen voll Bier und harter Spirituosen – natürlich zum Sonderpreis.

Womit Aldi nicht gerechnet hatte: Nicht jeder Vater kann sich heute noch mit dem Bild des johlenden Gelegenheits-Säufers mit mobilem Alkohollager identifizieren. Die Anzeige hat im Netz einen Shitstorm losgetreten. Es beschwerten sich: vor allem Männer.

„Als Vater wehre ich mich gegen solche dümmlichen Klischees“

„[…] was für eine Gesellschaft soll das eigentlich darstellen? Verantwortungslose Väter, die sich mit billigen Spirituosen abfüllen und sturzbetrunken in der Gegend rumwackeln?“, wettert ein User auf Facebook. „Als Vater wehre ich mich gegen solche dümmlichen Klischees! Jeder hasst diese Männergruppen, die mit dem Bollerwagen umherziehen und häufig Leute bepöbeln.“

„Dir ist bewusst, dass der Vatertag in Deutschland traditionell so gefeiert wird?“, will ein Mitarbeiter von Aldi Süds Social-Media-Team den Mann aufklären. „Hierbei handelt es sich mittlerweile um ein Brauchtum, welches sich in der gesamten Republik etabliert hat.“

Mit dieser Reaktion zeigt der Discounter nicht nur, dass er von modernen Vätern keine Ahnung hat. Seine Mitarbeiter haben auch das Prinzip des Vatertags nicht begriffen.

Vatertag ist kein traditionelles Trinkgelage

Denn der Vater- oder auch Herrentag wurde nicht als zum gesetzlichen Feiertag, damit Männer ungezügeltem Alkoholgenuss frönen konnten. Der Brauch stammt aus dem 16. Jahrhundert.

Damals nahmen Menschen an Christi Himmelfahrt an Prozessionen teil, um für eine gute Ernte zu beten. Im 19. Jahrhundert verlor die Tradition immer mehr an Stellenwert. In der Vergangenheit artete sie schließlich in die zügellosen Sauftouren aus, wie sie manche Männer heute noch zelebrieren. Traditioneller Wert? Fehlanzeige.

Männer wehren sich gegen verstaubte Klischees

Aldis Werbekampagne ist aus verschiedenen Gründen daneben.

Der Verfasser des Kommentars hatte also eine große Klappe, aber wenig Ahnung. Es gibt schlimmeres.

Viel wichtiger ist doch die Frage: Wieso wirbt Aldi mit verstaubter Bollerwagen-Romantik? Hat der Discounter nicht mitbekommen, welchen Shitstorm Konkurrent Edeka für einen Spot erntete, weil er veraltete Väterklischees bediente?

Aufwachen Supermärkte: Männer sind längst nicht mehr die Haushaltsmuffel, die von einer Geschäftsreise zur nächsten tingeln und die Kinder nur am Wochenende wirklich zu Gesicht bekommen. Und in diese Schublade lassen sie sich auch nicht mehr stecken.

Mit gutem Grund: Väter von heute verbringen mehr Zeit mit ihren Kindern – laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) immerhin 26 Stunden pro Woche. Das sind neun Stunden mehr als noch 1997. Und auch wenn Männer noch lange nicht so viel Elterngeld beziehen wie Frauen, wird es doch mehr: 2016 stieg die Zahl um zwölf, 2017 um elf und 2018 um sieben Prozent. Auch gehen immer mehr Väter in Eltern-Teilzeit.

Kein Wunder, dass sich Männer über den Edeka-Spot aufregen, der sie als Haushalts- und Erziehungsnullen darstellt. User der sozialen Netzwerke riefen sogar zum Edeka-Boykott auf, starteten Petitionen und sorgten dafür, dass der Werberat das Video verurteilte. Dass Aldi nur wenige Wochen später den gleichen Fehler macht, zeigt: Der Discounter hat nicht verstanden, worum es bei der Diskussion ging – oder es ist ihm egal.

Wieso muss man das Massenbesäufnis noch befeuern?

Worauf Aldi mit der Anzeige eigentlich abzielte, ist klar: Alkohol verkaufen – und davon möglichst viel. Dass damit längst überholte Klischees weiter befeuert werden, ist traurig. Noch trauriger aber ist: Auch wenn viele Väter vom Vatertagsbesäufnis Abstand nehmen, gibt es noch einige Männer, die sich am Vatertag kräftig betrinken. Und das hat Folgen: Laut der WAZ kommt es am Vatertag vermehrt zu Schlägereien und Sachbeschädigungen. Auch machen die sie durch „Anpöbeln von unbeteiligten Dritten, lautes Grölen, Randalieren, öffentliches Urinieren oder Sachbeschädigungen“ von sich reden. Was tun angesichts so viel geballter Tradition?

Um den Rest der Bürger und die volltrunkenen Väter selbst zu schützen, verbieten manche Städte und Gemeinden am Vatertag zeitweise, auf öffentlichem Gelände zu grillen oder zu trinken. Das genügt nur leider nicht: Laut dem dvr werden am Vatertag zwei- bis dreimal so viele Alkoholunfälle registriert wie im übrigen Jahr. Allein 2015 kam es zu 254 Unfällen unter Alkoholeinfluss – 160 mehr als sonst. Nur an Neujahr ist es noch schlimmer.

Kurzum: Die Massenbesäufnisse am Vatertag haben nicht nur nichts mit Tradition zu tun. Mit billigem Fusel zu werben ist auch sexistisch und verantwortungslos. Bravo Aldi – bis zum nächsten Jahr überlegt ihr euch hoffentlich eine bessere Strategie.

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