Menstruations-Urlaub: Pro & Contra

Foto © unsplash / Adrew Neel

Bis zu drei Tage bezahlten Urlaub könnten in Italien betroffene Frauen künftig bei Regelbeschwerden erhalten. Die Begeisterung darüber sollte man jedoch erst zuendedenken: Was ist, wenn Arbeitgeber dann Frauen bei der Berufs-Einstellung benachteiligen? Das enorm-Magazin hat die Vor- und Nachteile, aus weiblicher und männlicher Sicht, abgewogen.

Contra: Kein weiblicher Befreiungsschlag

Man muss nicht groß darum herumreden: Es fühlt sich an, als hätte sich ein Haifisch im weiblichen Unterleib verbissen und würde alles daran setzen, die Betroffene in zwei Hälften zu zerteilen. Als Frau hat man gelernt, damit umzugehen. Wenn es einmal schlimmer kommt als gewöhnlich, vertraut man auf die Wirkung von Schmerztabletten und schleppt sich trotzdem in die Arbeit. Warum sollte man auch eine große Sache daraus machen? Unsere Großmütter sind vermutlich auch nicht daran gestorben, und die Frauen in Entwicklungsländern müssen sich abgesehen von den Schmerzen noch mit dem Fehlen von Hygieneartikeln herumschlagen.

Die Rede ist von der weiblichen Menstruation und den Schmerzen, die damit einhergehen. Jede Frau empfindet sie als unterschiedlich stark und hat im Lauf der Zeit eigene Methoden entwickelt, damit umzugehen. Die italienische Regierung plant nun als erstes Land in Europa eine Art „Menstruationsurlaub“ für Frauen, die unter besonders starken Schmerzen leiden.

Die Beurlaubung ist bezahlt und soll bis zu drei Tage dauern. Voraussetzung dafür ist ein ärztliches Attest. Die italienische Tageszeitung „Il Messaggero“ berichtet, dass 60 bis 90 Prozent der Frauen während der Periode unter Kopf-, Rücken- oder Bauchschmerzen leiden, 30 Prozent könnten über Stunden oder gar Tage das Bett aufgrund der Beschwerden nicht verlassen.

Ist das Gesetz also ein Befreiungsschlag für Frauen, falls es denn in Kraft tritt? Italienische Kritikerinnen bezweifeln dies: Lorenza Pleuteri etwa schreibt in „Donna Moderna“, dass es dazu beitragen würde, die Frauen, die in der italienischen Arbeitswelt ohnehin benachteiligt sind, weiter zu stigmatisieren. Arbeitgeber würden danach sowieso vermehrt männliches Personal einstellen.

Italien hat derzeit eine der niedrigsten Frauenbeschäftigungsquoten in Europa: 61 Prozent von ihnen gehen arbeiten. Damit liegt das Land weit unter dem europäischen Durchschnitt von 72 Prozent. Dazu kommt noch, dass ein Viertel aller Frauen in Italien während oder direkt nach der Schwangerschaft gefeuert werden, obwohl es illegal ist.

Wie wenig diese vermeintliche Verbesserung für Frauen wirklich beiträgt, zeigt sich in Asien: In Japan ist dieses Gesetz seit 1947 in Kraft. Viele Frauen nehmen den „menstrual leave“ jedoch nicht in Anspruch, aus Scham und Angst: Alle Arbeitskollegen wüssten so, wann man seine Periode hätte, und es könne zu sexueller Belästigung führen, erzählt eine Japanerin dem britischen „Guardian“.

Das ist genau der Punkt: Keine Frau sollte sich während der Menstruation verstecken müssen. Schon gar nicht sollte sie sich deswegen schämen oder schuldig fühlen, weil sie anderen Arbeitskollegen damit Mehrarbeit auferlegt. Wer nicht in der Lage ist zu arbeiten, kommt nicht ins Büro. Punkt. Aus welchen Gründen auch immer.

Mit einem Menstruationsurlaub muss sich Frau jetzt zu den Schmerzen auch noch von Männern anhören, weinerlich und nicht belastbar zu sein – obwohl diese bei dem Thema niemals mitreden werden könnnen. In Sachen Gleichberechtigung also ein Rückschritt. Denn weder Arbeitgeber noch Kollegen geht es etwas an, aus welchen gesundheitlichen Gründen man zu Hause bleibt. Ein Menstruationsurlaub ist kein Privileg.

Pro: Gebt den Frauen mehr Privilegien!

Okay, das hier wird schwierig. Denn ich bin ein Mann und es geht um Menstruation, beziehungsweise Menstruationsurlaub. Der Aufschrei ist auf allen Seiten erwartbar groß. Natürlich reicht es nicht, einfach einen Menstruationsurlaub einzuführen und zu hoffen, jetzt wird alles gut. Es ist trotzdem richtig. Zum einen bricht es ein Tabu. Zum anderen braucht es für eine echte Gleichberechtigung mehr Privilegien für Frauen.

Fakt ist, dass es unzählige Frauen gibt, die mit ihrer Menstruation gesundheitliche Beschwerden haben. Niemand spricht gerne darüber, Männer wahrscheinlich noch am aller wenigsten. Das schafft das Problem aber nicht aus der Welt, im Gegenteil. Genau kann ich es natürlich nicht sagen und lasse mich da gerne eines Besseren belehren: Aber ich kann es durchaus nachempfinden, wenn sich Frauen schämen, sich wegen ihrer Periode krankschreiben lassen zu müssen.

Ein dezidierter Menstruationsurlaub erkennt dieses Problem an und bietet die Chance, einmal offen darüber zu reden, dass permanente Schmerzen im Unterleib kein Vergnügen sind. Frauen müssten dies als Werkzeug begreifen und es nur selbstbewusst einsetzen. Hier geht es um Souveränität.

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Ein anderes, durchaus berechtigtes Argument ist, dass Frauen den Urlaub gar nicht wahrnehmen würden – aus Scham und um nicht in den Verdacht einer Bevorzugung zu geraten. Und genau da liegt das Problem. Wir müssen Frauen viel mehr Privilegien zugestehen, wenn es dieses „Gleichberechtigung“ wirklich einmal geben soll. Männer zu Elternzeit verpflichten, die mindestens dem Doppelten der Partnerin entspricht.

Frauen automatisch besser bezahlen als Männer, verpflichtende Frauenquoten, völlig egal, Hauptsache, die Frauen sind privilegiert. Mangelnde Gleichberechtigung ist ein systemisches Problem, was bedeutet, das System muss sich ändern, nicht die, die in dem System leben. Einzige Bedingung: Es müssten reversible Maßnahmen sein, die bei Gleichberechtigung wieder abgeschafft werden müssen.

Nun muss auch ich eingestehen, dass dieser Idee das Grundgesetz grundsätzlich im Weg steht; und anzufangen, Menschenrechte zu opfern, ist dann auch etwas zu radikal – auch wenn ich es durchaus Ernst meine, Frauen mehr Privilegien zuzusprechen. Daher sollten wir mit kleinen Erfolgen wie einem Menstruationsurlaub anfangen zu arbeiten. Denn so lange wir an der großen Schraube nicht drehen können, müssen die Frauen leider selbst selbstbewusst genug sein, solche Privilegien zu ihrem Vorteil zu nutzen.

GASTBEITRAG aus enorm.
TEXT: Maria Steinwender & Vincent Halang

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(6) Kommentare

  1. Also ganz ehrlich, ich bin wirklich enttäuscht. Eigentlich lese ich gerne Artikel auf Utopia, da sie eigentlich meist sehr progressiv sind und über innovative Ideen berichten. Aber dieser Artikel ist eine maßlose Enttäuschung. Der männliche (!) Autor berichtet über die notwendige Gleichberechtigung der Frauen. Wisst ihr, was schonmal Gleichberechtigung wäre? Wenn nicht ein MANN über dieses Problem schreiben würde, sondern eine Frau. Die sich ja wohl viel besser mit der Problematik auskennt. Dieser Artikel zeugt mal wieder von der paternalistischen Bevormundung von Frauen seitens der Männer. Da maßt sich ein Mann an, zu sagen, was frau zu tun haben solle: „Frauen müssten dies als Werkzeug begreifen und es nur selbstbewusst einsetzen“. Dass ich nicht lache. Jetzt sind wir also schuld an der Ungleichberechtigung. Wir müssten einfach nur selbstbewusster sein. Aha. Und dass er am Ende fordert, Frauen müssten Privilegien bekommen, „völlig egal“ welche. Was ist das denn für ein Unsinn? Geht es etwa nur um blinden Aktionismus, damit wir Frauen uns mal etwas besser fühlen?? Vor allem der Vorschlag, dass dies „reversibel“ sein müsste, ist völlig unsinnig! Es gibt realistische Forderungen von Frauen, die auch langfristig umgesetzt werden könnten und auch nicht zur „Opferung der Menschenrechte“ führen würden, wie der Autor völlig übertrieben fürchtet. Hier fürchtet ein Mann um seine Privilegien. Das hat nichts mit echter Gleichberechtigung zu tun. Ich hätte nicht gedacht, dass Utopia so einen bodenlos sexistischen Artikel veröffentlicht. Liebe Grüße, Katharina

  2. P.S. Und wir können sehr wohl „an der großen Schraube drehen“. Frauen sollten sich nicht mit weniger zufrieden geben, nur weil ein Mann das behauptet. Und das solch ein Menstruationsurlaub kein „Privileg“ ist, ist wohl allen Frauen klar, die mit Menstruationsbeschwerden zu kämpfen haben. Ich hätte lieber keine Beschwerden anstatt so einen Urlaub.

  3. Und von der stereotypen Randbemerkung, dass es in den sogenannten „Entwicklungsländern“ keine Schmerztabletten und Hygieneartikel gebe, fange ich erst gar nicht an…

  4. Frauen Privilegien zusprechen für Gleichberechtigung?
    Das ist doch komisch – sollten nicht alle gleichbehandelt werden? Kriegen Männer einen Ausgleich?
    Ich für meinen Teil will keine Sonderbehandlung!

    Ich habe mit meiner Menstruation zugegebenermaßen wenig Probleme, wenn ich jedoch viele meiner Arbeitskolleginnen ansehe, sind die ohnehin schon ständig krank (wegen jedem Pups) – meine männlichen Arbeitskollegen sind nie krank….

  5. Warum braucht es einen Menstruationsurlaub als Sonderbehandlung?
    Wenn Frau Menstruations-Schmerzen hat und zu krank zum Arbeiten ist, dann läßt sie sich krank schreiben.
    Genau wie jeder Mann mit Männerschnupfen.

  6. Dieser verquaste Beitrag zum „Menstruationsurlaub“, dazu von einem Mann, der es gut mit uns meint, geht wohl selbst als Scherz nicht durch. Frau kann sich doch krank schreiben lassen, wenn sie Schmerzen hat. Jeden Monat? Prophylaktisch? „Permanente Schmerzen sind kein Vergnügen“? Ach, wirklich! Frauen mehr Privilegien zusprechen, um sie „bei Gleichberechtigung“ wieder abzuschaffen. Verstehe ich nicht! Er wohl auch nicht!

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