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Gender Gap in Finnland: Erstmals haben Männer in diesem Bereich die Nase vorn

Foto: CC0 / Pixabay / StockSnap

Die Gender Care Gap schließt sich in Finnland: Erstmalig befinden sich Frauen und Männer dort auf gleichem Niveau, was den Zeitaufwand für bezahlte und unbezahlte Arbeit angeht. In einem Bereich liegen Männer sogar erstmals vorne.

2021 haben finnische Frauen und Männer bei der Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit erstmals Gleichstand erreicht. Dabei geht es um die Gesamtzeit, die insgesamt für Job, Haushalt und Familie anfällt. Dabei fällt auf, dass Männer insgesamt mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, als ihre Frauen.

In einem Interview mit dem Spiegel erklärt Matias Mäkynen, Chef des Männerbeirats im finnischen Parlament, wie man diesen Meilenstein erreicht hat. Aber: Frauen verrichten weiterhin mehr Arbeit im Haushalt als Männer.

Arbeitszeit von Frauen und Männern auf gleichem Niveau: Das sind die Gründe

Laut den Ergebnissen einer Studie des finnischen Statistiksamts hat die Zeit, die Männer für die Erwerbstätigkeit aufwenden, abgenommen, während sie nun mehr Zeit in Hausarbeit und Kinderbetreuung investieren. Bei der Kinderbetreuung überholen sie Frauen sogar.

Frauen wenden für beide Tätigkeiten nun weniger Zeit als vor 2021 auf, aber arbeiten weiterhin mehr als eine halbe Stunde länger am Tag im Haushalt als Männer. Doch was die Gesamtarbeitszeit angeht, gibt es erstmalig so gut wie keine geschlechtsspezifischen Unterschiede mehr. 

Für Matias Mäkynen bezeichnet dies im Spiegel-Interview als Ergebnis jahrzehntelanger Bemühungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei in dem kleinen Land nicht nur der Bedarf nach Arbeitskräften sehr groß gewesen, sondern auch der Zusammenhalt. Der Abgeordnete sieht darin den Grund, warum in Finnland die Gleichberechtigung früher als anderswo verfolgt wurde.

So sei Finnland 1906 das erste Land weltweit gewesen, in dem Frauen das aktive und passive Wahlrecht erhielten. Man habe sich zudem früh um gemeinsame Bildung und vielfältige Angebote zur Kinderbetreuung gekümmert. Erste Gesetze gegen Diskriminierung im Job wurden bereits in den 1970er Jahren erlassen. 

Heute seien laut dem Abgeordneten Frauen in Finnland besonders gut qualifiziert und im Parlament herrsche ein breiter Konsens darüber, sie in ihrem Arbeitsleben zu unterstützen.

Hier gibt es auch in Finnland noch Unterschiede

Den Erkenntnissen der Studie zufolge verbringen finnische Väter heute mehr Zeit mit ihren Kindern als ihre Frauen. Mäkynen erklärt, dass ein gewandeltes Familienbild zu dieser Entwicklung beigetragen hat. Sich um Familie und Kinder zu kümmern, zeige Verantwortungsbewusstsein.

Aber, so Mäkynen: „Zur Wahrheit gehört (…) auch, dass es angenehmer ist, auf den Spielplatz zu gehen, als den Abwasch zu machen. Das ist in Finnland nicht anders als in anderen Ländern. Bei der Hausarbeit leisten Frauen auch jetzt immer noch mehr.“

Trotz der bisherigen Erfolge verdienen Frauen auch in Finnland noch immer weniger als Männer und in der Chefetage sind Frauen weniger häufig vertreten. Mäkynen führt dies auf weiterhin tief verankerte Vorstellungen über scheinbar geschlechtertypische Berufe zurück. Männer würden im Pflegebereich fehlen, Frauen in der IT und in Chefpositionen – in denen viele immer noch automatisch Männer sehen würden. 

Männer seien laut dem Abgeordneten hingegen in Sachen Gesundheit und Sorgerecht im Scheidungsfall benachteiligt. Für eine Gleichberechtigung in diesen Bereichen setzt sich Mäkynens Ausschuss für Männerfragen im finnischen Parlament ein – genauso wie für die Prävention von häuslicher Gewalt, die in Finnland genauso ein Problem ist wie vielerorts auf der Welt. 

Gender (Care) Gap in Deutschland: Wie ist die Lage?

Kinderbetreuung und Hausarbeit fallen unter die sogenannte Care-Arbeit, also Tätigkeiten des Sorgens und Kümmerns (um andere). Bislang haben überwiegend Frauen diese Arbeit geleistet – oft unbezahlt, weil sie  gesellschaftlich als notwendig und selbstverständlich angesehen wurde. Laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend investieren Frauen in Deutschland durchschnittlich 52,4 Prozent mehr Zeit in unbezahlte Care-Arbeit als Männer. Diesen Unterschied nennt man „Gender Care Gap“. 

Für Frauen kann der Gender Care Gap wirtschaftliche Nachteile bedeuten: Ihnen bleibt neben der Sorgearbeit meistens nur Zeit für eine bezahlte Teilzeitbeschäftigung. Daher sind die Einkommen von Frauen oft niedriger als von Männern, was sich auch in einer geringeren Rente niederschlägt.

Die Verteilung von Care-Arbeit ist somit ein Indikator für die Gleichstellung von Frauen und Männern in einer Gesellschaft. Dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zufolge hat sich in Deutschland der Gender Care Gap seit 1992 zwar verkleinert. Doch nach den Ergebnissen eines Ländervergleichs der OECD belegte Deutschland im Jahr 2017 beim Gender Care Gap nur einen Rang im Mittelfeld. 

Laut dem Global Gender Gap Index, der geschlechtsspezifische Unterschiede in vier Bereichen (wirtschaftliche Chancen, Bildung, Gesundheit, politische Führung) weltweit misst, liegt Finnland auf Platz zwei (die Lücke ist dort zu 86 Prozent geschlossen und Deutschland auf Platz zehn (Schließung zu 80,1 Prozent). Island führt die Tabelle mit 90,8% an.

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