Grünen-Politikerin wird auf Twitter beleidigt – solche Kommentare sollte sich keine Frau anhören müssen

Ricarda Lang erfährt Mysogenie und Fatshaming bei Twitter
Foto: © Die Grünen / Twitter

#RicardaLang trendet seit Tagen auf Twitter. Der Hashtag zeigt einmal mehr, dass es selbstbewusste Frauen mit einer eigenen Meinung nicht leicht haben. Er zeigt auch, dass wir Gleichberechtigung im Jahr 2022 immer noch nicht erreicht haben.

Nach einer Rede im Bundestag wurde die Grünen-Politikerin Ricarda Lang auf Twitter angefeindet. Doch nicht für das, was sie gesagt hat, sondern aufgrund ihrer Körpermaße.

Die 29-jährige Politikerin ist die Bundesvorsitzende und frauenpolitische Sprecherin der Grünen und möchte in Zukunft den Parteivorsitz übernehmen. In einer Rede sprach sie sich für die Impfpflicht aus. Menschen sollten sich wieder sicher fühlen und nicht ständig Angst haben müssen, sich anzustecken. Außerdem gehe sie davon aus, dass es durch eine Impfpflicht Frauen in Teilzeitjobs, Jugendlichen und Kindern besser gehe. Vor ein paar Monaten war sie auch noch gegen eine Impfpflicht, habe aber nun ihre Meinung geändert, das kann und sollte gerade in der Politik getan werden, so die Meinung der Politikerin.

Reaktionen auf Twitter

Impfpflicht ist ein Thema, das in der Gesellschaft für Diskussion sorgt. Daher könnte man denken, Menschen haben eine Meinung zum Inhalt der Rede oder zur Thematik an sich und bekunden diese in den sozialen Medien. Doch bei der Rede von Ricarda Lang ist das anders. Die Quintessenz vieler Meinungen auf Twitter: Ricarda Lang hat Übergewicht und sollte deswegen nicht über eine Impfpflicht sprechen.

Wir haben uns bewusst dafür entschieden, einige Tweets abzubilden, um beispielhaft zu zeigen wie widerwärtig die Anfeindungen gegenüber Ricarda Lang tatsächlich sind.

Ein User twitterte: „Angeblich gibt es keine sachliche Kritik an #RicardaLang. Angeblich geht es nur um fat shaming. Der Bezug zu ihrer Fettleibigkeit ist die sachliche Kritik. Wer sich selbst in eine Risikogruppe reinfrisst, sollte gesunde Menschen nicht zu einer Impfung zwingen!“

Eine Twitter-Userin schrieb: „Von den zuviel aufgenommenen Kalorien der #RicardaLang könnte sich halb Afrika ernähren, ihr Konsum hält eine ganze Mc Donald’s- Filiale am laufen, ihre maßgeschneiderte Kleidung verbraucht den Ertrag von 20 Baumwollfeldern, aber sie will über Gesundheit + Nachhaltigkeit belehren“

Ein weiterer User twitterte: „Und der NDR so: „Menschen mit erheblichem Übergewicht (BMI über 30) haben ein erhöhtes Risiko, bei einer Corona-Infektion schwer zu erkranken oder gar zu sterben.“ Diätpflicht jetzt! #RicardaLang“

Solidarität für Ricarda Lang

Es gibt jedoch auch Twitter-User:innen, die sich mit Ricarda Lang solidarisieren. Ein User merkte an, dass viele übergewichtige, männliche Politiker Reden gehalten haben, ohne angefeindet zu werden. Und er kommentiert dies noch einmal: „Nein. Das Opfer muss sich nicht das unwürdige Verhalten der Täter gefallen lassen. Ich wollte offen widersprechen und eine Blockempfehlung geben. #RicardaLang“.

In einem weiteren Tweet schrieb der gleiche User: „Ich korrigiere: Was viele nicht verstehen ist, dass die Aufregung über das #Übergewicht von #RicardaLang nicht auf Fatshaming zurückzuführen ist, sondern auf den Umstand, dass sie eine Frau ist.“ Dabei nimmt der User Bezug auf einen Kommentar (in dem Tweet schwarz unterlegt).

Ein anderer User twitterte: „Ich habe von @Ricarda_Lang eine sehr hohe Meinung. Messerscharf in der Analyse, griffig in der Kommunikation. Notwendig polarisierend und gleichzeitig vorausschauend und routiniert. Der Hate gegen Sie ist ehrenlos, dämlich und unter jedem Niveau. Solidarität mit #RicardaLang“

Emma Kohler: „Falls du dich fragst, wieso wir noch Feminismus brauchen, schau 3 Minuten durch #RicardaLang. Es ist so ekelhaft, was starken linken Frauen an Sexismus entgegengeworfen wird. Solidarität mit @Ricarda_Lang!“

Utopia meint: Eine Mischung aus Whataboutism, Misogynie und Fatshaming

„Weil du übergewichtig bist, lasse ich mich nicht zum Impfen zwingen“ ist eine Art von Whataboutism. Im Bereich Klimaschutz begegnet uns ständig dieses Phänomen. Ähnliches Argument: „Weil du Auto fährst, lasse ich mir nicht das Fleischessen verbieten.“

Zudem ist es ein Armutszeugnis, dass Frauen, die ihre Meinung offen äußern, auch im Jahr 2022 immer noch Gefahr laufen, kritisiert zu werden – und eben nicht für ihre Meinung, sondern aufgrund ihres Äußeren oder ihres Geschlechts. Viele junge Frauen werden durch solche öffentlichen Anfeindungen (zum Beispiel in den sozialen Medien) beeinflusst und trauen sich nicht, ihre Meinung zu äußern.

Auch die negativen Kommentare zur Kleidung von Ricarda Lang sind unangebracht. Jede:r kann anziehen was sie oder er möchte – egal mit welcher Figur. Und wer kennt es nicht? Das eigentlich gern getragene Kleid bleibt dann doch im Schrank, wegen genau solcher Kommentare (die sich im Fall von Twitter auch sehr öffentlich sind). Für die meisten Menschen, vor allem Frauen, sind solche abwertenden Bemerkungen leider auch offline oft Alltag.

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