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„Rollende Pest“? Kommentar der Berliner Zeitung an Polemik kaum zu überbieten

Foto: pikselstock / stock.adobe.com

Eltern mit Lastenrädern sind für einen Autor der Berliner Zeitung ein Reizthema. Seine Wut darüber packt er in einen Kommentar. Doch anstatt einen konstruktiven Diskurs anzustoßen, schlägt er in Polemik um. Unsere Autorin fragt sich: Wer ist hier „selbstherrlich und egoistisch“?

Kommentare sind so eine Sache. Sie sind meinungsstark, dürfen überspitzt sein, ja auch scharfzüngig – schließlich wollen die Autor:innen mit ihnen in der Regel auf ein Problem oder einen Missstand hinweisen. Ein Kommentar darf recht viel. Doch wenn aus einem Meinungsbeitrag reine Polemik wird, bringt das niemanden weiter. Vielmehr läuft er Gefahr, stumpfe Vorurteile zu bedienen, anstatt zum konstruktiven Diskurs anzustoßen.

Die Berliner Zeitung hat bedauerlicherweise genau so einen Kommentar vor wenigen Wochen veröffentlicht – zu einem für den Autoren offenbar sehr emotionalen Thema: Eltern mit Lastenfahrrädern. Sie bezeichnete Marcus Weingärtner in einer ersten Version des Meinungsstücks als „rollende Pest Berlins“ (siehe Tweet). Inzwischen ist die Überschrift weniger laut. „Eltern mit Lastenrädern: Oft selbstherrlich und egoistisch“, heißt sie nun.

Der Autor, der sich gleich zu Beginn des Artikels als „wirklich toleranten Menschen“ bezeichnet, echauffiert sich über Eltern, die mit ihren Kindern in der Bundeshauptstadt „eindeutig zu viel Raum“ beanspruchen. Er nennt Situationen in Restaurants, wo der „oft schlecht erzogene Nachwuchs einen Radau veranstaltet wie verrückt“. Noch schlimmer aber findet Weingärtner offenbar Eltern mit ihren Kindern auf Lastenrädern. Sie sind, folgt man der Ausführung, angeblich eine Zumutung: Von einem Vater ist die Rede, der auf seinem „breitärschigen Gefährt“ so fuhr, „als ob er alle Zeit der Welt habe“. Seine Kinder, die vorne im Kasten saßen, würde der Vater mit dem „frechen Mützchen“ auf dem Kopf „vermutlich zu einer mehrsprachigen Kita“ fahren. Das Lastenfahrrad sei spießig und sperrig. Kurzum: der neue „Mittelklassewagen“.

Deswegen müssten Lastenfahrräder abgeschafft werden, lautet für den Autor die logische Schlussfolgerung. Als Autofahrer sieht er sich durch die Räder in seiner Bewegungsfreiheit beschnitten. Genau in dieser Ableitung liegt bereits die problematische Pointe, wenn wir über den Verkehr auf deutschen Straßen sprechen: Es wird angenommen, dass der öffentliche Raum ausschließlich den Autofahrer:innen gehört. Angesichts der enormen ökologischen Auswirkung, die Verbrennungsmotoren im Straßenverkehr haben, sollten wir alternative Fortbewegungsmittel begrüßen – anstatt sie per se zu verteufeln. Oder anders formuliert: Würde Weingärtner ähnlich hart über den Vater urteilen, wenn dieser seine Kinder in einem Auto transportiert?

Wer ist hier „selbstherrlich und egoistisch“?

Damit sich Autofahrer:innen und (Lasten)Radfahrer:innen nicht in die Quere kommen, wäre der Ausbau der Radwege die logische Forderung eines selbsternannten toleranten Autors. Doch dieser scheint mit seinem Kommentar nicht an Lösungen interessiert zu sein, geschweige denn am Aufdecken an einer tatsächlichen Notlage. Schließlich sind Autos immer noch in der Mehrzahl.

Weingärtners Wut gipfelt schlussendlich darin, gegen eine Mutter mit Lastenrad zu schießen, die er vergeblich versuchte zu überholen. Der Autor schreibt: „An der Ampel drehte die junge Frau sich um, lächelte und riet zur Ruhe im Straßenverkehr. Nun, wir können nicht alle daheim bleiben und uns von einem Partner mitfinanzieren lassen, murmelte ich.“

Es ist ein bemerkenswerter Satz. Nicht etwa, weil er das Vorurteil bedient, Frauen und Mütter würden sich von ihren Partner:innen aushalten lassen. Sondern, weil er die eigene Überhöhung und Selbstgefälligkeit des Autors entlarvt. Des Autors, der Eltern mit Lastenrädern als „selbstherrlich und egoistisch“ bezeichnet.

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