Specialty Coffee – Fair Trade vs. Direct Trade

Specialty Coffee Direct vs Fair Trade
Foto: © Viktor - Fotolia.com

Fair Trade ist ein bekanntes Label, dem viele von uns fast bedenkenlos vertrauen. Doch wie fair ist Kaffee mit dieser Zertifizierung wirklich? Was bedeutet im Gegensatz dazu „Direct Trade“? Und was hat das mit Specialty Coffee zu tun?

Das Siegel „Fair Trade“ steht für fair gehandelte Produkte und ein verlässliches Einkommen für die Produzenten. Aber gelten solche Bedingungen auch für Spezialitätenkaffee (Specialty Coffee), ein Produkt, das weltweit unter denselben Standards anerkannt wird?

Was ist Specialty Coffee?

Als Specialty Coffee bezeichnet man laut Specialty Coffee Association of America (SCAA) qualitativ hochwertige grüne Kaffeebohnen, die von Spezialitäten-Röstereien fachmännisch geröstet und nach SCAA Standards gebrüht werden.

Specialty Coffee ist kein Marketingbegriff wie Gourmet Kaffee, Premium Kaffee, Edelkaffee, Feinschmeckerkaffee oder ähnliches, sondern entspricht einem definierten Standard. Die SCAA hat dafür weltweit anerkannte, objektive und strenge Bewertungskriterien entwickelt.

Wie wird Specialty Coffee bewertet?

Gruene Kaffeebohnen specialty coffee direkt trade
Um eine sehr gute Qualität des Kaffees zu erreichen, müssen die grünen, noch ungerösteten Bohnen in kleinen Chargen unter ständiger Kontrolle geröstet werden. („Green unroasted coffee beans“ von Aidan unter CC-BY-2.0)

Der Kaffee wird nach 10 Kriterien beurteilt: Aroma, Säure, Körper, Charakter, Süße, Klarheit, Balance, Ausgewogenheit, Abgang und Gesamteindruck. Zu jedem Kriterium können 10 Punkte vergeben werden: von „0“ für nicht vorhanden bis „10“ für einmalig. Nur die Kaffees, die eine Bewertung von mehr als 80 Punkten erreichen, werden als „Spezialität“ (= Specialty Coffee) bezeichnet.

Wie fair gehandelt wird Kaffee generell?

Hier stellt sich zunächst die Frage, wie viel der Vergütung tatsächlich in den Händen der Produzenten und Anbauern landet. Denn fast die gesamte Menge des weltweit gehandelten Kaffees wird über den Exportvertreter eines Verbands oder einer Kooperative verkauft – auch in Deutschland.

Auch TransFair e.V., ein gemeinnütziger Verein, der seit 1992 Fairtrade in Deutschland repräsentiert, arbeitet mit Kooperativen zusammen – nicht mit den Bauern direkt.

Wie wird der Bauer entlohnt?

Üblicherweise ist es ein gewisser Prozentsatz des normalen Kaffeepreises, um die 0,5 – 1,25%, damit er das Fair Trade Siegel nutzen darf. Klingt erst mal nicht schlecht. Jedoch sind hier die Kosten für die Zertifizierung, ein fixer Preis, nicht miteinberechnet.

Der Bauer muss also erst mal eine gewisse Erntemenge vorweisen, um sich die Kosten für die Fair Trade Zertifizierung leisten zu können. Durchlebt der Bauer also eine schlechte Ernteperiode, muss er im Zweifel die Zertifizierung aufgeben, um seine Familie auch weiterhin ernähren zu können.

Fair Trade vs. Direct Trade

Für einen Bauer, dessen Anbaufläche 100 Hektar übersteigt, beispielsweise in Brasilien oder Vietnam, ist Fair Trade durchaus fair. Kleinere Bauern aber sind in dieser Gleichung klar im Nachteil. Was also tun?

Specialty Coffee wird beim Direct Trade handverlesen
Damit die Qualität stimmt, werden die Bohnen für den Specialty Coffee von Hand verlesen. („Sorting Quality Naturals" von jakeliefer unter CC-BY-2.0)

Gehen wir noch mal einen Schritt zurück: Specialty Coffee mit seinen weltweiten Standards der SCAA legt in erster Linie Wert auf die Qualität des Kaffees. Damit die stimmt, suchen Spezialitäten-Röstereien den Kontakt zu den Plantagen. Direct Trade, wie es von Spezialitäten-Röstereien – von Tokyo bis San Francisco – praktiziert wird, ist also der direkte Bezug grüner Kaffeebohnen aus den Anbauländern.

Direkt von den Farmern und ohne zwischengeschaltete Importeure oder Organisationen, ermöglicht es daher direkte Preisabsprachen zwischen Anbauer und Käufer, sorgt für mehr Transparenz bei allen Beteiligten und im gesamten (Anbau)Prozess. Oftmals reisen Spezialitäten-Röster regelmäßig in ‚ihre‘ Anbauregionen und haben direkten Einfluss auf den Anbau und die Ernte der Kaffeebohnen und die sozialen Bedingungen oder die Umweltsituation vor Ort.

Qualität als Auswahlkriterium für den nächsten Kaffee-Kauf

In fast jeder größeren Stadt in Deutschland gibt es inzwischen kleine und unabhängige Spezialitäten-Röstereien, in denen Kaffee aus Direct Trade bezogen wurde. Der Kaffeeröster deines Vertrauens beantwortet dir sehr gern die Frage, ob der Kaffeebauer für die Qualität seines Kaffees bezahlt wurde und wer alles in den Anbau und Import seiner Kaffeebohnen involviert ist.

Die meisten Röster sind stolz darauf, in die Anbauregionen zu reisen und genau zu wissen, wer die Kaffeebohnen angebaut und verarbeitet hat, die Monate später in seiner Rösttrommel landen.

Wie erkenne ich Specialty Coffee?

Logo der Specialty Coffee Association
Mit diesem Logo der SCAA wird „Specialty Coffee“ ausgezeichnet. (Foto: © scaa.org)

Spezialitäten-Cafés und -Röstereien in Deutschland können sich von der Specialty Coffee Association of Europe (SCAE), das europäische Äquivalent zur SCAA, ihre Verarbeitung und den Ausschank von Specialty Coffee mit einer Mitgliedsplakette bescheinigen lassen. Daran kannst auch du als Gast oder Käufer erkennen, dass es sich um Specialty Coffee handelt.

Beim Kauf von Specialty Coffee, sei es, um ihn daheim aufzubrühen oder im Café zu trinken, unterstützt du so nebenbei auch noch die kleinen Kaffeebauern, die ohne Direct Trade wohl keine Chance hätten auf dem weltweiten Kaffee-Markt zu überleben.

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(17) Kommentare

  1. Ich frage mich auch, wie klimaschonend das ist, wenn jeder Besitzer einer kleinen Spezialitätenrösterei mehrmals im Jahr in verschiedene tropische Länder reist – per Flugzeug, denke ich mal. Klingt für mich nicht sehr effizient. Ich vermute (und hoffe?), dass das bei den Bio- und FairTrade Kontrollen effizienter und mit im Verhältnis zur Kaffeemenge weniger Flugstunden abläuft.

  2. Effizienz bringt andere Nachteile, das offizielle Fair Trade Siegel lohnt sich, wie der Artikel andeutet, nur im großen Stil und dank Zwischenhändlern kommt viel weniger Geld bei den Bauern an, als bei guten Direct Trade Programmen. Zumal sich Direct Trade Kaffee häufig auch aus ressourcenschonendem Anbau findet (Waldkaffee statt Plantagenkaffee, ungewaschene Bohnen statt unter hohem Wasserverbrauch gesäubert). Und der passionierte Kaffeetrinker wird beim Fair Trade Siegel niemals geschmacklich glücklich werden, durch die Massenproduktion (wie schon erwähnt, sonst ist das Siegel unbezahlbar) leiden Geschmack, Frische und Qualität eben massiv. Hinzu kommt, dass Direct Trade eben auch durch die Besuche deutlich transparenter ist, es wurde schon viel Missbrauch unter dem Fair Trade Siegel aufgedeckt, eben weil engmaschigere Überprüfungen fehlen… Leider.

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