Containern: Wenn Menschen Essen aus dem Müll retten

Foto: Privat

Mülltauchen, Dumpstern oder Containern – es gibt viele Bezeichnungen dafür, dass Menschen in den Müllcontainern von Supermärkten nach Essbarem suchen. Die „Mülltaucher“ sparen dadurch aber nicht nur eine Menge Geld, sondern machen auch auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam: die maßlose Lebensmittelverschwendung.

Nicht mehr akzeptabel für den Wirtschaftskreislauf

Frische Äpfel, diverse Joghurtsorten, abgepackte Bohnen, Salat, Tomaten und Schokoriegel – all das wäre für den Müll bestimmt, wenn nicht Menschen wie Sonja* aus Berlin in die Container der Supermärkte steigen und Essbares herausfischen würden. Mülltauchen ist hip: In sozialen Netzwerken tauschen sich Gleichgesinnte aus, geben Tipps, verabreden sich zum Containern und posten Bilder ihrer „Beute“ und dem daraus zubereiteten Essen.

Die dort gezeigten Bilder sehen denen von herkömmlichen Einkäufen zum Verwechseln ähnlich. Es sind jedoch Lebensmittel, die entweder kurz vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) stehen oder kleinere Mängel wie Druckstellen aufweisen – abgesehen davon sind sie aber noch verzehrbar. Karitative Einrichtungen wie Die Tafeln nehmen dem Handel bereits Lebensmittel ab, wenn sie im Wirtschaftskreislauf nicht mehr verkauft werden können. Dennoch landet noch immer viel zu viel in den Müllcontainern der Supermärkte.

„Ich war schockiert, wie viel da drin war“

Dass sie einmal im Müll nach Essbarem suchen würde, hätte die 26-Jährige vor ein paar Jahren nicht gedacht. Als Sonja vor zwei Jahren fürs Studium nach Norddänemark zog, begleitete sie Freunde zu dem in der Uni-Szene bekannten sogenannten „Brotmülleimer“.

Ciabatta, Vollkornbrot und Schoko-Croissants: „So viele frische Sachen, die nicht gespendet wurden.“ Sonja war schockiert, „wie viel da drin war“, und ging künftig regelmäßig für die Brotversorgung der WG zum Brotmülleimer.

Containern: zwei Wanderrucksäcke voll

Sonja, die sich seit vier Jahren vegetarisch ernährt und sich seit Langem für Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen interessiert, geht einmal pro Woche mit ihrem Freund „auf Tour“. Ausgerüstet mit zwei großen Wanderrucksäcken und Fahrradlampen machen sich die beiden meistens eine Stunde nach Ladenschluss auf den Weg zu den Containern der Supermärkte.

Sie können gut davon leben und kaufen lediglich Reis, Nudeln und Milch dazu. „Wenn eine Orange im Netz schimmelt, wird gleich das komplette Netz weggeworfen“, erzählt Sonja. Am größten sei die Müllmenge vor und nach den Feiertagen. Wenn Saisonprodukte wie Schoko-Osterhasen oder Lebkuchen an Ostern und Weihnachten raus müssten, wären die Container besonders voll.

Sonja wohnt mittlerweile in Kopenhagen, wo mit wefood ein erster Supermarkt nur für Weggeworfenes eröffnete. In der dänischen Hauptstadt komme es auf die einzelnen Filialen an; manchmal seien die Container abgeschlossen, manchmal eben nicht. In Dänemark ist Containern zwar nicht verboten, doch viele Supermärkte verschließen ihre Container. „Unsere Hauptnahrungsquelle wurde jetzt auch abgeschlossen“, erzählt Sonja.

Containern in Dänemark, Obst und Gemüse
Containerte Beute in Dänemark: Obst und Gemüse (Foto: Privat)

Spenden ist teurer als wegwerfen

Im Bereich Lebensmittelspenden gibt es keine gemeinsame EU-Politik, die Mitgliedsstaaten gestalten den politischen Rahmen selbst. Oft spielt die Haftungsfrage eine Rolle, etwa beim Schließen der öffentlichen Kühlschränke in Berlin. Die Lebensmittelaufsicht ließ dort sogenannte FairTeiler wegen Hygiene-Bedenken schließen, wir berichteten.

Daher würden Supermärkte dazu tendieren, überflüssige Lebensmittel eher wegzuwerfen als sie an karitative Einrichtungen abzugeben, bemerkt eine vergleichende Studie zu Lebensmittelspenden (PDF). „In der EU herrscht Verwirrung bezüglich der Möglichkeiten, Lebensmittel zu spenden, deren MHD abgelaufen ist. Die meisten der untersuchten Mitgliedstaaten erheben keine Mehrwertsteuer auf Lebensmittelspenden an Lebensmittelbanken und Wohltätigkeitsorganisationen, sofern bestimmte Bedingungen erfüllt sind.“ Dennoch sei es in zahlreichen Mitgliedsstaaten immer noch teurer, überschüssige Lebensmittel zu spenden, als sie wegzuwerfen, resümiert die Studie.

Ein von @stickerkunst gepostetes Foto am

Containern: „Vorsicht ist geboten“

Es ist juristisch umstritten, ob Containern und das Sich-Bedienen aus Abfallcontainern Diebstahl ist. Der Abfall gehört den Supermärkten theoretisch so lange, bis er abgeholt wird. Im Jahr 2012 verurteilte das Amtsgericht Düren zwei Personen wegen Hausfriedensbruch und Diebstahl, nachdem sie Lebensmittel aus Containern eines Supermarktes genommen hatten. Das Landgericht Aachen hob das Urteil später auf, nachdem der Marktleiter den Strafantrag zurückzog (mehr zum Dürener Fall im Law Blog).

Es ist jedenfalls „Vorsicht geboten, tendenziell dürfte es sich um Diebstahl handeln“ schreibt Rechtsanwalt Jan Twachtmann dazu im Rechtsfragenblog. Er verweist weiterhin auf den Hausfriedensbruch und die mögliche Sachbeschädigung: „Container [stehen] in der Regel auf dem Privatgrundstück des Supermarktes […], der häufig umzäunt oder der Container sogar abgeschlossen ist. Sowohl das Eindringen in ein befriedetes Besitztum als auch die Sachbeschädigung (hier des Schlosses) sind strafbar.“

Durch die vorsichtigen Formulierungen schimmert eine klare Aussage: Wer den Müll von Supermärkten mitnimmt, muss gegenwärtig mit einer strafrechtlichen Verfolgung rechnen.

Wenn Sonja in Dänemark containert, achtet sie darauf, alles genauso zu hinterlassen, wie sie es vorgefunden hat. Schließlich will sie es sich mit dem Supermarkt nicht verscherzen, der das Mülltauchen noch duldet. Einmal sei ihr schon verboten worden, nach Essbarem zu suchen. Die Begründung: Der Filialleiter wünsche dies nicht. Die Container, die Sonja aufsucht, stünden meist auf den Parkplätzen der Supermärkte und seien offen zugänglich.

Überangebot, Überproduktion, übervorsichtig

Seit 1988 hat sich das Sortiment in Supermärkten fast verdreifacht. Für Sonja ist das eine Überforderung, der sie durchs Containern entgeht. „Ich glaube, dass man mit weniger Produkten gut leben kann, das Angebot ist viel zu groß.“ Statt wie früher irgendetwas im Supermarkt mitzunehmen, ernährt sie sich nun hauptsächlich von Obst, Gemüse und Getreide.

Durch die „Container-Diät“ hat Sonja inzwischen fast zehn Kilo abgenommen. Sie und ihr Freund leben durch das Containern beinahe vegan und Sonja sagt, sie habe nun eine ganz andere Einstellung zum Essen. Sie hofft, dass sich durch solche Aktionen die öffentliche Wahrnehmung ändert – und mehr Projekte gegen Lebensmittelverschwendung entstehen.

*Name von der Redaktion geändert

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(6) Kommentare

  1. Guter Artikel, aber ich finde es schade, dass die legale (und in meinen Augen auch sonst bessere) Alternative zum Containern im Artikel nicht mal erwähnt wird, dafür aber der Begriff „Foodsaver“ in der Newsletter-Vorschau fälschlicherweise als Synonym verwendet wird für jemanden, der containert. Als „Foodsaver“ der Plattform Foodsharing.de kann man bei kooperierenden Betrieben ganz offiziell überschüssige Lebensmittel abholen. Dabei geht es darum, zu verhindern, dass brauchbare Lebensmittel überhaupt erst im Müll landen und für die Betriebe fallen Kosten und Aufwand für Müllentsorgung weg. Containern wird dadurch irgendwann überflüssig – vorausgesetzt natürlich, alle Betriebe machen mit :).

  2. … und während es beim Containern ja daraum geht, möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen, wird durch den Kooperationsaufbau und das Abholen beim Betrieb zwangsläufig auf das Problem der Lebensmittelverschwendung aufmerksam gemacht.

  3. „machen auch auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam“ – wirklich? Machen sie das? Oder machen nicht eher solche Berichte wie dieser auf das Problem aufmerksam?
    Ich finde es zwar super, wenn Leute Lebensmittel vor der Tonne retten, aber meiner Meinung gibt es da wesentlich geeignetere Herangehensweisen. Und noch besser wäre es natürlich, wenn es gar nicht soweit kommen müsste!

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