Klima-Selbstverpflichtung des Finanzsektors: 5,5 Billionen Euro wollen nachhaltiger werden

Bild: Utopia

Teile des deutschen Finanzsektors wollen Kredit- und Investmentportfolien endlich mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens in Einklang bringen. Aber reicht dazu eine Klimaschutz-Selbstverpflichtung?

Über Geld sprechen wir Deutschen zu wenig, und wenn überhaupt, dann lieber in Sprüchen: „Geld stinkt nicht“ – ja ne, ist falsch, denn viele Investitionen pumpen heute immer noch Geld in Unternehmen und Projekte, die unserer Welt schaden. Das passiert nicht aus Böswilligkeit, weil „Konzerne“ das so wollen – es passiert, weil der Finanzsektor sich primär mit Geldvermehrung beschäftigt und niemand (lange auch wir Kunden nicht) an ihn Forderungen stellte, doch bitte auch mal andere Kriterien als defensiv/offensiv und so weiter zu beherzigen, zum Beispiel Nachhaltigkeit der Investitionen.

Das aber wäre wichtig, denn: „Geld regiert die Welt“ – und das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Welt regiert, wer das Geld regiert. Ganz richtig bemerkt Christian Sewing, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank hierzu: „Banken spielen eine entscheidende Rolle im Kampf gegen den Klimawandel. Denn es ist an uns, über Finanzierungen und Anlageprodukte die Mittel für die Transformation der globalen Wirtschaft bereitzustellen“. Sie und andere Unternehmen aus dem Finanzsektor wollen es nun besser machen und haben dazu eine Klima-Selbstverpflichtung veröffentlicht.

Nicht die üblichen Verdächtigen

Dass bei dieser Klima-Selbstverpflichtung einige der wichtigen Ökobanken dabei sind, überrascht sicher keinen – etwa die Triodos Bank, von der die Initiative zum Teil ausging (zu einem anderen Teil vom WWF, die Initiativen wurden dann zusammengeführt), sowie die Umweltbank und die GLS Bank.

Was dann schon überraschend ist: Unter anderem sind auch die Deutsche Bank und die Commerzbank dabei, zwei Finanz-Schwergewichte, die bislang nicht durch ausdrücklich nachhaltiges Banking aufgefallen sind.

Unterm Strich sind es 16 Akteure, die nach eigenen Angaben 46 Millionen Kundenverbindungen mit zusammen 5,5 Billionen Euro Investitionsvolumen verwalten, die sich nun selbst verpflichtet haben, nachhaltiger mit ihren Finanzen umzugehen und so das Klima zu schützen. Aber was heisst das eigentlich genau?

Klima-Selbstverpflichtung des deutschen Finanzsektors

Alle unterzeichnenden Unternehmen wollen „gegenseitig akzeptierte“ Methoden zur Messung der Klimaauswirkungen ihrer Kredit- und Investmentportfolien entwickeln, einführen und diese dann im Einklang mit den nationalen und internationalen Klimazielen steuern.

Sie richten ihre jeweiligen Produkte und Dienstleistungen sowie ihre Engagements und Initiativen entsprechend aus, um (durch die Finanzierung der Transformation hin zu einer emissionsarmen und klimaresilienten Wirtschaft und Gesellschaft) die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad zu begrenzen und das 1,5 Grad Ziel anzustreben (Science Based Targets).

„Tauende Permafrostböden, schmelzende Polkappen und die steigende Waldbrandgefahr sind nur einige Beispiele dafür, wie bedrohlich sich die Erderwärmung auf unseren Planeten auswirkt. Dem müssen wir gemeinsam entschlossen entgegenwirken“, läßt sich Martin Zielke, Vorstandsvorsitzender des Commerzbank AG, zitieren, und das hat schon was.

Der Impuls für diese Klima-Selbstverpflichtung erfolgte aus einer von der Triodos Bank initiierten Gruppe von Finanzinstituten und zeitgleich über eine Banken-Arbeitsgruppe des WWF. Diese beiden Bankengruppen haben seit März die vorher parallelen Diskussionen zur jetzt vorliegenden Selbstverpflichtung zusammengeführt. Diese steht allen Finanzakteuren zur Übernahme und Unterzeichnung offen:

https://www.klima-selbstverpflichtung-finanzsektor.de/

Preschen wir Deutschen da mal wieder vor und wollen besonders gute Ökos sein, was finanznahe Konservative ja gerne bejammern? Mitnichten: Im internationalen Kontext wurden bereits in den Niederlanden das Climate Agreement (Juni 2019), das Collective Commitment to Climate Action (UN-Klimagipfel im September 2019) und im Rahmen der 25. Klimakonferenz (Dezember 2019) eine Selbstverpflichtung des spanischen Finanzsektors unterzeichnet. All diese Vereinbarungen haben vergleichbare Strukturen und Zielniveaus, auf denen die jetzt endlich auch hierzulande getroffene Selbstverpflichtung aufbaut.

Klima-Selbstverpflichtung macht Ökobanken nicht überflüssig

Ohnehin stecken da einige Blüten im Portemonnaie: So will man all dies erst bis Ende 2022 geschafft haben. Auch gilt die Vereinbarung nur für solche Investmentportfolios, die nicht Gegenstand des Fonds- oder Mandatsgeschäfts sind – jenes soll zwar auch verändert werden, aber ohne feste zeitliche Vorgaben. Die Methoden zur Messung des Impacts sollen „gegenseitig akzeptiert“ sein, davon abgesehen ist die Wahl der Methoden aber freigestellt, und da stellt sich schon die Frage nach der Vergleichbarkeit. Auch sind nicht alle großen Banken im Boot, das ist schade.

Die Bundesregierung hatte Anfang 2019 sowieso das Ziel ausgegeben, Deutschland solle einer der führenden Standorte für nachhaltige Finanzen werden – wofür hat man ein weiteres Jahr gebraucht? Und schliesslich gibt es da die vielen kleinen Details. So will etwa BNP Paribas, ebenfalls Unterzeichner, die Finanzierung von „unkonventionellem Öl und Gas“ einstellen, klingt ja erst mal gut, aber was war „unkonventionelles“ Öl und Gas noch mal? Es ist das schwer zu fördernde, das Tiefseeöl, das polare Öl, das Öl aus Ölschiefer – ja, gut, darauf zu verzichten! Aber was ist mit dem „konventionellen“, also vergleichsweise einfach zu fördernden Öl?

Utopia meint: An dieser Selbstverpflichtung kann man einiges kritisieren, zu bedenken ist aber auch, das sich erstmals Unternehmen des Finanzsektors auf so etwas geeinigt haben. Ja, sicher, die Ziele der Klima-Selbstverpflichtung könnten anspruchsvoller sein … aber ein erster Schritt ist getan und er fiel sicher nicht leicht. Aus unserer Sicht ist sie aber noch kein Grund, nicht weiterhin zu einer Ökobank zu wechseln und bei Investitionen auf ausdrücklich nachhaltige Fonds zu achten.

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