Leder aus Gelatine: absurd oder sinnvoll?

Foto: © Liisi Sepp / Gelatex

Gelatex, ein Start-up aus Estland will die Leder-Produktion nachhaltiger machen. Statt aus Tierhaut stellt Gelatex Leder aus Gelatine her. Außerdem verzichtet das Start-up auf giftige Chemikalien.

Schuhe, Taschen, Gürtel oder Möbel – Leder steckt in vielen Produkten. Mit gutem Gewissen kaufen kann man Leder jedoch meist nicht: Hinter der Lederproduktion steckt viel Leid – sowohl für die Tiere, deren Haut für das Leder verwendet wird, als auch für die Arbeiter in den Gerbereien und Lederfabriken, die mit giftigen Substanzen in Berührung kommen.

Das Start-up Gelatex hat eine Alternative zu herkömmlichem Leder entwickelt. Gelatex produziert Leder nicht aus Tierhaut, sondern aus Gelatine. Die Gelatine gewinnt das Unternehmen aus Fleischabfällen. Das Leder hat laut Gelatex die gleiche chemische Zusammensetzung wie herkömmliches Leder und soll sich auch so anfühlen.

Gelatex aus Fleischabfällen

Indem das Start-up Gelatine statt Tierhaut verwendet, will es gewährleisten, dass tatsächlich nur Nebenprodukte aus der Fleischindustrie zum Einsatz kommen. Das ist bei „echtem“ Leder nicht immer garantiert.

Gelatex Leder Gelatine
Das Leder von Gelatex soll so aussehen und sich anfühlen wie herkömmliches Leder. (Foto: © Liisi Sepp / Gelatex)

Zwar ist die Tierhaut, aus der herkömmliches Leder hergestellt wird, eigentlich auch ein Abfallprodukt. Da die Nachfrage nach Leder jedoch sehr hoch ist, stammt nicht mehr jede verarbeitete Tierhaut aus Schlachtabfällen, sondern es werden Tiere extra hierfür getötet.

Giftige Stoffe in der Lederproduktion

Leder wird in der industriellen Massenfertigung außerdem mit hochgiftigen Substanzen behandelt. Für die Produktion eines Quadratmeters Leder werden laut Gelatex etwa 2,5 Kilogramm toxische Chemikalien eingesetzt. Darunter Chromsalze und Arsen, eines der giftigsten Elemente, die es gibt.

Die Lederproduktion ist damit eine große Belastung für die Umwelt – ganz zu schweigen von den gesundheitlichen Schäden für die Arbeiter, die regelmäßig mit den giftigen Stoffen in Berührung kommen. Ein großer Teil der Lederproduktion findet in Billiglohn-Ländern wie Bangladesch statt, wo es kaum wirksame Arbeitsschutzbestimmungen gibt.

Dreimal mehr Leder

Gelatex verzichtet bei der Produktion komplett auf toxische Stoffe. Außerdem soll die Herstellung weniger Wasser verbrauchen als eine herkömmliche Gerbung. Indem das Start-up auf Gelatine zurückgreift, kann es nach eigenen Angaben dreimal mehr Leder aus einem Tier herstellen, als es bei der herkömmlichen Produktion möglich ist. So lässt sich das Leder preiswert in großen Mengen produzieren.

Gelatex ist noch nicht auf dem Markt

Gelatex Leder Gelatine
Gelatex-Leder aus Gelatine. (Foto: © Liisi Sepp / Gelatex)

Bislang ist das Leder aus Gelatine noch nicht offiziell auf dem Markt. Gelatex ist derzeit dabei, Kollaborationen mit Designern und Modemarken aufzubauen. Die erste „Kollektion“ an Gelatex-Produkten will das Start-up im Herbst entwickeln.

Utopia meint: Die Idee von Gelatex ist kontrovers. Es bleibt nach wie vor problematisch, Leder aus Tierprodukten herzustellen. Inzwischen gibt es einige nachhaltige vegane Alternativen, wie beispielsweise Leder aus Ananas. (Mehr Informationen dazu in unserem Beitrag „Kork, Pilz, Ananas: Daraus besteht veganes Leder“).

Falls sich das Konzept von Gelatex durchsetzen und zu einer großen Nachfrage nach Fleischabfällen führen sollte, könnte sich ein neuer Markt für Schlachtreste auftun. Am Ende wäre man wieder dort angekommen, wo man jetzt mit der herkömmlichen Lederproduktion steht: bei der Tötung von Tieren extra für Leder.

Trotzdem ist das Konzept von Gelatex ein Fortschritt gegenüber der herkömmlichen Lederproduktion, wie sie derzeit üblich ist – vor allem wenn die Gelatine tatsächlich nur aus solchen Fleischabfällen stammt, die sonst im Müll landen würden. Je mehr von den Tieren, die ohnehin geschlachtet werden, verwertet wird, desto nachhaltiger. Auch der Verzicht auf toxische Substanzen ist lobenswert. Wir werden Gelatex auf jeden Fall im Auge behalten.

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(5) Kommentare

  1. Ob Haut oder „Schlachtabfälle“: Das Tier wurde für menschliche Bedürfnisse geboren, hat dann mehr oder weniger gelitten und wurde dann getötet. Im Hinblick auf den Zustand der Erde ist die Nutzung von Tieren (ohne tatsächliche Not) nicht mit dem Begriff der Nachhaltigkeit vereinbar. Ich freue mich über jede Idee, die ohne die Nutzung von Tieren auskommt.

  2. In Anbetracht der Zahlen frage ich mich, wie lange es dauert, bis endlich wir wiederverwertet werden, anstatt auf der Deponie zu landen, oder thermisch entsorgt zu werden.
    Muss ja nicht „soylent green“ sein, aber so was wie Gelatine und Biogas ginge doch , auch wenn das sicherlich hier wieder mal auf grosse Sensibilität stösst.
    Auf jeden Fall ist eine Tierhaltung mit derartigem Umfang wie bislang völlig absurd und führt in den Untergang, damit sehe ich diesen Ansatz auch sehr zweifelnd.
    Konsequenter und technisch einfacher wäre alle Abfälle zur Biogas-Herstellung zu nutzen.

  3. Interessante Idee …
    Und wie schon erwähnt, ist Gelatex immer noch ein tierisches Produkt.
    Was aber wird mit dem nicht mehr gebrauchten Leder passieren? Einfach nur entsorgt bestimmt nicht.

  4. Ich finde es sehr schade, dass die Berichte über Lederersatzstoffe vor Stereotypen triefen. Ich selbst bin Ledertechniker und somit jemand, der sich regelmäßig mit diesen Mythen konfrontiert sieht.
    Zunächst einmal wird in Europa kein Rind der Haut wegen geschlachtet. Die Haut kauft man gesalzen, gereinigt und getrimmt für 90 bis 120 €. Ein junges Rind kostet auf einer Auktion ab 1500 €. Allein die Milch bringt ein Vielfaches dessen, was der Landwirt mit der Haut erlöst.
    Ebenso ist die Rede von toxischen Stoffen wie Blei und Arsen. Das dies teilweise eingesetzt wurde ist richtig, ebenso Arsen. Allerdings in einer Zeit (Anfang des letzten Jahrhunderts) als Wasserleitungen in der Regel aus Blei waren und Arsen einen Teil der Schulmedizin ausmachte. Es fehlte eigentlich noch Milzbrand, damals ebenfalls ein riesiges Problem – verstärkt durch die Lederindustrie -, welches bis heute in einigen Regionen Probleme bereitet, obwohl es dort seit fast einhundert Jahren keine Gerbereien mehr gibt. Auch das in der Gerbung eingesetzte Chrom(VI) von damals hat mir dem heutigen fast nichts mehr gemein – Chrom(III), welches nichteinmal mehr gekennzeichnet werden muss.
    Besonders amüsant finde ich aber das Produkt ansich. Bei der Herstellung von Leder fällt ein Abspalt und Leimleder an. Der Abspalt wird je nach Marktlage entweder gegerbt oder er kommt zusammen mit dem Leimleder in die Gelatine-/Kollagengewinnung, teilweise in die Biogasanlage. Wird nun aus dieser Gelatine Leder gewonnen hat man zusätzlich zu den sowieso schon üblichen Schritten der Ledererzeugung noch den des Zusammenführens, welcher nicht durch freundliches Bitten vonstatten geht. Auch ist mir nicht klar, warum die Gerbung des Gelatex besser sein sollte als die von Haut. Der chemische Prozess ist absolut identisch.
    Des Weiteren wäre es meiner Ansicht nach für die Lederindustrie mal ganz gut, wenn die Schlachtzahlen wieder heruntergingen, die Landwirt nicht nach Masse sondern nach Klasse entlohnt würden und dann der Verbraucher wieder gezwungen wäre, mehr Geld für ein Produkt in die Hand zu nehmen und besser mit diesem hauszuhalten, anstatt jedes Jahr 5 neue Gürtel und 3 Paar Schuhe zu kaufen. Denn gerade dieses Kaufverhalten ist es, was die Betriebe dazu veranlasst, billig zu produzieren und Nachhaltigkeit mit Füßen zu treten. Übrigends geschieht dies nicht nur beim Leder, ebenso beim „veganen Leder“, bei der Baumwolle, etc. Da wo es Geld zu verdienen gibt, kommt immer jemand, der etwas weiter geht.

  5. Danke für diese differenzierte Betrachtung die bestätigt, was ich als Laie auch im Kopf hatte: Wegen Leder wird kein Tier geschlachtet.

    Warum eigentlich dieses entweder-oder Ding?
    Ich finde es eine gute Sache, wenn aus Fleischabfällen, so sie nicht sowieso schon anderweitig verarbeitet werden Gelatine für Leder erzeugt wird.
    Und ich finde es nach wie vor sinnvoll, Leder von sowieso geschlachteten Tieren zu verarbeiten.
    Ich finde auch entscheidend, wie die Tiere gehalten wurden, wie der Bauer entlöhnt wurde, welche ökologischen und gesundheitlichen Probleme auftreten können…unabhängig, ob Leder, Gelatine oder Ananas…

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