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Meditation kann auch schaden: Die Risiken von Achtsamkeitspraktiken

Achtsamkeit Meditation
Foto: CC0 / Unsplash - JD Mason / Adrian Swancar

Achtsamkeit und Meditation können hilfreich sein, doch sie haben auch Schattenseiten. Eine Psychologie-Professorin erklärt, welche Fallen es gibt und welche Personen besonders vorsichtig sein sollten.

Um dem Alltagsstress und anderen möglichen psychischen Problemen entgegenzuwirken, setzen viele Menschen auf Meditation und schwören auf die positive Wirkung eines achtsamen Lebensstils, die durch Studien zum Teil auch wissenschaftlich belegt ist. Doch in einem Interview mit dem Spiegel warnt Psychologie-Professorin Ramani Durvasula, Achtsamkeit könne bei bestimmten Personengruppen unerwünschte Nebenwirkungen haben.

Narzisst:innen könnten etwa in eine „Tyrannei des Wohlbefindens“ verfallen und entsprechende Praktiken nutzen, um andere abzuwerten. Bei traumatisierten Menschen hingegen drohe Meditation Angstzustände hervorzurufen.

Vorsicht vor „achtsamen“ Narzisst:innen

Narzissmus ist ein Persönlichkeitsstil, der laut Durvasala unter anderem durch einen hohen Selbstanspruch, der Suche nach Bestätigung und Ich-Fixiertheit gekennzeichnet ist. Darüber hinaus trügen Narzisst:innen in der Öffentlichkeit eine „Maske“, die sich von ihrer privaten Seite unterscheidet und mitunter grausam, gefühllos und manipulativ sein kann.

Narzisstische Menschen ließen sich oft nur sehr oberflächlich auf Dinge ein, erklärt Durvasula. Anstatt das Gelernte wirklich ins eigene Leben zu integrieren, übten sie Achtsamkeit und Meditation mitunter deshalb aus, um ihre eigene Überlegenheit zum Ausdruck zu bringen. „In den sozialen Medien schwärmen sie von ihrer Meditation, in Wahrheit aber bleibt Verachtung und das Gefühl der Überlegenheit,“ so die Psychologin.

Die narzisstische Person könne „diese Wellnesspraktiken hervorragend als Waffe einsetzen“, um andere zu beschämen oder unter dem Vorwand der Selbstfürsorge familiäre Pflichten zu vernachlässigen. Die Mitmenschen könnten dagegen nichts unternehmen, „weil ihnen die Gesellschaft sagt: Achtsamkeit und Meditation sind gut. Was sollen sie also dagegen einwenden, wenn jemand für sich selbst sorgt?“

Andererseits hätten Narzisst:inen einen Hang zur Frustration, da sie Achtsamkeitspraktiken teils als Allheilmittel betrachten. Wenn die entsprechenden Methoden nicht zum Erfolg führen, heißt es: „Ich tue alles, ich mache Sport, ich meditiere – warum geht es dann nicht aufwärts?“, sagt Durvasula.

Auch traumatisierten Menschen kann Meditation schaden

Doch Narzissmus sei nicht der einzige Grund, warum Meditation auch negative Folgen haben kann. „Man weiß inzwischen, dass bei solchen Übungen etwa Hypererregung oder Dissoziationen auftreten können.“ Bei einer Dissoziation handelt es sich um einen Zustand, bei dem man das eigene Bewusstsein als vom Körper getrennt erlebt. Leichte Dissoziationen geschehen alltäglich, etwa wenn man hochkonzentriert ist und alles um sich herum ausblendet. Dissoziationen können aber auch unangenehm sein, etwa wenn sie Vergesslichkeit hervorrufen oder die Beziehung zwischen Ich und Umwelt dadurch als gestört wahrgenommen wird.

Einem Menschen mit traumatischer Vorgeschichte, der sehr ängstlich ist, würde Durvasula daher keine Empfehlung zur Meditation geben: „Ich würde klarmachen, dass man aufhören kann und sollte, wenn das Meditieren überfordert oder Angst hervorruft“, erklärt sie.

Das heißt aber nicht, dass traumatisierte Menschen grundsätzlich nicht meditieren sollten. Laut einer Studie von 2022 aus der Fachzeitschrift Jama Psychiatry kann Meditation auch dabei helfen, Angstzustände abzubauen. Ob Achtsamkeitspraktiken helfen oder schaden, hängt laut Durvasula von der Vorgeschichte und der Persönlichkeit der jeweiligen Person ab.

Alternativen zur Meditation

Statt zu meditieren, empfiehlt Durvasala jenen Personen, für die Meditation unangenehm ist, sich auf andere Weise auf die Gegenwart zu konzentrieren: „Basteln oder Backen oder etwas anderes, das zwar sinnlich ist, aber vielleicht keine so anregenden Geisteszustände erzeugt.“

Narzisst:innen sollten hingegen Praktiken üben, die die Verbindung mit anderen Menschen stärken: etwa im Gespräch mit anderen das Handy wegzulegen, Blickkontakt herzustellen und aufmerksam zuzuhören.

Menschen wünschten sich schnelle Antworten für ihre Probleme und würden deshalb oft bei Achtsamkeit und Meditation landen. Diese „TikTokifizierung psychischer Gesundheit“ hält Durvasula jedoch für problematisch. Achtsamkeitspraktiken seien nur „ein Werkzeug von vielen“. Zwar können sie positive Effekte haben, benötigen aber dennoch eine gewisse Vorsicht.

Hinweis: Wer sich psychisch belastet fühlt, kann etwa bei der Telefonseelsorge Hilfe finden: Unter der Telefonnummer 0800/1110111 oder 0800/1110222. Alternativ gibt es das Chat-Angebot unter: online.telefonseelsorge.de 

Verwendete Quelle: Spiegel, Jama Psychiatry

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