Ein Jahr „Bio-Helden“: Penny-Kunden akzeptieren krummes Gemüse

Bio-Helden Kartoffeln
Foto: Penny

Ein Jahr nach der Einführung von „krummem Gemüse“ mit Makeln und Fehlern zieht die Supermarktkette Penny eine Bilanz ihrer „Naturgut Bio-Helden“ – interessant ist, dass sich Konsumenten überraschend anders entschieden haben.

Die Lebensmittelverschwendung ist inzwischen so groß, dass umgerechnet auf ein Jahr alle bis Anfang Mai produzieren Lebensmittel vernichtet werden. Einer der Gründe dafür: Der Handel nimmt nur formschönes und makelloses Gemüse ins Sortiment – angeblich, weil Kunden nur dieses kaufen würden.

Ist aber nicht so. So nahm der Discounter Penny vor einem Jahr die „Naturgut Bio-Helden“ ins Sortiment auf – krumme Gurken, seltsam geformte Kartoffeln, verfärbte Zitronen und unförmige Karotten (siehe Penny verkauft krummes Gemüse) – und zog jetzt eine überraschend positive Bilanz.

Pennys Bio-Helden: dürfen auch mal Macken haben

Die „krummen Bio-Helden“ sind keineswegs billiger als normales Gemüse – doch die Kunden scheint das nicht zu stören: Die verkauften Mengen stiegen nach Penny-Angaben um beinahe 7,5 Prozent, der Discounter erhöhte daher die Anzahl des „krummen Gemüses“ von 13 auf aktuell 21 Sorten, inklusive regionaler und saisonaler Artikel.

Die Kunden nahmen dem Obst und Gemüse ihren Makel nicht nur nicht krumm, sie kauften sogar mehr davon und sorgten für Wachstum bei verkauften Bio-Gurken (+53%), Bio-Paprika (+52%), Bio-Kiwi (+32%) und Bio-Rispen-Tomaten (+24%), die trotz „Schönheitsfehlern“ mehr denn je genommen wurden.

Bio-Helden dürfen Macken haben
Bio-Helden dürfen Macken haben (Foto: © Penny)

Typische Schönheitsfehler:

  • Krumme Kartoffeln sind nicht oval, wachsen manchmal um Hindernisse im Erdreich herum.
  • Auch Karotten bilden auf diese Weise mal mehr als eine Wurzel. Wegen ihrer Form brechen Karotten auch mal bei der Ernte, was aber ihrem Geschmack und ihrer Haltbarkeit nicht schadet.
  • Bio-Helden-Gurken sind krummer als andere, gelbe und rote Paprika zeigen grüne Verfärbungen, die auf den Reifungsprozess zurückgehen.
  • Gleiches gilt für den sogenannten „Reissverschluss“ bei Rispen-Tomaten, einem vernarbten Riss.
  • Bio-Zitronen sollen gelb sein – aber sie sind auch schon im grünen Zustand reif. Bei den Bio-Helden teilen sich außerdem große und kleine Zitronen ein Netz.

Penny hat passend dazu eine Website mit Rezepten gegen Verschwendung eingerichtet.

Heimischer Handel profitiert

Der Handel mit nicht auf Perfektionismus getrimmtem Obst und Gemüse hat positiven Einfluss auf heimische Erzeuger. „Wegen der Abhängigkeit von Natur und Wetter und wegen des Verzichts auf den chemisch-synthetischen Pflanzenschutz und leicht lösliche Düngemittel können wir die äußerlich makellose Frucht nicht produzieren“, so Dr. Andreas Mager, Chef des Naturhofs Wolfsberg, wo nach Naturland-Kriterien angebaut wird. „Dank des Konzepts der Bio-Helden können wir nun auch Kernobst mit Schönheitsfehlern zu einem angemessenen Preis vermarkten. Zugleich sinkt der Sortieraufwand deutlich.“

Krummes Gemüse: würde oft einfach aussortiert
Krummes Gemüse: würde oft einfach aussortiert (Foto: Penny)

Die Bio-Helden schafften es sogar in den WWF-Bericht „Kleine Makel – große Folgen“ (PDF). Der WWF zeigt darin am Beispiel der Kartoffel auf, welche Probleme mit Verschwendung schon in der Lieferkette entstehen. Der Bericht fordert den Handel auf, mehr Verantwortung für die ihm vorausgehende Lieferkette zu übernehmen und die Wertschätzung von Lebensmitteln zu fördern. „Das Programm [von Penny] ist erfolgreich und sollte Nachahmer finden“, heisst es im Bericht.

Das Beispiel Penny zeigt in jedem Fall auch, dass wir Verbraucher sehr wohl bereit sind, Obst und Gemüse zu kaufen, das äußerlich nicht ganz der Norm entspricht. Vielleicht nicht alle, aber durchaus viele.
Das Beispiel Penny zeigt in jedem Fall auch, dass wir Verbraucher sehr wohl bereit sind, Obst und Gemüse zu kaufen, das äußerlich nicht ganz der Norm entspricht. Vielleicht nicht alle, aber durchaus viele. (Foto: © Penny)

Saisonales Gemüse kann länger Saison haben

Krummes Gemüse zu vermarkten, wie das etwa auch Etepetete tut, ist nicht nur eine Mode, sondern hat auch positive Nebeneffekte. So müssen Landwirte aussortiertes Obst und Gemüse normalerweise unter typischen Preisen an die Futtermittelindustrie verkaufen oder entsorgen. Das macht es für sie schwerer, kostendeckend zu arbeiten. Auch werden auf diese Weise oft Lebensmittel verschwendet.

Wenn mehr unschönes Obst und Gemüse in den Handel gelangt, haben wir länger etwas davon. Ein Beispiel sind Kartoffeln: „Immer wieder bildet sich da während der Lagerung Silberschorf“, so Franz Westhues, Geschäftsführer der Marktgenossenschaft der Naturland-Bauern. „Der ist zwar gesundheitlich völlig unbedenklich, führte aber in der Vergangenheit dazu, dass Ware aussortiert werden musste.“ Würde man diese Kartoffeln nicht aussortieren, könnte man Kartoffeln aus Deutschland ganzjährig verkaufen.

Bio-Helden: da dürfen die Kartoffeln auch mal Macken haben
Bio-Helden: da dürfen die Kartoffeln auch mal Macken haben (Foto: Penny)

Auch deutsche Äpfel könnten länger Saison haben. „Durch Frost während der Blütezeit wird in diesem Jahr der Anteil an Obst mit optischen Mängeln deutlich höher sein als in den vorherigen Jahren“, sagt Stephan Jehle von Obst vom Bodensee. Normalerweise würde man die weniger schönen Äpfel aussortieren, doch dank Bio-Helden ist das nicht mehr nötig. Jehle vermutet, dass auf lange Sicht bis zu 20 Prozent mehr Äpfel über Penny verkauft werden könnten.

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(4) Kommentare

  1. Richtig so.
    Als ich Kind war gab es Karotten, die waren krumm. Und? Es waren die selben Nährstoffe drin, genauso gesund, es gab nichts anderes. Und heute?
    Die Banane ist nicht grün, die ist schlecht, weg damit…..
    Traurig….

  2. Meine Kinder freuen sich über kleine Kartoffeln, doppelte Auberginen und lustig geformte Karotten aus der Etepetete-Kiste. Unser Fazit: Jede Woche stützen sich die Kinder auf die Kiste und sind gespannt, was nun wieder für lustige Früchte drin sind. Damit steigern wir die Achtsamkeit unserer Kinder und bringen sie sogar freiwillig dazu, das Gemüse aufzuschneiden und mit Genuss und Neugier zu Verspeisen.

  3. Wir sind bei der solidarischen Landwirtschaft dabei und bekommen auch krummes Gemüse und es stört niemanden. So ist es ja eigentlich auch vom Ursprung her und erst die EU wollte unbedingt gerade Gurken.

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