Buch-Tipp: „Nachruf auf mich selbst“ von Harald Welzer

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Foto: Annika Reketat

In seinem neuen Buch plädiert Bestseller-Autor Harald Welzer für eine „Kultur des Aufhörens“. Denn im Angesicht des Klimawandels und anderer gegenwärtiger Herausforderungen ist eines klar: Es kann nicht weitergehen wie bisher.

Der Klimawandel schreitet voran, Ökosysteme drohen zu kollabieren und natürliche Ressourcen werden ausgeschöpft, damit die Hyperkonsumgesellschaft mit den neuesten Produkten versorgt werden kann. Trotzdem lautet die Devise in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft noch immer „weiter so“.

Wie absurd und kontraproduktiv es ist, die Herausforderungen unserer Zeit mit genau den Methoden anzugehen, die sie verursacht haben, zeigt Publizist und Sozialpsychologe Harald Welzer in seinem neuen Buch „Nachruf auf mich selbst“. Was es laut Welzer stattdessen bräuchte, ist eine „Kultur des Aufhörens“.

Das (uneingestandene) Problem der Endlichkeit

Autor Harald Welzer beschreibt, warum Aufhören wichtig für die Zukunft ist.
Autor Harald Welzer beschreibt, warum Aufhören wichtig für die Zukunft ist. (Foto: Annika Reketat)

Statt weiter dem Optimierungs- und Expansionsdrang des wachstumskapitalistischen Kulturmodells zu folgen, sieht Welzer den Moment gekommen, um mit dem Aufhören zu beginnen. Denn nur wenn wir uns die Grenzen von Wachstum und Innovation eingestehen und eine Strategie des Aufhörens entwickeln, können wir Katastrophen wie Klimawandel und Umweltzerstörung als das begreifen und bekämpfen, was sie sind: Endlichkeitsphänomene.

Welzer belegt die Endlichkeitsproblematik gleich zu Beginn von „Nachruf auf mich selbst“ mit eindringlichen Zahlen: „Die Masse der von Menschen hergestellten Objekte hat sich seit 1900 etwa alle 20 Jahre verdoppelt. Im Jahr 2020 hat die tote Masse die Biomasse erstmals übertroffen. Die Biomasse aller Wildtiere ist in den letzten 50 Jahren dagegen um mehr als vier Fünftel geschrumpft“.

Verfolgt das gegenwärtige Kulturmodell des Wachstumskapitalismus diesen Trend weiter, wird es unsere eigenen Daseinsvoraussetzungen konsumieren. Denn: Die menschengemachte „tote“ Masse an Objekten wächst stetig weiter. Und weil dafür Biomasse wie Wälder, Böden und Gewässer als Ressourcen aufgewendet werden müssen, zerstört sie dabei nicht nur ihre Grundlage, sondern zwangsläufig auch unsere.

Auch scheinbar nachhaltige Innovationen wie E-Autos deklariert der Autor daher als widersprüchlich und als Symptom eines Wirtschaftssystems, das Umweltbewusstsein zur Ware macht. Schließlich sei es irrational, immer neuere und „bessere“ Technologien zu entwickeln, wenn deren „Klimafreundlichkeit“ den Verbrauch an Ressourcen, die in ihre Herstellung fließen, gar nicht oder erst in einer hypothetischen Zukunft aufwiegen können, wenn es womöglich schon zu spät ist. Nachhaltiger wäre es, einfach weniger Aufwand in die Herstellung von notwendigen Produkten zu stecken und generell weniger zu produzieren.

Wachstumskapitalismus als Kulturmodell: Warum es so schwerfällt, aufzuhören

Das gegenwärtige Kulturmodell stößt also an objektive Grenzen, nämlich an seine eigene Endlichkeit. Dennoch fällt es uns schwer, einen anderen Weg einzuschlagen als den, der auf mehr Wachstum und Optimierung hinauslaufen soll. Im ersten Abschnitt von „Nachruf auf mich selbst“ beschäftigt sich Welzer mit den Ursprüngen und Dimensionen dieses Unvermögens, aufzuhören.

Er stellt neben wirtschaftshistorischen, philosophischen und soziologischen vor allem zivilisationstheoretische Positionen vor. Sie helfen zu verstehen, warum wir mit dem Anerkennen von Grenzen und dem Gedanken ans Aufhören so hadern. Ersichtlich wird daraus, dass Wachstum, Fortschritt und Optimierung nicht nur marktwirtschaftliche und technologische Ziele sind, sondern auch kulturelle Ideale. Deswegen spricht Welzer vom „Kulturmodell“ des Wachstumskapitalismus. In diesem Kulturmodell beeinflussen solche Ideale unsere Denkmuster und leiten unser Handeln an. Lange Zeit hat dies eine Entwicklung hin zu Wohlstand (vor allem in westlichen Industrieländern) zuverlässig angetrieben. Umso schwieriger ist es laut Welzer daher, nun zu begreifen, dass Wachstum endlich ist und man das Optimieren, Innovieren und „weiter so“ eigentlich aufgeben müsste.

Das Aufhören lernen: Nachruf auf uns selbst

Im zweiten Teil von „Nachruf auf mich selbst“ stellt Welzer Menschen vor, die sich professionell, künstlerisch und persönlich mit erfolgreichem Aufhören und Scheitern beschäftigen. Von Bergsteiger Reinhold Messner, für den beim Klettern das Aufhörenkönnen lebenswichtig ist, bis zu einer Sterbebegleiterin, die das Eingeständnis der eigenen Endlichkeit als Voraussetzung versteht, um das Leben gut und bewusst zu leben.

Mithilfe der gesammelten Erkenntnisse nähert sich Welzer einer Kulturtechnik des Aufhörens an: Denn wie alles andere muss auch das Aufhören gelernt werden. Aufhören erfordert Reflektion und Bewusstsein sowie strategisches Vorgehen. So müssen wir den Moment erkennen, an dem die eingeschlagene Richtung ins Falsche zu laufen droht – und dann einen entsprechenden Kurswechsel vornehmen können. Fehler sind dabei unvermeidlich und sogar produktiv, da sie Lernprozesse antreiben.

Als praktische Übung, mit der wir eine „Kultur des Aufhörens“ schaffen können, schlägt Welzer vor, „Nachrufe auf uns selbst“ zu verfassen. Damit meint er keine Nachrufe, die sich auf das eigene Ende beziehen, sondern Nachrufe auf das noch zu lebende Leben. Wenn wir uns die Fragen stellen, wie wir gelebt haben wollen und wer wir gewesen sein möchten, dann erlaubt uns diese Rückschau aus einer imaginierten Zukunft, das Jetzt bewusst zu gestalten. Es würde uns leichter fallen, die im kulturellen Unterbewusstsein verankerten Ideale des Wachstums und Fortschritt zu hinterfragen und stattdessen zu erkennen, was im Leben wirklich wichtig ist.

Im letzten Teil seines Buchs stellt Welzer dann seinen eigenen Nachruf auf sich selbst vor.

Fazit: „Nachruf auf uns selbst“ verhilft zu Perspektivenwechsel

Empfehlenswert für alle, die Öko-Kapitalismus kritisch betrachten: "Nachruf auf mich selbst" rechnet mit scheinbar "grüner" Innovation ab.
Empfehlenswert für alle, die Öko-Kapitalismus kritisch betrachten: „Nachruf auf mich selbst“ rechnet mit scheinbar „grüner“ Innovation ab. (Foto: Annika Reketat)

„Nachruf auf mich selbst“ bietet keine neuen Erkenntnisse aus der Wissenschaft, mithilfe derer Welzer das Umweltbewusstsein bilden möchte. Stattdessen nimmt er eine Neubewertung dessen vor, was in unserer Gesellschaft besonders seit dem Aufstieg des Wachstumskapitalismus verpönt ist: das Aufhören, Scheitern, Anerkennen von Grenzen und Machen von Fehlern.

So verhilft „Nachruf auf mich selbst“ zu einem notwendigen Perspektivenwechsel. Welzer vermag es, den Leser:innen auf unterhaltsame Weise und gleichermaßen anhand von Forschung und persönlichen Anekdoten begreiflich zu machen, dass wir den unerschütterlichen Glauben an ein „weiter so“ aufgeben sollten. Stattdessen plädiert er für mehr Realismus und Handeln im Jetzt. Auch wenn das heißt, erst mit etwas aufzuhören, um neu beginnen zu können. „Nachruf auf mich selbst“ ist somit unbedingt lesenswert.

Eckpunkte:

  • Erscheinungsdatum: 06.10.2021
  • Verlag: S. Fischer
  • Seiten: 288
  • Preis: 22€ (gebundene Ausgabe)

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