Intuition: Woher das Unbewusste kommt und wieso es wichtig ist

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Einfach auf dein Bauchgefühl hören? In unserer rationalen Welt genießen Emotion und Intuition häufig noch wenig Ansehen. Doch das Unterbewusstsein kann uns dabei helfen, die richtige Entscheidung zu treffen.

Was Intuition wirklich bedeutet

Kennst du dieses Gefühl, dass du scheinbar ohne rationalen Grund zu wissen scheinst, was die richtige Entscheidung ist? Das umgangssprachliche Bauchgefühl genoss lange Zeit kein Ansehen in der Psychologie, sondern wurde als etwas abgetan, dem nur Künstler und Dichter vertrauten. Erst der Psychiater Carl Gustav Jung und die Psychologin und Psychotherapeutin Ruth Cohn widmeten sich dem Phänomen der Intuition aus wissenschaftlicher Perspektive.

Für Jung ist die Intuition eine von vier psychischen Fähigkeiten des Menschen neben dem Empfinden, sprich der Sinneswahrnehmung, dem Denken und dem Fühlen, so berichtet es ein Artikel der Zeitschrift für gestalttherapeutische Psychotherapie. Dabei charakterisieren die beiden Wissenschaftler das Phänomen der Intuition durch einige Merkmale:

  • Intuition besitzt eine gewisse Plötzlichkeit, sie tritt sozusagen ohne Vorwarnung und sehr überraschend auf.
  • Sie verleiht uns ein Gefühl von Gewissheit.
  • Intuition stammt aus dem Unbewussten: wenn wir eine solche Eingebung haben, geschieht das nicht bewusst und wir wissen nicht, wo dieses Bauchgefühl herkommt.

Laut Cohn ist Intuition die einzigartige und komplizierte Fähigkeit zur spontanen Erkenntnis. Wörtlich aus dem Lateinischen übersetzt bedeutet Intuition eigentlich „Nach innen schauen“. In einer Reportage des BR erläutert Prof. Dr. Joachim Bauer, wie genau das neurobiologisch abläuft: Er bezeichnet Intuition als eine biologische Resonanz. Dabei nimmt unser Gehirn zum größten Teil unbewusst Mimik, Gestik und den Gefühlszustand unseres Gegenübers wahr. Sogenannte Spiegelnervenzellen erzeugen dann die Resonanz. Sie helfen dir, intuitiv den Gefühlszustand deines Gegenübers zu spüren und erzeugen dann einen ähnlichen Gefühlszustand in dir. Dabei laufen die intuitiven Prozesse um einiges schneller ab als die rationale Verarbeitung des Gehirns.

Ist Intuition gleich Intuition?

Wo wird der Ball ungefähr landen? Das wissen wir intuitiv aus unserer Erfahrung.(Foto: CC0 / Pixabay / Karsten_Kettermann)
Wo wird der Ball ungefähr landen? Das wissen wir intuitiv aus unserer Erfahrung.

Intuition hat viele Formen. Sie kann uns eine plötzliche Erkenntnis verschaffen, uns zur Einsicht bringen, uns eine Interpretation einer Sache oder Situation liefern oder uns sogar Vorahnungen geben. Wir finden intuitiv kreative Problemlösungen, erfassen Situationen intuitiv und handeln unbewusst entsprechend.

Bei der Intuition geht es um ein Gesamtbild. Einzelne Details treten in den Hintergrund. Nehmen wir als Beispiel eine Freundin: Dein Gespür sagt dir, sie ist gerade traurig oder verärgert. Du analysierst nicht erst einzelne Teiles ihres Gesichtsausdrucks, ihre Körperhaltung oder ihre Stimme. Diese Dinge nimmst du unbewusst wahr- und deine Intuition bildet aus allen Details zusammen dann ein Gesamtbild.

Auch im Sport spielt Intuition eine wichtige Rolle. Egal ob Judo oder Basketball, überall treffen Sportler intuitive Entscheidungen. Wenn beispielsweise ein Ball über das Spielfeld fliegt, spielt Logik und rationales Denken keine Rolle. Denn mit rationalem Denken müsstest du die Flugbahn des Balls berechnen und dabei noch Luftwiderstand, Schwerkraft und einige andere Variablen beachten. Und das dauert. Warum fangen Spieler dann trotzdem den Ball? Die Antwort könnte Intuition lauten: Aus ihrer Erfahrung wissen sie ziemlich genau, wie sich ein fliegender Ball verhält und handeln unbewusst danach.

Solche Intuitionen folgen oft sogenannten Heuristiken, also einfachen Faustregeln, die wir unbewusst abgespeichert haben. Auf die Frage, ob Detroit oder Milwaukee größer sei, antworteten fast alle deutschen Schüler mit der richtigen Aussage „Detroit“.  Amerikanische Schüler antworteten nur zu 60 Prozent richtig. Warum? Weil die deutschen Schüler wenig bis nichts über die beiden amerikanischen Städte wussten. Sie konnten sich also nur auf die Faustregel verlassen: „Eine Stadt, von der ich schon gehört habe, muss größer sein als eine, deren Namen ich noch nie gehört habe.“ Das beschreibt der Psychologe Gerd Gigerenzer in seinem Buch „Bauchentscheidungen„, in dem du weitere solche Beispiele findest.

Wann solltest du auf deine Intuition vertrauen?

Wann sollten wir unserem Bauchgefühl Vorrang geben?(Foto: CC0 / Pixabay / congerdesign)
Wann sollten wir unserem Bauchgefühl Vorrang geben?

Eine überlegte, bewusste Entscheidung treffen oder auf das Bauchgefühl vertrauen? Darum streiten sich Wissenschaftler schon seit Jahren. Viele Untersuchungen kommen zum Ergebnis, dass Menschen mit unbewussten und intuitiven Entscheidungen zufriedener und optimistischer sind.

Das beweist zum Beispiel ein Experiment, bei dem sich die Versuchsteilnehmer*innen ein Poster aussuchen sollten. Die eine Gruppe sollte erst beschreiben, was ihnen an den zur Auswahl stehenden Postern jeweils ge- und missfiel und sich dann für ein Poster entscheiden. Die andere Gruppe sollte einfach auf ihr Bauchgefühl vertrauen. Das Ergebnis: Nach vier Wochen wurden die Teilnehmer*innen nochmal gefragt, wie ihnen das Poster gefiel. Die Gruppe, die spontan nach Bauchgefühl entschieden hatte, war deutlich zufriedener, als die, die erst Bewertungen vorgenommen hatten. Beschrieben hat es zum der Psychologe Gerd Gigerenzer.

Bei einem Verkauf einer griechischen Statue in den 1980er Jahren erkannten Kunstkenner dank ihres Bauchgefühls, dass es sich um eine Fälschung handelte. Monatelange wissenschaftliche Analysen konnten dies zuvor jedoch nicht aufdecken.

Was lässt sich daraus jetzt für dich ableiten? Unser Denken ist wie eine Bühne mit Scheinwerferlicht. Unser bewusstes Denken macht einen winzigen, erleuchteten Fleck aus in der Menge an Prozessen, die in unserem Gehirn ablaufen. Die Stärke des bewussten Denkens ist die Präzision, es funktioniert sehr exakt und fokussiert. Das Unbewusste, Intuitive ist viel ungenauer, zieht dabei aber das Gesamtbild in Betracht. Das heißt, gerade in komplexen Situationen wo du nicht alles durchdenken kannst, kann eine intuitive Entscheidung häufig die bessere sein.

Wie gut unsere Intuition funktioniert, hängt aber auch von unseren Erfahrungen ab. In einem Gebiet, in dem wir viel Wissen besitzen, fallen uns intuitive Entscheidungen leichter. Bei Themen, über die wir nur wenig wissen, kann uns unsere Intuition schnell in die Irre leiten. Dann sollten wir lieber auf unseren Verstand zurückgreifen.

Und warum nicht beides kombinieren? Häufig kannst du deine Intution anregen, indem du bewusst analysierst und bewertest. Schreibst du beispielsweise eine Pro-und-Contra-Liste über eine Entscheidung, die du treffen musst, dann frage dich am Ende, was dein Bauchgefühl dazu sagt: Fühlt sich das Endergebnis der Liste auch richtig für dich an?

Ist Intuition erlernbar?

Intuition entsteht nicht aus dem leeren Raum heraus, sie ist nicht einfach da. Laut der Psychologin Ruth Cohn basiert Intuition auf verschiedenen Faktoren:

  • Der Klarheit der Wahrnehmungen
  • Der ausreichende Speicherung entsprechender Fakten
  • Dem geschulten Denken
  • Den unblockierten, wachen Gefühlen.

Zugegeben, im ersten Moment klingt das eher schwammig. Eines lässt sich daraus aber eindeutig ableiten: Intuition ist nur zum Teil angeboren, zu größten Teil entsteht sie aber aus den Erfahrungen, die wir in unserem Leben gemacht haben. So berichtet es auch ein Artikel von Zeit Online. Intuition ist das Ergebnis von Wissen, das tief im Gehirn verankert ist, einem klaren und offenen Zugang zu unseren Gefühlen, einer präzisen Wahrnehmung und den Erinnerungen und Erfahrungen, die wir im Leben gesammelt haben.

Daraus lässt sich ableiten, wie wir Intuition fördern und trainieren können:

  • Für Intuition braucht es einen ruhigen, entspannten und offenen Geist.
  • Du musst unvoreingenommen und engagiert sein, also auch bereit, dich in dein Bauchgefühl einzufühlen.
  • Deine Intuition ist abhängig vom Wissen und den Erfahrungen, die du verinnerlicht hast. Sie dienen als unbewusste Bewertungsgrundlage für eine intuitive Entscheidung oder Handlung. Denk nur an den Sportler, der ganz intuitiv den Ball auffängt. Je mehr er gelernt und trainiert hat, desto besser wird ihm das gelingen.
  • Für ein funktionierendes Bauchgefühl brauchst du auch eine klare und präzise Wahrnehmung. Nur, wenn du eine Situation auch richtig erfassen kannst, kannst du intuitiv auf sie reagieren. Hier können zum Beispiel Achtsamkeitsübungen helfen, deine Wahrnehmung zu verbessern.
  • Auch Empathie ist ein Schlüssel zu funktionierender Intuition. Denn Intuition hat auch viel mit Verbundenheit zu tun, sich in sich selbst und in andere einfühlen zu können.
  • Und nicht zuletzt: Gib deinem Bauchgefühl auch Raum, nimm es wahr. Es kann sogar helfen, deinen Bauch direkt zu fragen: „Was meinst du dazu? Was hältst du für richtig? Was willst du?“ – Das mag ein bisschen esoterisch klingen, hilft uns aber, ein Bewusstsein, ein Gespür für das Unbewusste, unser Bauchgefühl zu entwickeln. Habe den Mut, deinem Bauch zu vertrauen.

Du möchtest dich mehr mit dem Thema Intuition auseinander setzen? Der Bayrische Rundfunk hat dazu die mehrteilige Reportagereihe „Auf den Spuren der Intuition“ erstellt, die das Thema von verschiedenen Seiten beleuchtet und viele verschiedene Stimmen zu Wort kommen lässt.

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