Land Grabbing verständlich erklärt: Wie Konzerne Land rauben

Bagger Land-Grabbing
Foto: CC0 / Pixabay / GodImage

Land Grabbing, Landraub, Landnahme – hinter diesen Begriffen versteckt sich derselbe Vorgang: Der Aufkauf kostbarer ausländischer Agrarflächen zur eigenen Nutzung. Im Folgenden erklären wir dir die Ursachen und Auswirkungen von Land Grabbing.

 

Land Grabbing – was ist das?

Mit Land Grabbing oder Landraub sichern sich ausländische Privatinvestoren und Konzerne mithilfe von Kauf- oder Pachtverträgen große Flächen an Land in Entwicklungsländern. Die kostbaren Agrarflächen werden von den Investoren zum Anbau von Nahrungsmitteln oder von Pflanzen für die Spritgewinnung genutzt. Die gesamten Erträge werden nach der Ernte aus dem Herkunftsland exportiert – zugunsten der reichen Industriestaaten. Mit der Bewirtschaftung externer Ackerflächen stellen die ausländischen Konzerne die Nahrungsmittel-, Wasser- sowie Energieversorgung des eigenen Landes sicher. Das Land, dessen Agrarfläche genutzt wird, wird im Gegenzug gnadenlos ausgebeutet.

Beim Land Grabbing stehen einflussreiche Konzerne oder reiche Privatinvestoren einer armen, oft mittellosen Landbevölkerung in Entwicklungsländern gegenüber. Der Vorgang des Landraubs spielt sich häufig in rechtlichen Grauzonen ab. Oft bleiben die illegalen Geschäfte verdeckt und dadurch nur schwer nachverfolgbar.

Die Entstehung von Land Grabbing

Einflussreiche Großkonzerne nutzen bereits seit Jahrzehnten fruchtbares Ackerland in Tropenländern zugunsten der eigenen Profitmaximierung. So genannte Cash Crops, für den Export bestimmte Anbaupflanzen sind beispielsweise Bananen, Kaffee oder Kakao. Mit dem externen Anbau und Import dieser tropischen Pflanzen sichern sich die wohlhabenden Nationen den eigenen Bedarf.

Seit im Jahr 2008 eine weltweite Nahrungsmittelkrise den Weltmarkt erschütterte, hat die Nutzung ausländischer Landflächen enorm zugenommen. In immer größerer Geschwindigkeit griffen immer mehr und immer mächtigere ausländische Konzerne mittels Land Grabbing in Entwicklungsländern zu. Der Menschenrechtsorganisation Oxfam zufolge war bereits 2011 weltweit eine Landfläche von der Größe Westeuropas in der Hand ausländischer Investoren. Tendenz steigend.

Land Grabbing heute – Ursachen und Entwicklungen

Dürre durch Klimawandel
Dürre durch Klimawandel (Foto: CC0 / Pixabay / andreas160578)

Die Weltbevölkerung steigt immer weiter an. Besonders in den Schwellenländern und den reichen Industrienationen wächst der Bedarf an Nahrungsmitteln. Parallel dazu sorgt der weltweite Klimawandel dafür, dass fruchtbarer Boden rar wird: Extreme Hitze, verkürzte Regenzeiten, Dürre und Schädlingsbefall machen Landflächen in betroffenen Gebieten für lange Zeit unbrauchbar. Der noch nutzbare Boden in anderen Ländern wird so zu einem immer kostbareren Gut von steigendem wirtschaftlichen Interesse. Urbanisierung und eine großflächige Bebauung von Landfläche leisten in den betroffenen Ländern ihrerseits ihren Dienst dazu. Selbst Süßwasser ist mittlerweile zu einem verhandelbaren Rohstoff geworden.

Dem Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika e.V. (FDCL) zufolge ist aber nicht nur die rasante Zunahme an Land Grabbing eine Entwicklung der letzten Jahre. Auch die Nutzung der erworbenen Ackerflächen hat sich geändert: So werden nicht mehr nur exotische „Cash Crops“ wie Bananen, Kaffee oder Kakao auf den ausländischen Landflächen angebaut. Sondern auch der Anbau von Reis, Weizen oder Mais, die als Grundnahrungsmittel gelten, nimmt zu. So geht es parallel zur Profitmaximierung der ausländischen Investoren heutzutage ebenfalls darum, überhaupt eine Sicherung an Grundnahrungsmitteln für die landeseigene Bevölkerung zu gewährleisten. Auch Futterpflanzen für die heimischen Massentierbetriebe sowie Spritpflanzen für die Autos im eigenen Land werden großflächig im Ausland angebaut.

Vereinfacht gesagt, stehen immer knapper werdende Ressourcen an kostbarem Ackerland den Bedürfnissen einer stetig weiter wachsenden Weltbevölkerung gegenüber: Land Grabbing ist die Folge. Die durch die Neoliberale Wirtschaftspolitik seit den 1980er Jahren vereinfachten Privatisierungen kurbeln diesen ungehinderten Ausverkauf von Landflächen weiter an.

Welche Staaten sind am Land Grabbing größtenteils beteiligt?

Maisfeld
Maisfeld (Foto: CC0 / Pixabay / ilcsab)

Von der Profitgier mächtiger Konzerne einmal abgesehen, sorgt der schwindende Zugang zu ausreichend Nahrungsmitteln, Land und Wasser für eine wachsende Sorge um die Grundsicherung der eigenen Bevölkerung.

Industrienationen, die auf Importe angewiesen sind, da sie im eigenen Land nicht ausreichend Nahrungsmittel oder Wasser zur Verfügung haben, gehören zu den Hauptakteuren beim Land Grabbing. Jene Länder lassen sich in drei Kategorien aufteilen, abhängig davon, welches Gut ihr hauptsächliches Import-Interesse ist.

1. Golfstaaten/Mittlerer Osten

So zählen die Länder des Mittleren Ostens zu den aktivsten Käufern von Landflächen in Afrika. Ihnen mangelt es dabei weniger an eigenem Land, sondern an Wasser. Gleichzeitig verfügen sie über hohe Geldsummen aus Ölgeschäften, die ihnen den Aufkauf großer Landflächen in afrikanischen Ländern ermöglichen.

2. Ostasien 

In die zweite Kategorie fallen die expandierenden Staaten Ostasiens. Dazu zählen China, Japan und Südkorea. Jene Länder haben mit rasantem Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum zutun. Die Nachfrage nach Grundnahrungsmitteln, aber auch jene nach Fleisch steigt rapide an. Mehr und mehr Land zum Anbau von Getreide und Futterpflanzen wird benötigt.

3. Großkonzerne der Industrieländer

Zur dritten Kategorie werden die Großkonzerne westlicher Industriestaaten gezählt. Europäische, sowie nordamerikanische, meist multinational agierende Agrarkonzerne bewirtschaften ausländische Landflächen vorwiegend mit Pflanzen zur Energiegewinnung: Mais, Ölpflanzen oder Zuckkerrohr.

Welche Länder sind von Land Grabbing besonders betroffen?

Vertreibung der Kleinbauern durch Land Grabbing
Vertreibung der Kleinbauern durch Land Grabbing (Foto: CC0 / Pixabay / kolibri5)

Anhand der Informationen der Land Matrix, einem unabhängigen Projekt staatlicher und nichtstaatlicher Entwicklungsorganisationen, lässt sich eine dramatische Ausdehnung von Land Grabbing erkennen. Eine klare Konzentration liegt dabei auf Staaten Zentralafrikas und Südostasiens. Die am stärksten von Land Grabbing betroffenen Länder mit verpachteten Flächen von jeweils über einer Million Hektar sind:

  • Sudan
  • Äthiopien
  • Kongo
  • Mosambik
  • Liberia
  • Sierra Leone
  • Indonesien
  • Papua-Neuguinea

Den Informationen des Weltagrarberichts zufolge, konzentriert sich der größte Landraub auf jene Länder, deren Rechtsverhältnisse und Regierungen besonders instabil sind.

Auswirkungen von Land Grabbing

Einsatz von Pestiziden
Einsatz von Pestiziden (Foto: CC0 / Pixabay / wuzefe)

Die direkten und langfristigen Auswirkungen von Land Grabbing sind für die ansässige Bevölkerung meist katastrophal. So werden der Bevölkerung neben den Rechten zum Anbau von Grundnahrungsmitteln, auch zahlreiche weitere Rechte genommen. Weiderechte für das Vieh, Wassernutzungsrechte zur Grundversorgung mit Wasser, sowie Nutzungsrechte zum Sammeln von Feuerholz oder Heilpflanzen werden der Bevölkerung häufig gleich mit entrissen.

Seit Generationen auf dem Land ansässige Kleinbauernfamilien werden auf diese Weise in eine absolute Hilflosigkeit getrieben. Sie werden mitsamt ihrer Familien von den Ländereien vertrieben und ihr Überleben unmittelbar gefährdet.

Weitere Auswirkungen sind:

  • Bedrohung der örtlichen Ernährungssicherheit: Die Landfläche, die ein jeweiliges Land an ausländische Investoren verloren hat, steht nicht mehr zum Anbau eigener Nutzpflanzen zur Verfügung. Die erzielten Erträge dienen fast ausschließlich dem Export. So wird eine ausreichende Nahrungsversorgung für die ansässige Gemeinschaft massiv gefährdet. Gleichzeitig wird diese immer abhängiger von Importen aus dem Ausland.
  • Zuspitzung von Konflikten um die Landnutzung: In vielen Ländern, deren Bevölkerung größtenteils von der Landwirtschaft lebt, sorgen Konflikte um Landnutzung und Landrechte bereits seit Jahrzehnten für zahlreiche Auseinandersetzungen bis hin zu Kriegen. Durch das Land Grabbing kommen weitere Interessenten um die raren Ländereien ins Spiel, welche die bereits existierenden Konflikte verschärfen oder neue entstehen lassen.
  • Landflucht und Vertreibung: Viele Bauern fliehen nach dem Verlust ihres Landes mit ihren Familien in die Städte. Die ausländischen Konzerne schaffen auf ihrem ehemaligen Land meist keine oder nur sehr schlecht bezahlte Arbeitsplätze für die örtliche Bevölkerung. Die wenigen lukrativere Stellen werden mit ebenfalls ausländischen Arbeitskräften besetzt. Die Jobsituation in den Städten ist meist sehr schlecht und die finanzielle Situation der Familien verschlechtert sich zunehmend. Auf diese Weise werden durch Land Grabbing ganze Familien in den finanziellen Ruin getrieben.
  • Weitreichende Ökologische Folgen: Der Anbau der profitorientierten industriellen Großbetriebe erfolgt meist über Monokulturen. Ein großflächiger Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln sind hier Gang und Gebe. Dadurch werden nicht nur Luft und Grundwasser vergiftet, sondern auch die Artenvielfalt der heimischen Tiere und Pflanzen massiv bedroht. So werden langfristig gesehen rund um die industriell bewirtschaftete Gebiete zahlreiche Tier- und Pflanzenarten aussterben.

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