„Mit Ökostrom muss ein ökologischer Mehrwert verbunden sein“

Udo Udo Sieverding, Bereichsleiter "Energie" der Verbraucherzentrale NRW
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Bei Ökostrom geht es nicht nur um den Preisvergleich, sondern auch um die Frage, bei welchem Anbieter man welchen Ökostrom einkauft. Udo Sieverding, Bereichsleiter „Energie“ der Verbraucherzentrale NRW, erklärte im Utopia.de-Interview, worauf es ankommt.

Utopia: Herr Sieverding, geben Sie uns einen guten Grund, reinen Ökostrom zu ordern.

Udo Sieverding: Der Wechsel in einen Ökostrom-Tarif ist für viele Verbraucher auch ein politisches Bekenntnis zu einer konsequenten Energiewende, ein Votum für nachhaltige Stromerzeugung.

Worauf kommt es da an?

Dass mit dem Bezug von Ökostrom auch wirklich ein ökologischer Mehrwert verbunden ist. In Europa stammt ein erheblicher Anteil der als Ökostrom verkauften Energie aus bereits lange bestehenden Wasserkraftwerken. Diesen Strom zu kaufen, leistet also keinen Beitrag zum Ausbau erneuerbarer Energien. Deshalb ist der Umweltnutzen von Ökostrom durchaus umstritten.

Wer sicher gehen will, dass wirklich ein ökologischer Mehrwert erzielt wird, kann sich am Siegel „ok-power“ orientieren, am Grüner-Strom-Label oder der Anbieterliste der Plattform EcoTopTen des Öko-Instituts.

Liste: die besten Ökostrom-Anbieter

Angenommen, meine Stadtwerke vor Ort könnten gleiche Qualität garantieren …

Dann wäre das für Kunden, die ansonsten mit ihrem Stadtwerk zufrieden sind, ein weiterer Grund, dem Unternehmen die Treue zu halten.

Angesichts von Angeboten, die neben sieben Tarife Kohle- und Atomstrom teils nur ein einziges Öko-Angebot unterbreiten: Ist solcher Stadtwerke-Grünstrom nicht bloß ein Feigenblatt?

Ja, durchaus. Mittlerweile bietet nahezu jedes Stadtwerk einen Ökostrom-Tarif an, einige jedoch sehr defensiv und bei genauer Betrachtung auch unattraktiv. Andere aber gewinnen auch jenseits ihrer Stadtgrenzen mit guten Ökostrom-Tarifen neue Kunden.

Manch kommunaler Anbieter kauft nicht nur Kohlestrom, sondern produziert ihn auch teilweise selbst. Wie glaubwürdig kann man da in Sachen „Grünstrom“ noch sein?

Anbieterbezogene Kriterien wie die Kohle- oder Atomstromproduktion oder Verflechtungen machen die Wahl der Ökostromtarife nicht einfacher. Eine Entscheidungshilfe kann sein, ob das Stadtwerk in den vergangenen Jahren noch neue Kohlekraftwerke gebaut oder sich daran beteiligt hat. Da stellt sich in der Tat die Frage der Energiewende-Glaubwürdigkeit.

Wie empfindlich darf man sein, wenn auf der Eignerseite womöglich auch ein großer Stromkonzern steht?

Ich glaube, dass es in der Energiewende genügend Raum und vielleicht sogar Bedarf für die Geschäftsmodelle großer Energiekonzerne gibt. Entscheidend ist für mich die Unternehmenspolitik und nicht die Unternehmensgröße. Dass die RWE, Eon & Co orientierungslos durch die Energiewende dem Abgrund entgegen taumeln, ist hauptsächlich ein Ergebnis ihrer verfehlten Unternehmenspolitik und weniger eine Frage ihrer Größe.

Meine Stadtwerke vor Ort sind immer auch Grundversorger. Ein Malus?

Strom und Wärme sind Güter der Daseinsvorsorge. Und die Antwort des Energiewirtschaftsgesetzes darauf ist die sogenannte Grundversorgung, die prinzipiell allen Kunden offen stehen muss – eine gute Sache.

Sie ist nach meiner Ansicht nur in Verruf geraten, weil die Energieversorger nach unserer Beobachtung ausgerechnet in diesem Bereich vergleichsweise hohe Margen realisieren, indem sie Entlastungen bei den Beschaffungskosten nicht durch Preissenkungen weitergeben. Damit führen sie das sozial motivierte System der Grundversorgung ad absurdum. Hier besteht Regulierungsbedarf.

Lokale Versorger werben mit ihrem „Public value“ – also mit Arbeitsplätzen, Steuerzahlung und viel sozialer oder kultureller Unterstützung für die Stadt. Ein stichhaltiges Argument?

Auf jeden Fall ein Argument, das die Stadtwerke betonen sollten, um ihre Kunden zu halten oder zurückzugewinnen. Und viele Verbraucher haben dafür auch eine Zahlungsbereitschaft. Ich finde es jedoch auch wichtig, dass es Wettbewerb im Energiemarkt gibt und Verbraucher die Möglichkeit haben, durch einen Anbieterwechsel mehrere hundert Euro im Jahr zu sparen oder zu einem Ökostromanbieter zu wechseln, der ein überzeugendes Energiewendekonzept verfolgt. Das entscheidet letztlich jeder Haushalt individuell, genauso wie die Marke eines Autos, das Urlaubsreiseziel oder die Herkunft der Lebensmittel.

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(6) Kommentare

  1. „Dass die RWE, Eon & Co orientierungslos durch die Energiewende dem Abgrund entgegen taumeln, ist hauptsächlich ein Ergebnis ihrer verfehlten Unternehmenspolitik und weniger eine Frage ihrer Größe.“

    Gibt es eigentlich „große“ Stromanbieter in Deutschland, die keine Altlasten in Form von Atomkraftwerken und dem Bilanzkiller Atommüllentsorgung bzw. Anlagenabbau aufweisen?

  2. Entschuldigung!
    Es gibt KEINEN Stromanbieter mit „Altlasten“ Atommüll oder anderen Ewigkeitskosten wie Kohleschächte unter der Erde!!!
    Die Atomkonzerne, Stromkonzerne haben spottbillig deren Müll an uns verkauft!
    WIR Bürger dürfen nun 1 Million Jahre Atommüll bezahlen… o_O

    ALSO bitte hier kein schwaches Opferrollen-Building für die Täter!

    Von den Klimagasen CO2 auf Kohlekraftwerken ganz zu schweigen!
    Die gehören nun allen Menschen…
    Die Aktionäre der fossilen Energien sind fein raus.

    Ja, bei RWE sind häufig Stadtwerke, also Städte Aktionäre.
    Aber die Energiekonzerne haben zukunftsfähige Sparten wie Windenergie usw. doch längst aus den alten, fossilen Konzernen abgespalten.

    Kohlestrom soll anscheinend wieder boomen, denn neue Monster-Stromtrassen dienen eben nicht der Energiewende, sondern dem Kohlestrom: Es wird Kohlestrom wachsend exportiert!
    Kohlestrom verstopft die bestehenden Stromleitungen und damit die Energiewende!

  3. Also ich habe mich vor ein paar Monaten entschieden zu Ökostrom zu wechseln und zwar zu PST (https://www.pst-energie.de/oekostrom/). Es gibt ja mittlerweile einige Ökostrom-Anbieter, da fällt die Entscheidung nicht ganz so leicht. Aber letztendlich haben die mich rundum überzeugt, da sie zum Beispiel auch für jeden neuen Kunden einen Baum pflanzen und TÜV zertifiziert sind.

  4. Baumpflanzungen und TÜV sagen nichts darüber aus ob es sich um echten Ökostrom handelt.
    Frage doch mal nach.
    Verschiedene Ökostromanbieter kaufen sich z.B. in Norwegen Zertifikate über eine bestimmte Strommenge, die aus Wasserkraft produziert wurde.
    Es fliesst kein echter Strom ,es gibt nur dieses Zertifikat.
    Mit Hilfe dieses Zertifikates dürfen die Firmen Kohle- oder Atomstrom als Ökostrom ins Netz speisen. Das ist gesetzlich erlaubt.
    Im Gegenzug darf das norwegische Unternehmen die auf dem Zertifikat verkaufte Menge nicht mehr als Ökostrom ins Netz speisen.
    Nachfragen lohnt sich also! Viel Glück!

    Das ist ganz legaler Betrug.

    Hier zum nachlesen, wie das funktioniert mit den Zertifikaten:
    https://www.focus.de/immobilien/energiesparen/kaum-strom-aus-deutschland-die-grosse-oekostrom-luege_id_3694770.html

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