Wie spreche ich mit Oma und Opa über den Krieg in der Ukraine?

Wie spreche ich mit Oma und Opa über den Krieg in der Ukraine?
Foto: CC0 Public Domain / Pexels- Andrea Piacquadio

Der Krieg in der Ukraine kann bei älteren Menschen frühere Erinnerungen und Traumata wieder ins Bewusstsein holen. Einigen kann es helfen, über ihre Vergangenheit zu sprechen. Wie du das am besten machst, erfährst du hier.

Sie hatten den zweiten Weltkrieg in ihrem Kindesalter erlebt und gehofft, so eine Zeit nie wieder zu erleben: Menschen, die jetzt über 70 sind – von vielen von uns sind das unsere Großeltern. Jetzt gibt es Krieg in der Ukraine. Das kann bei ihnen tiefste Ängste und Traumata hervorrufen. Darum kann es wichtig sein, mit ihnen ihre Geschichten und Ängste aufzuarbeiten.

Wie stellen wir das am besten an? Dafür haben wir mit Dr. med. Manuela Nunnemann gesprochen. Sie ist Oberärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses Berlin-Weißensee.

Utopia: Wenn ich befürchte, dass meine Großeltern jetzt gerade eine besonders schwere Zeit durchmachen, soll ich von mir aus auf sie zugehen und das Gespräch suchen?

Dr. med. Manuela Nunnemann: Wir gehen davon aus, dass gerade ältere Menschen – wenn nicht mittelbar, dann unmittelbar – mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges konfrontiert worden sind. Solche Erlebnisse sind nicht selten auch mit Scham und Schuld behaftet. Vor allem, wenn man in der eigenen Familie viele Verluste erlitten hat und sich möglicherweise fragt, warum man selbst am Leben geblieben ist. Häufig sind gerade traumatische Kriegserlebnisse über die Jahrzehnte im Verborgenen geblieben und die Betroffenen suchen nur selten von sich aus das offene Gespräch darüber.

Daher empfiehlt es sich, je nach Beziehung zu den Betroffenen, auch aktiv das Gespräch nach eigenen Erfahrungen mit dem Krieg oder Erzählungen über diesen zu suchen, ohne dabei aufdringlich zu sein. Damit gibt man den älteren Menschen zumindest die Gelegenheit darüber zu sprechen – was sie möglicherweise zuvor nie taten.

Tipps für das Gespräch

Worauf sollte ich bei dem Gespräch achten?

Empfehlenswert ist ein aktives Zuhören. Das bedeutet, dass man nachfragt, wenn man etwas nicht versteht. Das signalisiert, dass man ganz bei der betroffenen Person ist und die Gefühle, Bedenken und Erfahrungen wirklich nachvollziehen und verstehen möchte. Letztlich sollte man sich auf sein Gefühl verlassen, ob man mit Nachfragen zu weit geht oder ob man der Person hier einen Raum für seine oder ihre Geschichte gibt. In aller Regel signalisiert es die Person, deutlich – entweder in Worten oder Gesten – wie weit man gehen kann.

Wie kann ich älteren Menschen Ängste nehmen? Geht das überhaupt?

Wenn ältere Menschen über ihre Ängste sprechen, resultieren diese häufig aus eigenen Erfahrungen. Hier bietet es sich an, die aktuelle Situation aber auch Hilfen zu spiegeln, die es früher in dieser Form nicht gab. Auf diese Weise signalisiert man dem Gegenüber, dass man an seiner oder ihrer Seite steht und dass es viele Möglichkeiten gibt, die dafür sorgen, dass er oder sie nicht in Not gerät.

Und wenn auch das Gespräch nicht helfen kann?

Wenn Ängste übermächtig werden und möglicherweise auch eigene traumatisierende Erfahrungen in der Kindheit oder Jugend stattgefunden haben, empfiehlt es sich tatsächlich, professionelle Hilfe auch im hohen Alter anzunehmen. Hier gibt es vielerlei Möglichkeiten, sowohl psychotherapeutisch als auch falls notwendig pharmakologisch unterstützend einzugreifen, falls notwendig.

Erinnerungen aus dem kalten Krieg können belasten

Viele befürchten angesichts aktueller politischer Entwicklungen einen Dritten Weltkrieg.

Menschen Raum zu geben, um eigene Erfahrungen mitteilen zu können, ist wichtig. Gleichzeitig sollte man die aktuelle Realität mit den diversen Möglichkeiten und natürlich auch unser aktuelles gesellschaftliches Gefüge spiegeln.

Letztlich sollte man auch den Unterschied zwischen dem Dritten Reich und unserer jetzigen demokratischen Gesellschaft ausführlich darlegen und auch die politischen Interventionen seitens der EU und unserer Regierung erörtern, sodass insgesamt beim Gegenüber das Gefühl entsteht, dass alles dafür getan wird, dass es zu keinem Dritten Weltkrieg kommen wird. Man sollte deutlich machen, dass dieser in keinem Interesse ist – weder auf Seiten der Diktaturen, noch auf der der Demokratien in unserer Welt.

Nicht nur bei Personen, die den zweiten Weltkrieg erlebt haben, werden momentan traumatische Erinnerungen hervorgerufen – sondern auch bei Menschen um die 50 oder 60 Jahre, die die Zeit des Kalten Kriegs erlebt haben. Wie können wir diesen Menschen begegnen oder ihnen helfen?

Der Kalte Krieg wurde geprägt von einem atomaren Wettrüsten – das kann sich möglicherweise wiederholen. Gegenüber den Menschen, die diese Zeit in ihrer Kindheit oder Jugend erfahren haben, sollte das vorsichtig ausgesprochen werden. Gleichzeitig sollte betont werden, dass dieses gerade seitens der Nato, aber auch der deutschen Regierung, sicherlich mit Augenmaß und nicht zwangsläufig passieren wird.

Danke für das Gespräch!

Dr. med. Manuela Nunnemann ist Oberärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses Berlin-Weißensee
Dr. med. Manuela Nunnemann ist Oberärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses Berlin-Weißensee (Foto: © Manuela Nunnemann)

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