Beliebtes Instagram-Motiv: Warum Umweltschützer nicht wollen, dass du Steintürme baust

Foto: CC0 Public Domain / Pixabay - SamuelFrancisJohnson

Wer aus ästhetischen oder spirituellen Gründen am Strand kleine Steine zu Steintürmen aufeinanderstapelt, tut damit der Natur keinen Gefallen. Umweltschützer machen gegen die vermeintlich harmlose Praxis mobil – und klären über die Folgen auf.

Ob Hippies, die Steine lieben, Einheimische, die ihre Strände verschönern wollen oder Instagram-Touristen, die sich ihre perfekte Fotokulisse bauen: Steine pyramidenförmig aufeinanderzutürmen, ist schwer in Mode. Die Häufchen basieren auf spirituellen Steinbauten aus Nepal, sind aber bei den meisten Menschen vor allem als ästhetische Motive begehrt. Und die wenigsten sind sich darüber bewusst, dass sie mit ihren Steintürmen Lebensräume gefährden.

Denn karge Küstenabschnitte voller loser Steine sehen zum einen nicht gerade danach aus, als würden sie viele Tiere und Pflanzen beherbergen. Zum anderen fühlt es sich nicht wie ein zerstörerischer Akt an, ein paar Steine dekorativ übereinander zu schichten – man könnte den Schritt ja jederzeit wieder rückgängig machen. Wie schlimm kann das schon sein?

Steintürme bedrohen empfindliche Ökosysteme

Tatsächlich greifen die künstlichen Bauten in ohnehin schon empfindliche Ökosysteme ein und bedrohen Lebewesen, die speziell an diese Oberfläche angepasst sind. Die Steine bieten einen Lebensraum für genügsame Pflanzen, und damit auch für Insekten und kleine Tiere wie Eidechsen und andere Reptilien, die dort Nahrung, Brutstätten und Zuflucht vor Angreifern finden.

Der Biologe Pedro Luis Sánchez, der im Nationalpark El Teide auf Teneriffa arbeitet, erklärt diese Zusammenhänge in einem YouTube-Video für die Kampagne „#pasasinhuella“ („Hinterlasse keine Spur“). Er betont, dass wir einer Reihe von Lebewesen mit unseren Steintürmen den Rückzugsort und das Zuhause nehmen. Zudem würden Pflanzen entwurzelt und die freigelegten Flächen sensibler für Erosion werden.

Hier kannst du das spanische Video auf YouTube sehen:

Mehr als 150 Freiwillige halfen, Steintürme auf Teneriffa wieder abzubauen

Auf den Kanaren ist das Steinestapeln besonders verbreitet. Um dem schädlichen Trend Einhalt zu gebieten, wurde jetzt auf Teneriffa erstmals eine große Umweltschutzaktion gestartet (zuvor gab es ähnliche Initiativen auf Fuerteventura und El Hierro): Mehr als 150 Freiwillige halfen im Juli an der „Playa Jardín“ in Puerto de la Cruz, sämtliche Steintürme abzubauen – auch das ist im Youtube-Video zu sehen.

Der Biologe demonstriert, wie man einen Steinturm korrekt wieder abbauen sollte: „Das Wichtigste ist, ihn nicht anzustoßen, sodass er auseinanderfällt, sondern einen Stein nach dem anderen in die Hand zu nehmen und sie nach dem Zufallsprinzip wieder dort auf dem Boden zu verteilen, wo sie vermutlich gelegen haben.“ Dabei sollte man besonders die ungeschützten und für Erosion anfälligen Stellen aus Sand abdecken.

Hier siehst du einen Tweet mit einem Vorher-/Nachher-Bild der Aktion:

„Immer wird jemand sagen: Warum zerstört ihr etwas so Schönes?“

Manch einer mag die Helfer (die übrigens nebenbei noch den Strand von Müll befreiten) als Spielverderber wahrgenommen haben: „An jedem Strand, auf den Kanaren oder anderswo – immer wird jemand sagen: Warum zerstört ihr etwas so Schönes?“, sagt Luis Sánchez. „In Wirklichkeit zerstören wir aber nichts, sondern bringen es wieder in seinen ursprünglichen Zustand.“

Steintürme Steine Strand
Fragile Steintürme prägen an manchen Orten ganze Strandabschnitte. (Foto: CC0 Public Domain / Pixabay - Efraimstochter)

Laut der Lokalzeitung „El Día“ war der Erfolg der Umweltschützer jedoch nur von kurzer Dauer: Schon am nächsten Tag seien etliche Steintürme wieder aufgebaut worden. Jaime Coello, Leiter der Fundación Telesforo Bravo Juan Coello, die unter anderem hinter der Aktion steckt, fordert, dass das Errichten von Steintürmen per Gesetz verboten und bestraft werden solle.

Ein Hinweisschild soll über die Folgen der Steinetürme informieren

Zunächst plant die lokale Regierung, ein Hinweisschild an dieser massiv betroffenen Zone auf Teneriffa aufzustellen, deren Steintürme sogar bei Google als Touristenattraktion angepriesen werden. So will man verhindern, dass in Zukunft neue Steintürme gebaut werden, bis sich die Rechtslage entsprechend angepasst hat.

Weitere Maßnahmen sind eine Zusammenarbeit mit der Reederei Fred Olsen, die auf den Fähren zwischen den kanarischen Inseln Einheimische und Touristen per Video aufklären wird. Auch der Flughafenbetreiber Aena soll für eine Kooperation gewonnen werden.

Auch auf Mallorca sind die Türme ein Problem

Informationsschilder gibt es bereits andernorts in Spanien, unter anderem auf den Balearen, wo die fragilen Skulpturen ebenfalls eine große Bedrohung für das natürliche Gleichgewicht darstellen. Auf Mallorquinisch werden die Türme „caramulls“ genannt. Schon vor zwei Jahren hatte das balearische Umweltministerium via Twitter vor den Schäden gewarnt und geschrieben: „Betrachten, flanieren, genießen – aber die Küste so lassen, wie sie ist.“

Und die Umweltaktivisten der Vereinigung „Terraferida“ (Verletzte Erde) hatten laut der „Mallorca Zeitung“ geklagt: „Jetzt, wo wir es endlich geschafft haben, die aggressive Bebauung der Küste einzuschränken, sind es die eigentlich für dieses Thema sensibilisierten Menschen, die die Felsküste mit den Steinhaufen schädigen und so die Landschaft verändern.“

Fazit: Wer die Natur schützen möchte, sollte die Steine liegen lassen, auch wenn die Türme hübsch anzuschauen sind – und sich stattdessen lieber am Anblick des Meeres erfreuen.

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(2) Kommentare

  1. Interessant, wie aus einer vermeintlich harmlosen Aktion ein ernstzunehmendes Problem wird, wenn es von einer Masse von Menschen, mit offensichtlich sehr wenig eigenem Verstand und eigenen Ideen, massenweise imitiert wird. Massenverdummung par excellence!
    Ob man wohl auch so viele Nachahmer findet, wenn man auf Instagram einen Baum pflanzt?

  2. Unbedachterweise habe ich letzthin oberhalb der Baumgrenze in einer Geröllhalde ein Steinmannli gebaut.Vielleicht sollte man Differenzieren, wann etwas Schaden anrichtet.

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