Suspended Coffee: Einen Kaffee trinken – den zweiten spendieren

Suspended Coffee Germany Spende
Fotos: CC0 Public Domain / Unsplash - nathan-dumlao; suspendedcoffee.de

Ob Brötchen, Haarschnitt, Pizza, T-Shirt oder einen Kaffee: Für manche Menschen sind diese alltäglichen Dinge unerschwinglich. Warum werden sie nicht einfach von denjenigen bezahlt, die es sich leisten können? Eine Aktion setzt sich dafür ein – und immer mehr Geschäfte in Deutschland machen mit.

„Kann ich einen spendierten Kaffee bekommen?“ Diesen Satz kann man seit ein paar Jahren immer öfter in Deutschland hören. Seit gut fünf Jahren organisiert „Suspended Coffee Germany“ die Weitergabe von gespendeten Produkten und Dienstleistungen und will damit Menschen helfen, die es sich aus verschiedenen Gründen nicht leisten können.

Spende erhalten ohne Nachweis

Und so funktioniert die Idee: Jeder, der möchte, kann in teilnehmenden Cafés, Bäckereien oder Friseursalons ein Getränk oder eine Dienstleistung zusätzlich bezahlen, die er aber nicht in Anspruch nimmt, sondern spendet. Die Spende wird als „aufgeschoben“ notiert – und an einen Menschen ausgegeben, der es sich selbst nicht leisten kann. Dazu muss dieser nur in den Laden gehen und nach einem „Aufgeschobenen“ fragen.

Wer ein spendiertes Brötchen, einen kostenlosen Kaffee oder einen spendierten Haarschnitt bekommen möchte, muss keinen Nachweis vorzeigen. „Dies birgt Risiken, aber wir haben uns ganz bewusst entschieden dies so zu handhaben. Es geht um Vertrauen und ganz einfacher Hilfe“, so Suspended Coffee Germany. Jeder darf sich etwas abholen, der es sich aktuell finanziell nicht selbst kaufen kann: beispielsweise Obdachlose und Wohnungslose, Geringverdiener, Hartz4- Empfänger, Rentner, Alleinerziehende, Geflüchtete und Sozialhilfeempfänger.

Suspended Coffee Germany Spende Gutschein Kaffee Brötchen
Ob Kaffee, Brötchen oder Haarschnitt: eine Spende, die direkt ankommt (Foto: Suspended Coffee Germany)

Prinzip basiert auf Vertrauen

Mit gerade einmal 17 Jahren gründete die damalige Schülerin Saskia Rüdiger 2013 Suspended Coffee Germany. „Ich habe damals die englischsprachige Seite bei Facebook gefunden und fand die Idee toll, weil sie so einfach im Alltag umzusetzen ist“, erzählt sie auf Utopia-Nachfrage. „Das Prinzip basiert auf reinem Vertrauen, das fehlte mir in der Gesellschaft.“

Suspended Coffee Germany Saskia Rüdiger
Mit gerade einmal 17 Jahren gründete Saskia Rüdiger Suspended Coffee Germany. (Foto: Suspended Coffee Germany)

Nach Rücksprache mit dem Seitenbetreiber setzte sie die Idee für Deutschland um: Rüdiger übersetzte die Inhalte der englischen Seite ins Deutsche, schrieb viele Geschäfte an und verbreitete die Idee. Noch immer leitet Rüdiger, die heute Gebärdensprachdolmetschen studiert, die Aktion ehrenamtlich.

Noch hohe Hemmschwelle

Mit Aufklebern in den Geschäften und Flyern möchte die Aktion die Menschen erreichen, für die das Gespendete bestimmt ist. Man findet die teilnehmenden Geschäfte online wie auch auf der dazugehörigen Facebook-Seite.

„Wie fühlt es sich an, wenn man das eine Brötchen beim Bäcker nicht bezahlen kann? Wie fühlt es sich an, wenn man von draußen in den Friseurladen schaut und weiß, dass man sich dies nicht leisten kann? Wie fühlt es sich an andere Menschen mit einem Coffee to go durch die Straßen laufen zu sehen, wenn man selbst nicht einmal Essen hat?“ (Suspended Coffee Germany)

„Momentan ist die Hemmschwelle noch ziemlich hoch“, sagt Rüdiger. Entweder wüssten zu wenige Menschen Bescheid oder sie können nicht glauben, dass Kaffee und Haarschnitt wirklich umsonst sind. Daher informieren Rüdiger und ihr Team gezielt Vereine, die sich um Obdachlose oder Wohnungslose kümmern.

Und was passiert, wenn mehr gespendet als abgeholt wird? „Das entscheiden die Betreiber selbst, sie können zum Beispiel an unseren Verein zurückspenden, damit finanzieren wir etwa die Flyer und Sticker. Oder sie wandeln die Spende in Gutscheine um und geben diese heraus“, erklärt Rüdiger.

Die Idee ist über 100 Jahre alt

Die Idee des „aufgeschobenen Kaffees“ kommt ursprünglich aus Neapel: Das Prinzip des „Caffè Sospeso“ entstand während des Ersten Weltkrieges in Italien. Wegen des Kriegs ging die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander – viele konnten sich den Kaffee nicht mehr leisten. Also begannen die Leute, sich gegenseitig den Kaffee zu bezahlen.

Bei Suspended Coffee Germany fing alles mit einem Kaffee an – mittlerweile hat sich die Aktion ausgeweitet und neben Kaffee können auch andere Getränke, Speisen, Kleidung, Fahrradreparaturen oder Haarschnitte spendiert werden, je nachdem, was das teilnehmende Geschäft anbietet. Daher auch der neue Namenszusatz „Spendiert“: „Er macht es einfacher zu erkennen, dass die Spenden nicht nur Kaffee sein müssen“, erklärt Rüdiger.

Weltweite Bewegung

Mittlerweile nehmen über 250 Geschäfte in Deutschland an der Spenden-Aktion teil: von Aachen bis Wuppertal. Und die Tradition des aufgeschobenen Kaffees hat weltweit Anhänger: In Israel, Frankreich, Großbritannien, den USA, Griechenland, Indien, Ungarn oder Kanada laden die, die mehr haben, Bedürftige ein.

Den aufgeschobenen Kaffee oder den kostenlosen Haarschnitt gibt es noch nicht in deiner Nähe? Gemeinsam mit Suspended Coffee Germany könnt ihr passende Geschäfte kontaktieren.

Ähnliche Projekte in Deutschland gibt es mit „Brot am Haken“ oder „Obendrauf Stuttgart„: Wer beim Münchner Projekt Brot am Haken mitmacht, kauft über ein Bon-System ein Brot extra; Obendrauf Stuttgart ist angelehnt an die Suspended Coffee-Idee und will Menschen mit wenig finanziellen Mitteln den Besuch im Café, im Restaurant, Kino oder Theater ermöglichen.

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