Tütle: Diese Papiertüte könnte das Ende der Plastiktüte sein

Das Tütle
Fotos: © Corinna Spitzbarth

Auf den ersten Blick ist das Tütle einfach nur eine braune Papiertüte. Dabei hat die unscheinbare schwäbische Tüte das Potenzial, endgültig Schluss mit Plastiktüten zu machen: Sie ist umweltfreundliche Transportmöglichkeit, Biomüllbeutel und zukunftsweisendes Nachhaltigkeits-Projekt in einem.

Das Tütle ist eine stabile Papiertüte aus 100 Prozent ungebleichtem, stabilem Altpapier, die zuerst mehrfach als Einkaufstüte verwendet werden kann und sich dann als Biomülltüte eignet. Das von einer hauchdünnen Harz-Schicht umgebene Spezialpapier hat nämlich eine besondere Eigenschaft: Es reißt nicht bei Feuchtigkeit und ist trotzdem vollständig kompostierbar. Damit ist das Tütle nicht nur deutlich nachhaltiger als Plastiktüten, sondern auch besser als Bioplastik-Tüten, die für die Kompostierung viel länger brauchen – und vielleicht die derzeit nachhaltigste Einweg-Tüte.

„Ich habe in Geschäften beobachtet, wie Kunden Biomüll-Tüten kaufen und sie dann an der Kasse in Plastiktüten einpacken. Das fand ich absurd. So entstand der Gedanke, eine Tüte zu entwickeln, die zum Transport und als Biomülltüte benutzt werden kann und so eine Tüte einspart“, erklärt einer der beiden Entwickler des Tütles, Daniel Birkhofer. Klar war: Eine Plastiktüte kommt nicht in Frage – wenn schon Einweg, dann so nachhaltig wie möglich.

Mit dem Tütle versuchen die Initiatoren Daniel Birkhofer und Steffen Krötz mehr als ein Problem zu lösen: Es soll helfen, Plastikmüll zu reduzieren, gleichzeitig aber auch dazu beitragen, dass die Verbraucher mehr Biomüll sammeln. Denn derzeit landet viel zu viel Biomüll in den Müllverbrennungsanlagen und ist so für die Energiegewinnung in Biogasanlagen verloren. Mit anderen Worten: eine effektivere Sammlung und Verwertung von Biomüll aus den Haushalten könnte die Energiewende entscheidend vorantreiben. Und dabei will das Tütle helfen.

Das Tütle: 2 in 1
Das Tütle ist Einkaufs- und Biomülltüte in einem (Grafik: © Apomore GmbH)

Das Tütle wird heute komplett in Deutschland gefertigt und mit umweltfreundlicher Farbe bedruckt; das gesamte CO2, das bei Produktion und Transport ensteht, wird durch Investitionen in Aufforstungsprojekte ausgeglichen. Für jedes 1000. produzierte Tütle lassen die Hersteller außerdem – mittels der NGO Plant for the Planet – einen Baum pflanzen.

Pilotprojekt: Das Tütle verbannt die Plastiktüte

Derzeit beweist das Tütle nahe seiner schwäbischen Heimat, was es kann: In der Kleinstadt Holzgerlingen im baden-württembergischen Landkreis Böblingen ist in den vergangenen Monaten ein vielversprechendes Pilotprojekt entstanden. Hier hat das Tütle Verbraucher, Einzelhandel, Stadt und Abfallwirtschaft zusammen gebracht, um der Plastiktüte den Kampf anzusagen. „Das Holzgerlinger Konzept, das sowohl Einweg-, als auch Mehrweglösungen beinhaltet, verbannt die Plastiktüten ganz ohne Gesetze aus dem Stadtbild“, sagt Steffen Krötz.

Von dem Projekt profitieren alle Beteiligten: Über 30 Händler in Holzgerlingen haben sich mittlerweile dem Projekt angeschlossen und bieten ihren Kunden das Tütle an. Da sie gemeinsam große Mengen bestellen können, sind die Einkaufspreise günstig – und sie können mit dem Tütle gleichzeitig ihre Nachhaltigkeitsbemühungen sichtbar machen. Die Kunden bekommen eine umweltfreundliche Transport- und Biomülltüte in einem, die Abfallwirtschaft erhält mehr Biomüll (und muss weniger Bioplastik-Tüten aus der Kompostieranlage sammeln), die Stadt profitiert vom Image-Gewinn, welches das nachhaltige Engagement ihr einbringt.

Das Tütle: Pilotprojekt in Holzgerlingen
So sieht das Tütle in Holzgerlingen aus (Foto: © Apomore GmbH)

Auch den Tütle-Initiatoren ist bei alledem klar: Noch nachhaltiger als ihre Papiertüten wären Mehrweg-Taschen. Doch eine reine Mehrweg-Lösung kommt für die Einzelhändler nicht in Frage – das Tütle als Alternative zur Plastiktüte schon. Trotzdem wird Mehrweg in Holzgerlingen belohnt: Für jeden Einkauf, bei dem ein Kunde keine neue Tüte braucht, bekommt er Punkte auf einer Kundenkarte gutgeschrieben.

Utopia meint: Langfristig sind langlebige Mehrweg-Produkte die einzig wirklich nachhaltige Lösung. Wo aber Händler und Kunden derzeit nicht auf Einweg-Taschen verzichten wollen, ist das Tütle eine fortschrittliche und sinnvolle Alternative zur Einkaufstüte aus Plastik. Das Pilotprojekt in der Kleinstadt Holzgerlingen, bei dem das Tütle die Menge der Plastiktüten reduziert und gleichzeitig Bürgern, Händler, Stadt und Abfallwirtschaft Vorteile bringt, ist zukunftsweisend und wir hoffen, dass die Idee sich weiter verbreitet.

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(14) Kommentare

  1. Das Problem bei Papiertüten: sie bekommen erst mit oftmaligem Gebrauch eine positivere Ökobilanz. Jede Plastiktüte, die durch eine Papiertüte ersetzt wird, schadet der Umwelt, wenn sie nur ein Mal benutzt wird. Der beiden Vorteile von Papier statt Plastik ist der nachwachsende Rohstoff und falls eine Tüte mal nicht ordnungsgemäßt entsorgt wird.

    Also: Das Ziel ist es nicht, Tüten nur noch aus Papier auszugeben, sondern Tüten gar nicht erst zu benutzen.

  2. Das Problem an der reinen Lehre der Mehrweglösung: was nimmt der Verbraucher für seinen Biomüll? Gar nix, d.h. den Biomüll direkt vom Biomülleimer in der Küche in die Biotonne kippen, kann’s auch nicht sein … das fängt zu schnell an zu müffeln.

    Dann lieber Papiertüten. Die werden wenigstens zu Kompost. In den kann man einen Baum pflanzen, den man nach ein paar Jahren wieder zu Papier macht. Auch eine Form des Recycling …

  3. Ich schließe mich Philippe an: Eine Einwegtüte wandert nach etwa 20 Minuten in den Müll oder bestenfalls in die „gelbe Tonne“, was bedeutet, daß sie wahrscheinlich verbrannt oder nach Afrika verkauft wird.
    Eine Papiertüte, welche nur 1 oder 2 x verwendet wird, ist keine Entlastung für die Umwelt.
    Ich habe meine Tasche dabei, wenn ich einkaufen gehe (und auch sonst). So einfach ist das.

  4. Sicher ist es keine Lösung Plastik durch Papier zu ersetzen aber wenn mal seine Stofftüte nicht dabei hatt ist das die bessere Alternative. Leider wird es nur funktionieren wenn Plastiktüten verschwunden sind und die Papiertüte teuer bezahlt werden muss.

  5. (und ein absolutes „YAY“ für jeden, der Meeeeehrwegtaschen mit sich trägt und auch benutzt! Alles andere ist doch Firlefanz und eines denkenden Menschen kaum noch würdig…)

  6. Danke Annika 🙂

    Dann noch eine Frage, ich weiß, ich bin schlimm… was würde mit der Menge Harz, die für diesen Zweck verwendet wird, sonst geschehen? Ich nehme an, es handelt sich um ein sowieso entstehendes Abfallprodukt oder so…?

  7. Das für die hauchdünne Beschichtung der TÜTLE verwendete Harz macht weniger als 1% des gesamten TÜTLE Materials aus und kompostiert restlos. Was der alternative Verwendungszweck dieses Harzes ist, konnten wir leider nicht in Erfahrung bringen. Harz wird z.B. zur Beschichtung von Heftpflastern verwendet oder zur Behandlung von Saiten von Streichinstrumenten.

  8. Hä? Ich verstehe nicht den Unterschied zu einer anderen Papiertüte. Wieso sollte es ein Argument für manche Menschen sein, auf Plastiktüten zu verzichten. Zudem ist das auslegen eines Eimers mit Zeitungspapier immernoch die sinnvollste Methode für den Bioabfall.

  9. Papiertüten und Kartons sind beim einkaufen besser als das Plastik leider sind die meisten Lebensmittel in Plastik eingeschweißt man bekommt ja kaum noch Waren ohne Folien

  10. Genau, und gerade weil sowieso schon fast alles in Kunststoff verpackt ist, muss man eben schauen, wo man am besten Kunststoffmüll vermeiden kann, und da sind Einweg-Kunststofftüten ganz weit oben! Ich gehe aber sowieso nie ohne meine Stofftasche einkaufen, also…

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