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Von der Klimakrise profitieren? Immobilien-Kampagne entpuppt sich als fragwürdiger PR-Stunt

Foto: Growney

Das Werbevideo einer Immobilienfirma, die den steigenden Meeresspiegel für ihre Investitionen nutzen will, ist fake. Dahinter steckt der Vermögensverwalter Growney, der mit der PR-Aktion sein angeblich nachhaltiges ETF-Angebot bewirbt.

In den vergangenen Wochen landeten fragwürdige Videos der vermeintlichen Immobilienfirma „The Rise Real Estate“ im Internet. Auf YouTube wurde der Clip eines Mannes, der auf einem Feld in Norddeutschland steht und dabei das Investitionspotenzial der Klimakrise betont – „In wenigen Jahrzehnten wird hier die neue A-Lage mit Meerblick sein“ –, knapp 400.000 Mal angesehen. Das Video ist ein Fake. Die Immobilienfirma gibt es nicht. Stattdessen steckt der digitale Vermögensverwalter Growney hinter der Aktion.

Aus „The Rise Real Estate“ wurde mittlerweile „Stop the Rise“. Growney ruft mit der Kampagne zum Klimaschutz auf und verweist dabei auf sein Angebot einer als nachhaltig bezeichneten ETF-basierten Vermögensverwaltung. Das macht uns skeptisch. Zum einen, weil ETFs und Nachhaltigkeit nur schwer zu vereinbaren sind. Zum anderen, weil Greenwashing mittlerweile an jeder Ecke lauert und man immer ganz genau hinschauen muss, um zu erkennen, ob es eine Firma mit ihren grünen Botschaften wirklich ernst meint.

Das Nachhaltigkeits-Problem von ETFs

ETFs (Exchange Traded Funds) werden immer beliebter. Wie bei aktiv gemanagten Fonds können langfristig investierende Anleger von den hohen Renditen am Aktienmarkt profitieren, ohne dabei ein allzu hohes Verlustrisiko zu tragen, vor allem bei breiter Streuung des Investments auf viele verschiedene Töpfe. Ein weiterer Vorteil von ETFs ist, dass kein Fondsmanager bezahlt werden muss, die Kosten somit sehr gering ausfallen und damit auch mehr Rendite beim Anleger ankommt.

In Sachen Nachhaltigkeit stellen ETFs aber höchstens eine Kompromisslösung dar. Zwar werden bestimmte ETFs nach sogenannten ESG- (Environmental Social Governance) oder SRI-Kriterien (Socially Responsible Investment) zusammengesetzt, die nachhaltiges und ethisches Investment versprechen. Doch oft verbirgt sich hinter diesen Begriffen Greenwashing und am Ende landen selbst in vielen vermeintlich grünen ETFs Unternehmen wie Ölriesen oder Chemiekonzerne, die in einem wirklich nachhaltigen Fonds nichts verloren haben.

Beim Best-in-Class-Ansatz landen selbst extrem umweltschädliche Unternehmen im ETF solange sie nachhaltiger sind als ihre direkte Branchenkonkurrenz. (Foto: CC0 / Pixabay - stevepb)

Stiftung Warentest kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Verbraucherorganisation hat Fonds auf Nachhaltigkeitskriterien überprüft und mit 1 bis 5 Punkten bewertet. Selbst die besten ETFs kamen nur auf durchschnittliche 3 Punkte, während einige aktiv gemanagte Fonds sogar die Höchstwertung erreichten.

Auch Öko-Banken lehnen ETFs meist ab oder bewerben sie zumindest nicht. So heißt es etwa auf der Website der UmweltBank: „ETFs können aus unserer Sicht – zumindest bislang – keine wirklich grüne Geldanlage bieten.“

Doch hat Growney möglicherweise wirklich grüne ETFs entdeckt? Wir haben das nachhaltig deklarierte Angebot des Finanzdienstleisters unter die Lupe genommen.

Diese angeblich grünen ETFs nutzt Growney

Wer sein Geld bei Growney anlegt, kann zwischen klassischer und nachhaltiger Anlagestrategie wählen. Außerdem wird basierend auf den eigenen Angaben die Risikobereitschaft des Anlegers oder der Anlegerin ermittelt. Diese entscheidet über die Gewichtung von Aktien- und Anleihen-ETFs im Portfolio. Ein hoher Aktienanteil steigert die Renditeerwartung, aber auch das Verlustrisiko. Anleihen hingegen verleihen Sicherheit, schmälern aber die mögliche Rendite.

Egal, welche Risikostufe ihr wählt, es wird immer in die gleichen ETFs investiert, nur eben in unterschiedlichen Anteilen. Beim als nachhaltig deklarierten Modell sind das aktuell folgende:

  • Aktien USA: iShares MSCI USA SRI UCITS ETF – Distributing – USD (ISIN: IE00BZ173T46)
  • Aktien Schwellenländer: iShares MSCI EM SRI UCITS ETF – Distributing – USD (ISIN: IE00BGDQ0T50)
  • Aktien Europa: iShares MSCI Europe SRI UCITS ETF – Distributing – EUR (ISIN: IE00BGDPWW94)
  • Aktien Pazifik: UBS ETF – MSCI Pacific Socially Responsible UCITS ETF A-dis – USD (ISIN: LU0629460832)
  • Aktien Eurozone: UBS ETF – MSCI EMU Socially Responsible UCITS ETF (EUR) A-dis (ISIN: LU0629460675)
  • Staatsanleihen Europa: Invesco Euro Government Bond 1-3 Year UCITS ETF (ISIN: IE00BGJWWY63)
  • Unternehmensanleihen (überwiegend Europa): UBS ETF – Barclays MSCI Euro Area Liquid Corporates Sustainable UCITS ETF (EUR) A-dis – EUR (ISIN: LU1484799769)

Cleanvest, eine Website, die Nachhaltigkeitsscores für Fonds ermittelt, bewertet nur vier der obigen ETFs als „nachhaltig“, die anderen drei (Aktien USA, Aktien Schwellenländer und Staatsanleihen Europa) sind „durchschnittlich“. Wir haben außerdem noch einen Blick auf die Zusammensetzung der einzelnen ETFs geworfen und dabei festgestellt, dass es darin einige Firmen gibt, die im Widerspruch zur „Stop the Rise“-Botschaft stehen.

„Nachhaltige“ Klimakiller

Allein schon die Top-Positionen des USA- und Schwellenländer-ETFs enthalten Aktien von Nvidia, Coca Cola, Tesla, Texas Instruments, Meituan, Hindustan, Unilever und LG Chem. All diese Firmen steuern laut dem ESG Ratings & Climate Search Tool von MSCI auf eine Erderwärmung von über 2 Grad zu. Ein besonders besorgniserregendes Beispiel ist LG Chem. Würden alle Firmen ihr CO2-Budget so sehr überschreiten wie der südkoreanische Chemiekonzern, würde sich der Planet um 3,5 Grad über vorindustriellem Niveau erhitzen.

Trotz „Stop the Rise“-Botschaft: Im Growney-Portfolio sind auch klimaschädliche Unternehmen vertreten. (Foto: CC0 / Pixabay - stevepb - Medi2Go)

Hier zeigt sich die Problematik des Best-in-Class-Ansatzes. Nur weil LG Chem innerhalb der Chemiebranchen zu den nachhaltigeren Firmen zählt, landet sie in dem angeblich nachhaltigen ETF, obwohl sie massive Klimaschäden anrichtet. Der Konzern trägt also auch zum steigenden Meeresspiegel bei, was ganz und gar nicht zum Slogan „Stop the Rise“ passt.

ETFs bestehen insgesamt aus Hunderten oder gar Tausenden von Einzelpositionen. Ein paar schwarze Schafe können theoretisch durch andere Musterunternehmen ausgeglichen werden. Doch da unsere stichprobenartige Analyse bereits einen hohen Anteil an Firmen hervorbrachte, die nicht 2-Grad-kompatibel sind, gehen wir davon aus, dass die ETFs auch insgesamt nicht allzu klimafreundlich aufgestellt sind.

So rechtfertigt Growney die Wahl der ETFs

Utopia hat bei Growney nachgefragt, wie die Firma die Aufnahme solcher ETFs rechtfertigt. Pressesprecher Dirk Hempel bezeichnet die Auswahl geeigneter Investments als Gratwanderung, da man sie nicht nur von Nachhaltigkeitskriterien abhängig machen könne:

„Den größten Klimaschutz-Effekt hätte die Investition in ein einzelnes lokales Projekt – dann ist aber das Risiko der Geldanlage besonders groß. Als Finanzberatung fühlen wir uns gegenüber unseren Kunden verpflichtet, sorgsam mit diesen Risiken umzugehen. Genau an dieser Stelle gilt es eine ausbalancierte Strategie anzubieten, die unterschiedliche Kriterien erfüllt.“

Als Kriterien nennt Growney ein hohes ESG-Rating nach Best-of-Class-Ansatz, den Ausschluss bestimmter kritischer Geschäftsbereiche wie fossile Brennstoffe oder Atomenergie sowie eine möglichst hohe Nachhaltigkeitswirkung im Bereich Klimaschutz. Hinzu kommen eine breite Streuung der Geldanlage, um Risiken zu diversifizieren, hohe Fondsvolumina, um eine maximale Flexibilität zu gewährleisten, und außerdem geringe Kosten, um die Rendite hochzuhalten.

Dass es sehr schwer ist, all diese Kriterien miteinander in Einklang zu bringen, weiß auch Hempel: „Growney ist sich dieser Gratwanderung und Prozesshaftigkeit bewusst und geht damit transparent um.“ Tatsächlich informiert Growney auf der eigenen Website sehr ausführlich über das Thema nachhaltiges Investieren. In einem Artikel wird beispielsweise auch das Dilemma thematisiert, wie nachhaltig Tesla sei. Dabei ist Tesla eine der größten Einzelpositionen in dem von Growney verwendeten „nachhaltigen“ ETF-Mix.

Die Nachhaltigkeit von Tesla ist umstritten. Im Growney-Portfolio ist der Autobauer eine der größten Einzelpositionen. (Foto: CC0 / Pixabay - Blomst)

Man kann Growney also zugutehalten, dass die Firma Aufmerksamkeit für grünes Investieren schafft und mit ihrem nachhaltigen Portfolio zumindest weniger Schaden anrichtet als mit dem klassischen. Wenn die Verantwortlichen der „Stop the Rise“-Kampagne aber wirklich konsequent wären, müsste die konventionelle Vermögensverwaltung ohne Nachhaltigkeitskriterien komplett aus dem Sortiment fliegen. So riecht die Aktion mehr nach dem Aufspringen auf die grüne Welle und weniger nach echter Überzeugung.

Fazit: Aktiv verwaltete grüne Fonds meist nachhaltiger als ETFs

Die hohen Renditechancen von ETFs aufgrund ihrer geringen Kosten sind verlockend. Doch wer wirklich hohe Ansprüche an Nachhaltigkeit hat, sollte Begriffe wie ESG und SRI kritisch sehen. Was dahinter steckt, entscheidet keine unabhängige Instanz, sondern der jeweilige Emittent, und so mischen sich oftmals faule Äpfel in den Korb.

Zwar schließen nachhaltigere Angebote wie das von Growney immerhin besonders problematische Branchen wie die Rüstungsindustrie aus und sind tendenziell nachhaltiger als klassische Angebote. Doch wer sein Geld wirklich dunkelgrün anlegen will, wird bei aktiv gemanagten Fonds eher fündig. Wobei das nicht heißt, dass diese grundsätzlich nachhaltiger sind als ETFs. Wie grün ein Fonds oder ETF wirklich ist, unterscheidet sich von Einzelfall zu Einzelfall.

Cleanvest, Stiftung Warentest oder das Klima-Tool von MSCI helfen bei der Beurteilung. Das FNG-Siegel ist ein weiterer Indikator für wirklich nachhaltige Aktienfonds. Wem die Eigenrecherche zu zeitaufwändig oder kompliziert ist, kann sich auch für ein Angebot einer grünen Bank entscheiden. Deren Nachhaltigkeitskriterien sind in der Regel strenger als bei einem gewöhnlichen, mit ESG bezeichneten Fonds.

Beachte: Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung oder Kaufempfehlung dar. Wie du dein Geld am besten investierst, hängt von vielen individuellen Faktoren ab und lässt sich nicht nur anhand der Nachhaltigkeit entscheiden.

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