Nachhaltigkeit hat viele Gesichter

Nachhaltigkeit
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Nachhaltigkeit – ein schlichtes Wort, hinter dem sich viele Bedeutungen verstecken. Die genaue Definition meint soziale Gerechtigkeit genauso wie den schonenden Umgang mit Rohstoffen.
Den Begriff „Nachhaltigkeit“ kann man von mehreren Seiten sehen. Die dunkle Seite zuerst: Durch gnadenlosen Raubbau von Rohstoffen und Umweltverschmutzung haben wir die Biosphäre der Erde nachhaltig geschädigt. Das ist weder ein Geheimnis noch eine sensationelle Neuigkeit. Eine im Meer treibende Insel aus Plastikmüll, mit Giftstoffen überladene Abfallberge und die zunehmende Verschmutzung der Atmosphäre sind deutlicher Beleg für die industrielle Wegwerfkultur der letzten Jahrzehnte. Dinge werden nicht mehr repariert, sondern entsorgt – und Letzteres oft genug auf falsche Art und Weise.

Nachhaltige Müllberge

Smartphones mit fest eingebautem Akku lassen Mülldeponien wie Jardim Gramacho bei Rio de Janeiro täglich ein Stück dem Himmel entgegenwachsen. Oder besser: ließen, denn die Deponie, auf der jährlich gut 7000 Tonnen Abfall entsorgt wurden, ist mittlerweile geschlossen. Auf die Ökologie der Umgebung werden die gelagerten Schadstoffe jedoch eine „längere Zeit anhaltende[n] Wirkung“ haben. So definiert der Duden den Begriff „nachhaltig“ – und im allgemeinen Gebrauch ist er auch so gemeint, bei durchaus unterschiedlichen Auslegungen. Selbst Finanz- und Wirtschaftspolitik kommen nicht um den Begriff herum: Mit „nachhaltigem Wirtschaftswachstum“ meinen sie allerdings anhaltenden wirtschaftlichen Erfolg. Die Frage der sozialen Verteilung (Stichwort „soziale Nachhaltigkeit“) stellen sie dabei aber zumeist nicht.

Nachhaltige Interessen

So sind Mobilfunkgeräte für ihre Hersteller nachhaltig erfolgreiche Produkte – ökologisch nachhaltig sind sie nicht. Das verhindern die zu kurzlebigen Produktzyklen und der ökologische Fußabdruck der Geräte. Die Vielfalt der Interpretationen und Definitionen hat den Begriff „nachhaltig“ zu einem „Gummiwort“ gemacht. So formulierte es Karin Wullenweber schon 2000 in ihrem Artikel „Wortfang. Was die Sprache über Nachhaltigkeit verrät“.
Nachhaltigkeit ist sowohl ein gesellschaftspolitisches Konzept als auch ein Prinzip zum schonenden Umgang mit (natürlichen) Ressourcen – plus einer Handvoll Definitionen, die von der Politik geboren wurden. Dementsprechend ist es durchaus Auslegungssache, was mit Nachhaltigkeit gemeint ist, je nachdem welche Interessensgruppe den Begriff verwendet.

Müll irgendwo auftürmen – keine nachhaltige Lösung
Müll irgendwo auftürmen – keine nachhaltige Lösung (© Pixabay / Prylarer)

Nachhaltige Wirtschaft

Während der Begriff „Nachhaltigkeit“ in der Regel eine Idee vermitteln soll und dadurch als Synonym für viele kleine Mosaiksteine in einem System verwendet wird, haben sich auch eine Reihe „offizieller“ Definitionen etabliert. Die Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftspolitik meint damit einen dauerhaften wirtschaftlichen Erfolg sowie anhaltendes – und somit nachhaltiges – Wirtschaftswachstum. Aktuell breiten Raum nimmt auch die Sichtweise des Begriffs „Nachhaltigkeit“ in Bezug auf ökologische Modernisierung ein.

Was sind nachhaltige Produkte?

Nachhaltige Produkte hinterlassen einen möglichst geringen ökologischen Fußabdruck. In der Regel sind sie hinsichtlich ihrer Ökobilanz (von den Rohstoffen über Fertigung, Auslieferung und Gebrauch bis zum Tod) sozusagen „ausgeglichen“. Das bedeutet: Nachhaltige Produkte sollten sowohl eine hohe Lebensdauer aufweisen als auch bei Herstellung und Entsorgung die Umwelt möglichst wenig belasten.

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Das Gegenteil von nachhaltig

Nicht gerade nachhaltigen Prinzipien folgt die Elektronikindustrie. Auch wenn sich beispielsweise Smartphone-Hersteller gerne durch „nachhaltige Produktion“ einen grünen Anstrich geben – ihre Produkte sind es in der Regel leider nicht. Die Mobilfunkindustrie ist aufgrund ihrer Produktzyklen ein leuchtendes Beispiel dafür: Geräte sind nicht für einen langjährigen Einsatz gedacht, sondern sollen am Besten mit jeder neuen Generation ausgetauscht werden. Da gibt es nur wenige Ausnahmen, etwa das Fairphone 2.
In eine ähnliche Richtung geht auch die Autoindustrie: Sie wirbt ebenfalls nicht mit der Nachhaltigkeit ihrer Produkte, sondern mit einer nachhaltigen Fertigung. Das ist nicht perfekt, aber besser als nichts. Elektroautos könnten im Betrieb zwar nicht nachhaltig, aber wenigstens CO2-neutral fahren, wenn sie mit echtem Ökostrom betankt würden.

Hans Carl von Carlowitz sprach bereits 1713 in Bezug auf Forstwirtschaft“ von „Nachhaltigkeit“
Hans Carl von Carlowitz sprach bereits 1713 in Bezug auf Forstwirtschaft“ von „Nachhaltigkeit“ (© Wikimedia)

Wo kommt Nachhaltigkeit her?

Der Ursprung des Begriffs „Nachhaltigkeit“ (englisch: sustainability) umschreibt bereits die heute hinter ihm stehende Idee: Erstmals verwendet wurde er nämlich im Jahr 1713 in Bezug auf eine „nachhaltige Forstwirtschaft.“ Geprägt hat den Begriff Hans Carl von Carlowitz, ein königlich-polnischer und kurfürstlich-sächsischer Kammer- und Bergrat. Er verwendete ihn in seiner „Sylvicultura oeconomica, oder haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur wilden Baum-Zucht“, dem ersten forstwirtschaftlichen Gesamtwerk. Anlass war die übermäßige Waldvernichtung im 18. Jahrhunderts, die umfassende Aufforstungen notwendig machte, um die Waldbestände zu erhalten.

Nachhaltigkeit wird salonfähig

Zwischen der erstmaligen Erwähnung von Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft bis zu seiner gesellschaftlichen Kenntnisnahme liegen einige Jahre. Erst 1952 heißt es in den Grundsätzen der Interparlamentarischen Arbeitsgemeinschaft für naturgemäße Wirtschaftsweise: „Mit den sich erneuernden Hilfsquellen muss eine naturgemäße Wirtschaft betrieben werden, so dass sie nach dem Grundsatz der Nachhaltigkeit auch noch von den kommenden Generationen für die Deckung des Bedarfs der zahlenmäßig zunehmenden Menschheit herangezogen werden können.“ Nachzulesen bei Klaus-Georg Wey: Umweltpolitik in Deutschland: kurze Geschichte des Umweltschutzes in Deutschland seit 1900. Westdeutscher Verlag, Opladen 1982.

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Nachhaltigkeit wird zum Konzept

Eine recht weitreichende Definition von Nachhaltigkeit hat ihre Wurzeln in der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung im Jahr 1992. Damals wurde Nachhaltigkeit als Bündel verschiedener politischer Interessen dargestellt. Das Ziel: Ökologische, ökonomische und soziale Ziele haben einen gleichrangigen Stellenwert im Staat. Aus diesem Ansatz entwickelte die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags letztlich das „Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit“. Dieses Modell will ökologische, ökonomische und soziale Komponenten zu einem Gesamtkunstwerk vereinen.

Die drei Säulen der Nachhaltigkeit

Das Drei-Säulen-Modell (oder Nachhaltigkeitsdreieck genannt) will folgende Komponenten gleichberechtigt unter einen Hut bringen (nicht nur im Staat, sondern multilateral):

  • Ökologische Nachhaltigkeit: Sie ist in der Öffentlichkeit am bekanntesten und orientiert sich am Ziel, Raubbau an der Natur zu vermeiden. Alle Ressourcen sollten nur in einem Ausmaß konsumiert werden, das die Regeneration der Natur erlaubt.
  • Ökonomische Nachhaltigkeit: Hier geht die Definition über den Betrieb einer dauerhaft florierenden Wirtschaft hinaus. Die Gesellschaft hat sich wirtschaftlich so zu verhalten, dass kommenden Generationen kein Schaden entsteht.
  • Soziale Nachhaltigkeit: Spannungen und Konflikte in der Gesellschaft müssen minimiert sowie friedlich ausgetragen und bereinigt werden.

Oft wird auch eine vierte Ebene ins Spiel gebracht, die politische Nachhaltigkeit, wie beispielsweise die Bildungspolitik eines Landes.

Windenergie – oft ein Symbol für Nachhaltigkeit bei der Energiegewinnung
Windenergie – oft ein Symbol für Nachhaltigkeit bei der Energiegewinnung (© Pixabay / b1-foto)

Kritik am Nachhaltigkeitsdreieck

So gut das Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit auf den ersten Blick aussieht, es stößt auch auf Kritik. Bemängelt wird immer wieder die gleichrangige Gewichtung der Einzelkomponenten. In der Praxis müsse die ökologische Nachhaltigkeit als Basis im Vordergrund stehen. Eine sogenannte „schwache Nachhaltigkeit“ würde beispielsweise Ökologie und Ökonomie auf die gleiche Stufe stellen. Das heißt: Stimmt die Wirtschaft, dann darf auch die Natur geschädigt werden. Als zielführend gilt dagegen eine „starke Nachhaltigkeit“, in der die Wirtschaft eingeschränkten Spielraum hat, der sich der Erhaltung der Lebensbedingungen unterordnet.

Nachhaltigkeitsdreieck im Wandel

Globale und gesellschaftliche Entwicklungen haben eine Weiterentwicklung des Drei-Säulen-Modells der Nachhaltigkeit gefordert. Dabei dreht sich die Diskussion sowohl um die Grundprinzipien als auch um die Frage, ob diese nicht in Details zerlegt oder erweitert werden müssen. So hat beispielsweise das Forschungszentrum Karlsruhe das Nachhaltigkeitsdreieck als Basis genommen und eine integrierte Sichtweise entwickelt. „Die generellen Nachhaltigkeitsziele im Einzelnen sind ‚Sicherung der menschlichen Existenz‘, ‚Erhaltung des gesellschaftlichen Produktivpotentials‘ und ‚Bewahrung der Entwicklungs- und Handlungsmöglichkeiten‘“, so das Forschungszentrum Karlsruhe.

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Nachhaltigkeit als Forschungsgegenstand

Auch die Wissenschaft hat den Begriff „Nachhaltigkeit“ für sich entdeckt: „Nachhaltigkeitswissenschaft“ (Sustainability Science) heißt die Disziplin, die 2001 auf dem Kongress „Challenges of a Changing Earth“ in Amsterdam das Licht der Welt erblickte. Eines der Hauptmerkmale der Nachhaltigkeitswissenschaft ist ihre praktische Ausrichtung auf die Lösung von gesellschaftlichen und globalen Problemen. Sie umfasst außerdem die verschiedensten anderen wissenschaftlichen Disziplinen, da sie quasi alle Bereiche tangiert.

Nachhaltigkeit auf den Punkt gebracht

Viele Definitionen, viele Ideen – aber eine gemeinsame Richtung. Eine nachhaltige Entwicklung findet dann statt, wenn sie die eigenen Bedürfnisse befriedigt, ohne zukünftige Generationen in ihren Möglichkeiten einzuschränken.
„Nachhaltige Politik soll jene Rahmenbedingungen schaffen, die gleichzeitig die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten, wirtschaftlichen Wohlstand ermöglichen und für sozialen Ausgleich sorgen“, formuliert beispielsweise die Verwaltung der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz auf ihrer Website sehr treffend.
Deshalb sollte man sich von der Definitionsvielfalt von Nachhaltigkeit nicht allzu sehr verwirren lassen, sondern immer die dahinterstehende Idee im Auge behalten: „Nachhaltigkeit bedeutet wesentlich das Miteinander von Mensch, Natur und Wirtschaft zum Nutzen aller Beteiligten.“

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(3) Kommentare

  1. Der Sache nach gibt es das, was 1713 im Deutschen den Namen „Nachhaltigkeit“ bekam, schon in fast jeder Jagd- und Sammelkultur; schriftlich zu den ältesten Zeugnissen gehört die hebräische Bibel (vom Christentum „Altes Testament“ genannt), wo z.B. die Weisung ausgegeben wird, dass die Leute nicht Vogelnester übermäßig plündern sollen (damit näml. noch Nachwuchs übrig bleibt); außerdem sogar dem Ochsen des „Feindes“ aus der Grube helfen sollen (auch das ist letztlich ein Aspekt von Nachhaltigkeit, weil gemeinsame Lebensgrundlagen, letztlich nur durch Kooperation, im Not-Fall sogar unter sonst zerstrittenen Menschen, erhalten bleiben).

    • Und ebenso gab es schon immer die Verstöße gegen Nachhaltigkeit.
      Sehr zu empfehlen ist das Buch 10000 Jahre Eurasien.
      http://www.spektrum.de/rezension/buchkritik-zu-10000-jahre/1435200
      Es liest sich locker rein und informiert nebenbei wissenschaftlich fundiert über die großen Wanderbewegungen, erste große Kulturen und Städte, sowie deren Aufgabe wegen Raubbau und Überweidung.
      Aber man geht davon aus, daß nicht nur Not die Menschen auf ihre Wanderungen getrieben haben, sondern auch die blanke Neugierde auf das, was sich hinter dem nächsten Berg befindet und hinter dem danach und hinter dem nächsten…

  2. Guter Artikel/Überblick über die historische Entwicklung bis zum inflationären Gebrauch des Begriffs der Nachhaltigkeit.
    Die Komplexität wird ja auch an dem eingestreuten Bildbeispiel „Windkraft “ sehr deutlich. noch vor wenigen Jahren für eine der nachaltigsten Energiegewinnungstechnologien der deutschen Energiewende schlechthin gehalten, offenbart sich inzwischen das komplette Gegenteil – Natur und Gesunfheitszerstörung hinter deren Ausmass sich die Atomindustrie verstecken kann (ökologische Nachhaltigkeit), keine stabile Energiegewinnung (ökonomische Nachhaltigkeit), Umverteilung via EEG & Co. von vielen privaten Stromkostenzahlern zu wenigen Profiteuren (soziale Nachhaltigkeit)

    An dem Beispiel zeigt sich, ebenso wie bei der oben ja auch erwähnten und so sehr gehypten Digitalisierungs- und Mobilfunksucht, wie wichtig es ist, Ideen, die nachhaltig erscheinen in ihrer Umsetzung sorgfältig daraufhin zu überprüfen, ob sich die Erwartungen auch tatsächlich erfüllen. Dann ist es ggf. notwendig eingeschlagene Wege wieder zu korrigieren. So ist Nachaltigkeit im menschlichen Handeln, zusammen mit der Begriffsdefiniton und Historie, immer wieder auch ein fortwährender Prozess aus Versuchen, Erkenntnissen und Veränderungen.

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