„Euer Klatschen könnt ihr euch sonstwohin stecken“: Wütender Post einer Pflegerin geht viral

Bild: Screenshot Facebook / Nina Magdalena Böhmer

Pflegekräfte werden in Deutschland und international zurzeit als Held*innen gefeiert. Die symbolische Solidarität reicht aber nicht, sagt eine Pflegefachkraft aus Berlin. In einem tausendfach geteilten Facebook-Post beschwert sie sich über die Zustände im Gesundheitssystem.

In der Corona-Krise wird deutlich, wie wichtig die Arbeit von Pflegekräften und anderem medizinischen Personal für die Gesellschaft ist. Während die Mehrheit der Bevölkerung zu Hause bleibt, kümmern sie sich um Kranke und Corona-Patient*innen – und bringen sich dabei selbst in Gefahr.

Viele Unternehmen und Politiker*innen haben sich in den letzten Wochen öffentlich bei Pflegekräften bedankt. In einigen Städten haben sich außerdem Bürger*innen an ihren Fenstern und Balkonen verabredet, um für sie zu klatschen. Auch im Bundestag wurde vergangenen Mittwoch geklatscht. Das genügt aber nicht, sagt Nina Magdalena Böhmer, eine Pflegerin aus Berlin. „Euer Klatschen könnt ihr euch sonstwohin stecken ehrlich gesagt“, schrieb sie in einem Post auf Facebook.

Personaluntergrenzen gelten nicht mehr

In dem Post zählte sie die Gründe für ihre Wut auf: „Erst sollen wir einen Mundschutz und Schutzkittel für mehrere Patienten benutzen. Wir sollen weiter arbeiten, wenn wir Kontakt zu einem Corona/Covid-19 Patienten hatten. Dann werden Personaluntergrenzen ausgesetzt, für die lange gekämpft wurde.“

Die Untergrenzen sollten eigentlich gewährleisten, dass genug Personal für die Patient*innen da ist. In der Intensivmedizin darf eine Pflegekraft höchstens 2,5 Patient*innen betreuen, in der Herzchirurgie sind es sieben. Damit Krankenhäuser flexibler auf das Coronavirus reagieren können, sind sie nicht mehr verpflichtet, diese Grenzen einzuhalten. Für das Pflegepersonal bedeutet das vor allem eins: noch mehr Belastung in einem ohnehin schon stressigen Job.

Quarantänezeit für medizinisches Personal darf verkürzt werden

Böhmer kritisierte in ihrem Facebook-Post außerdem den Gesundheitsminister Jens Spahn – und das Robert-Koch-Institut (RKI): „Und jetzt müssen wir nicht mehr in Quarantäne nach Kontakt [mit einem Covid-19-Infizierten, Anmerkung der Redaktion], wir können schon früher zur Arbeit gerufen werden, sagt das RKI! Diejenigen, die hier empfehlen, dass am besten alle zu Hause bleiben sollen wegen dem gefährlichen Virus!“

Das Institut hatte vergangene Woche die Quarantäne-Empfehlungen für medizinisches Personal gelockert: Wenn bei Ärzt*innen, Pflegekräften und Co. das Risiko besteht, dass sie sich mit dem Coronavirus angesteckt haben, müssen sie sich zu Hause isolieren. Die häusliche Quarantäne kann aber auf sieben Tage reduziert werden. Zuvor waren es zwei Wochen gewesen.

„Wir sollen jetzt die Helden sein und werden so behandelt?“

„Ich bin richtig doll traurig und enttäuscht, ich fühle mich verarscht und ich kann es nicht fassen. Ich bin ernsthaft sprachlos“, schrieb Böhmer auf Facebook. „In einem Beruf der jahrelang unterbezahlt ist…wo alle am Limit arbeiten…wir sollen jetzt die Helden sein und werden so behandelt?“ Statt symbolischer Solidarität wie der Klatsch-Aktion wünscht sich die Pflegerin Unterstützung beim Kampf für bessere Arbeitsbedingungen. Böhmers Post wurde mehr als 85.000 Mal geliked und mehr als 70.000 Mal geteilt. In den Kommentarspalten erhielt sie viel Zustimmung für ihre Worte.

Utopia meint: In einer Krise wie der Corona-Pandemie steigt der Druck auf das Gesundheitswesen: Plötzlich gibt es deutlich mehr Patient*innen, während die Zahl der Ärzt*innen und Pflegekräfte gleichbleibt. Fatal wird es, wenn das medizinische Personal ohnehin schon am Rande der Belastungsgrenze arbeitete. Schon lange klagen vor allem Pflegekräfte über Personalmangel, extremen Stress und schlechte Bezahlung. Für die Arbeit, die sie täglich leisten, verdienen sie mehr Wertschätzung – auch nach der Corona-Krise.

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(2) Kommentare

  1. Ein Pfui an unsere Politik! Natürlich freut sich jeder im Gesundheitswesen über eine Bonuszahlung aber es ist absolut unfair wenn es von Bundesland zu Bundesland variiert! Warum wurde nich gesagt 2 Monatsgehälter werden Steuerfrei gesetzt???
    Ich fühle mich mal so richtig vom RKI und Politik verarscht!