Strengere Fischfangregeln in der Ostsee: 4 Gründe, warum wir nicht jubeln sollten

Strengere Fischfangregeln in der Ostsee: Warum das keine so gute Nachricht ist
Foto: CC0 Public Domain / Pixabay - Americanet

Ab 2022 gelten in der westlichen Ostsee strengere Fangquoten zur Dorsch- und Heringsfischerei. Was sich zunächst gut anhört, kommt aber mit einigen Einschränkungen.

Fischer:innen dürfen in der westlichen Ostsee 2022 keinen Dorsch mehr fangen – und Hering nur noch in Ausnahmen gezielt. Die EU-Länder einigten sich vergangene Woche angesichts bedrohter Bestände darauf, dass beim Dorsch Beifang in Höhe von knapp 490 Tonnen möglich sein soll und 788 Tonnen Hering gefischt werden dürfen, wie aus einer Mitteilung der EU-Länder hervorgeht. Gezielte Heringsfischerei mit Schleppnetzen wird untersagt.

In diesem Jahr dürfen EU-weit noch 1600 Tonnen westlicher Hering und 4000 Tonnen westlicher Dorsch gefangen werden. Hintergrund der neuen Regeln sind besorgniserregende Entwicklungen vieler Fischbestände in der Ostsee. Die neuen Regelungen sind wichtig, gehen aber nicht weit genug.

1. Es gibt Schlupflöcher und Ausnahmen

In der EU-Einigung zum Hering findet sich eine Ausnahmegenehmigung für Fischerboote unter zwölf Meter, die mit „passivem Fanggerät“, also etwa Stellnetzen, weiterhin gezielt Heringe fischen dürfen. Dorsch darf im nächsten Jahr nicht mehr gezielt gefangen werden. Beifang ist bis zu einer Obergrenze jedoch weiterhin erlaubt. Beifang auch zu nutzen, klingt zunächst sinnvoll. Sind sie erst einmal gefangen, überleben es viele Meerestiere nicht, wenn sie zurück ins Meer geworfen werden. Dann ist es doch besser, ungeplant gefangenen Beifang zu nutzen, statt weitere Fische zu fangen – oder?

Das Problem sind mangelnde Kontrollen. „Wir fordern bessere Kontrollen für die Einhaltung der Fanggrenzen (…) und die Überwachung der Anlandeverpflichtung auf See. Nach wie vor werden jedes Jahr mehrere Tonnen an Dorschen illegal über Bord geworfen“, erklärt Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH).

Heringe sind beliebt für Fischöl. Einige Bestände sind in kritischem Zustand.
Kleinere Fischerboote dürfen weiterhin Hering fischen. (Foto: CC0 / Pixabay / PublicDomainPictures)

2. Es ist zu spät für die Entscheidung

Für den Dorsch hat die EU womöglich zu lange gezögert. „Die starke Reduzierung der erlaubten Fänge vom westlichen Dorsch ist richtig, kommt allerdings zu spät», sagt Dr. Rainer Froese, Wissenschaftler am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung. «Bereits im letzten Jahr war absehbar, dass es nur noch einen Jahrgang von Dorschen gibt anstatt der üblichen zehn bis zwölf – und dass sich dieser bisher nicht erfolgreich fortgepflanzt hat.» Der letzte Jahrgang sei von 2016, so der Fischereibiologe.

Wäre die Einstellung gezielter Fänge bereits im vergangenen Jahr beschlossen worden, wie vom Geomar und von Kieler Fischer:innen gefordert, gäbe es jetzt eine Millionen mehr Laichdorsche, und die Chancen für eine Erholung des Bestandes wären deutlich besser, erläutert Froese. „So wie es jetzt steht, können wir nur hoffen, dass der Dorschbestand nicht bereits verloren ist.“

3. Zu hohe Fangquoten

Die DUH und die Initiative Our Fish kritisieren, dass einige der festgelegten Fangquoten für 2022 hinter wissenschaftlichen Empfehlungen zurückbleiben. So dürfen rund 165 Tonnen westlicher Dorsch mehr gefischt werden als von der EU-Kommission vorgeschlagen. Lachs, westlicher Hering sowie westlicher und östlicher Dorsch sind laut DUH in einem so schlechten Zustand, dass sie für die Fischerei nicht mehr nutzbar sind. Um Dorsch und Hering zu retten, brauche es einen „sofortigen Fangstopp“ sowie „weitere einschneidende Maßnahmen“, so Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der DUH.

4. Die Fangquoten sind regional begrenzt

Einige Fischarten, darunter der westliche Hering, wandern. Um sie effektiv zu schützen, sind Maßnahmen in allen Gegenden gefragt, in denen sie leben. Außerdem können Fangquoten in einer Region dazu führen, dass immer mehr Fischer:innen auf weniger reglementierte Regionen ausweichen, was dort zu einer stärkeren Überfischung führen kann. Das Problem: Je mehr Länder bei den Fangquoten mitentscheiden, desto langwieriger wird der Prozess – und das geht wiederum zulasten der Fische. Ziel sollte es nun also sein, durch internationalen Abkommen flächendeckenen Artenschutz zu gewährleisten.

Das kannst du tun

Wenn du etwas gegen das Artensterben im Meer tun willst, ist der naheliegendste Weg, keinen Fisch zu essen. Weitere Gründe gegen Fischkonsum findest du in unserem Artikel 5 Argumente gegen Fisch. Wenn du auf Fisch nicht vollständig verzichten magst, solltest du beim Kauf auf ein paar Dinge achten. Wir erklären dir, wie du möglichst nachhaltigen Fisch erkennst. Oder du probierst einfach mal eine der vielen pflanzlichen Fischalternativen, die es inzwischen zu kaufen gibt.

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