Anthropomorphismus: Warum wir Tiere vermenschlichen

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Anthropomorphismus beschreibt das Phänomen, dass wir Tieren und Objekten menschliche Eigenschaften zuschreiben. Was es genau damit auf sich hat, erfährst du in diesem Artikel.

Der Begriff des Anthropomorphismus geht zurück bis ins sechste Jahrhundert vor Christus. Damals hob der Philosoph Xenophanes hervor, dass Götterbilder dem Menschen in ihrer Gestalt stark ähnelten. Er schlussfolgerte, dass die Menschen ihre eigenen Eigenschaften und Verhaltensweisen einfach auf die Götter übertrugen. Heute beschreibt der Begriff auch die Vermenschlichung von Tieren, Gegenständen, Wettererscheinungen und anderen nichtmenschlichen Entitäten.

Insbesondere die Übertragung menschlicher Charakteristika auf Tiere birgt dabei sowohl Chancen als auch Gefahren – je nachdem, wie weit wir es mit der Vermenschlichung treiben.

Wie funktioniert Anthropomorphismus?

In Kinderbüchern und -serien begegnen uns besonders oft anthropomorph dargestellte Tiere. Diese werden mit menschlichen Erlebnissen konfrontiert, können sprechen, lachen und weinen wie Menschen. In Fabeln treten sie sogar als die zentralen Protagonist:innen auf und verkörpern jeweils bestimmte Eigenschaften. Der Fuchs gilt beispielsweise als klug und hinterhältig, das Lamm als naiv und brav und die Elster als gierig.

In der Kinderliteratur kommt Anthropomorphismus auf diese Weise zum Einsatz, um Kindern das Verstehen einer Geschichte zu erleichtern. Da die Charakterzüge für bestimmte Tiere immer wiederkehren, ist die Handlung leichter durchschaubar. Beispiele für anthropomorphe Kindergeschichten sind zum Beispiel Käpt’n Blaubär, Benjamin Blümchen, Biene Maja oder die Sendung mit der Maus.

Auch in Filmen oder Dokumentationen über wildlebende Tiere ist Anthropomorphismus zu entdecken – zum Beispiel dann, wenn die Erzählstimme Tiere als traurig, wütend oder fröhlich beschreibt.

Wenn wir Objekte oder Erscheinungen in der Natur vermenschlichen, dient dies oft zur Vereinfachung eines eigentlich komplexen Sachverhalts. Mit „Mein Laptop macht schon wieder ein Nickerchen“ wollen wir verdeutlichen, dass der Laptop aufgrund eines technischen Problems nicht mehr richtig funktioniert. Sätze wie „Da leidet der Wald wieder“ oder „Gleich legt der Sturm noch mal richtig los“ vereinfachen die komplexen Abläufe und Konsequenzen in unserer Umwelt. Tatsächlich scheinen wir laut einer Untersuchung der Psycholog:innen Heider und Simmel aus dem Jahr 1944 schnell dazu zu neigen, nichtmenschlichen Entitäten etwas Menschliches zuschreiben zu wollen. Ganz egal, ob es sich dabei um unser Handy, den Staubsaugerroboter oder eine vorbeiziehende Wolke handelt.

Anthropomorphismus bei Tieren: Gerechtfertigt?

Anthropomorphismus kann dazu beitragen, dass wir mehr Empathie für Tiere empfinden.
Anthropomorphismus kann dazu beitragen, dass wir mehr Empathie für Tiere empfinden. (Foto: CC0 / Pixabay / IMAGE-WS)

Dass Tiere nicht genauso denken und fühlen, wie dies zum Beispiel Kindertrickfilme darstellen, ist unbestritten. Doch entgegen der verbreiteten Meinung vertritt der Verhaltensbiologe Karsten Brensing die These, dass Tiere auf jeden Fall denken und fühlen – und sich in dieser Hinsicht gar nicht so sehr vom Menschen unterscheiden.

Menschen und Tiere haben sich gemeinsam evolutionär entwickelt. Genau genommen fallen Menschen dabei in die Kategorie der Säugetiere. Dass sich der Mensch durch sein Denken vom Tier unterscheidet, ist laut Brensing eine überholte Vermutung. Tatsächlich laufen bei Tieren im Nervensystem die gleichen Prozesse und Funktionen ab. Das ist sogar wissenschaftlich belegt: So bestehen Tiere die gleichen Tests für logisches Denken wie Menschen.

Im Alltag, der von vielen Routinen bestimmt ist und in dem wir uns auf einfache Steuerungsmechanismen verlassen können, nutzen wir deshalb vor allem unser tierisches Gehirn. Das bedeutet, wir fühlen und denken dann so, wie alle anderen Tiere auch. Nur bei komplexeren Denkprozessen hat der Mensch Tieren etwas voraus. Beispielsweise können wir abstrakt denken und uns deutlich mehr Dinge merken, als dies bei den meisten Tieren der Fall ist.

Trotzdem betont Brensing, dass wir die Gedanken- und Gefühlswelt der Tiere stark unterschätzen. Er würde sich wünschen, dass wir Tiere noch stärker vermenschlichen. Schließlich gibt es wenige Gründe die starke Diskrepanz zwischen Tier und Mensch weiterhin aufrechtzuerhalten.

Und schließlich kann sich Anthropomorphismus positiv auf unsere Einstellung zu Tieren auswirken, so die FAZ. Wenn wir auch Tieren gegenüber Empathie zeigen, weckt dies in uns eventuell auch einen Beschützerinstinkt. Das führt vielleicht sogar dazu, dass wir uns stärker für Tierschutz engagieren. Mehr dazu erfährst du hier: Empathie für Tiere: Warum sie so wichtig ist.

Wenn die Vermenschlichung von Tieren zu weit geht

Vermenschlichen wir Tiere zu sehr, kann dies für Mensch und Tier fatale Folgen haben.
Vermenschlichen wir Tiere zu sehr, kann dies für Mensch und Tier fatale Folgen haben. (Foto: CC0 / Pixabay / StockSnap)

Nichtsdestotrotz kann Anthropomorphismus bei Tieren auch negative Auswirkungen haben – insbesondere dann, wenn wir unseren Haustieren menschliche Bedürfnisse unterstellen. Dann schlafen Tiere mit Menschen gemeinsam in einem Bett, verbringen den Großteil ihres Tages in der Wohnung und bekommen hin und wieder mal ein paar Süßigkeiten ab.

Das kann laut einem MDR-Artikel für beide Seiten fatale Folgen haben: So müssen Hunde und Katzen beispielsweise ausreichend Auslauf haben und sich austoben können. Zudem sollten Katzen und Vögel immer die Möglichkeit haben auf Jagd zu gehen. Und auch hinsichtlich der Ernährung gibt es für Tiere andere Dos and Dont’s: Zum Beispiel sind einige Lebensmittel, die wir gern essen, für Tiere giftig. Für Hunde kann beispielsweise Schokolade lebensbedrohlich werden. Bei manchen Fleischfressern kann eine vegane oder vegetarische Ernährungsweise Mangelerscheinungen hervorrufen, die bis zum Tod führen können. Das gilt insbesondere für Katzen.

Außerdem gibt es zahlreiche Krankheitserreger, die zwischen Mensch und Tier übertragen werden . Fangen sich Hunde beim Spaziergang im Wald zum Beispiel den Fuchsbandwurm ein, geht der Erreger beim engen Kuscheln schnell auf den Menschen über. Auch in die andere Richtung ist dies gefährlich: Menschen können Tieren zum Beispiel Herpes übertragen. Für Kaninchen und Chinchillas kann dies tödlich enden.

Fazit: Anthropomorphismus in Maßen!

Die Vermenschlichung von Tieren und Objekten ist oftmals harmlos. Sie hilft uns dabei, komplexe Sachverhalte herunterzubrechen und kann für Humor und Leichtigkeit im Alltag sorgen. Anthropomorphismus bei Tieren kann uns zudem dabei helfen, mehr Empathie für sie zu entwickeln und uns dementsprechend rücksichtsvoll zu verhalten oder für die Rechte von Tieren zu kämpfen.

Treiben wir es mit der Vermenschlichung jedoch zu weit und behandeln Tiere einfach wie etwas anders aussehende Menschen, ist die Beziehung vor allem für die betroffenen Tiere nicht mehr gesund. Deshalb solltest du dich stets ausführlich über die spezifischen Bedürfnisse eines Haustieres informieren, bevor du dich dazu entschließt, mit ihm zusammenleben zu wollen.

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